Dann waren die Lager aus dem Gedächtnis entschwunden

AugenzeugInnen erinnern sich an ein Zwangsarbeitslager von Siemens in der Nürnberger Gartenstadt

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Drei Menschen aus der Nürnberger Gartenstadt, die in den 1940er Jahren zwischen 7 und 15 Jahre alt waren, erinnern sich bruchstückhaft an ein Lager, in dem mal Männer, mal Frauen aus anderen Ländern inhaftiert waren und die jeden Morgen in Kolonnen zur Arbeit marschieren mussten. Sie selbst lebten in direkter Nachbarschaft zu den Baracken, doch der Kontakt zu den dortigen Insassinnen und Insassen war ihnen untersagt – das war allen bekannt. Bekannt war auch der deutsche Lagerleiter und bekannt war: Die Menschen aus sämtlichen europäischen Länder leisteten Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie. Dennoch sind diese Zwangsarbeitslager in der deutschen Gesellschaft in Vergessenheit geraten.

Die Zwischenfälle erinnern an eines von 100 Lagern, das sich in der Nürnberger Gartenstadt befand.

Danksagung

 
  • Wir danken  Kurt Hölzlein, Therese Ehle und Hilde Liebold für ihre Bereitschaft, ihre Erinnerungen an das Zwangsarbeitslager mitzuteilen.
  • Wir danken Frank Hotze von „Bunter Tisch Gartenstadt und Siedlungen Süd“, der zu den Gesprächen in den Kulturladen Gartenstadt einlud und uns dabei hinzugezogen hat:
    http://www.bunter-tisch-gartenstadt.de/aktivitaeten/erinnerungsarbeit/

Frauen in die Räte! - Der Rätekongress 1919 in München

Am 2. Rätekongress in München vom 25. Februar bis zum März 1919 nahmen 300 Delegierte teil, nur acht von ihnen waren Frauen. Einige von ihnen stießen spannende Diskussionen an über die Rolle der Frauen bei den grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungen, die man glaubte erreichen zu können.

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Die gesellschaftlichen Verhältnisse mussten sich grundlegend ändern. Davon waren diejenigen überzeugt, die 1918/19 in Bayern für eine Räterepublik kämpften. Wie sollte man einen Sozialismus aufbauen, wie konnte man Gleichheit und Freiheit für alle erreichen? Über diese Fragen wurde heftig gestritten. Eine wichtige Frage war auch die der Gleichberechtigung der Frauen, die bis zur Revolution ja nicht einmal wählen durften.

Der 2. Rätekongress, der vom 25. Februar bis zum 8. März 1919 in München tagte stritt heftig über diese Fragen. Bisher wenig bekannt war die wichtige Rolle, die die Frauen auf diesem Kongress spielten. In den Kongressprotokollen finden sich spannende Diskussionen die von den wenigen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts dort angestoßen wurden. Sie haben das Wort in unserem Beitrag.

Quellen

 
Stenographischer Bericht über die Verhandlungen des Kongresses der Arbeiter- Bauern- und Soldatenräte. Vom 25. Februar bis 8. März 1919 in München, eingel. v. Gisela Kissel u. Hiltrud Witt, Glashütten im Taunus 1974:
  • http://daten.digitale-sammlungen.de/0000/bsb00009689/images/index.html?fip=193.174.98.30&id=00009689

Danksagung

SprecherInnen:

  • Jule Schröter
  • Anja Fries
  • Silke Kruse
  • Martina Fries
  • Heike Herzog
  • Markus Hepp

"Würden Barrikaden gebaut – ich wäre der erste, der sich daraufstellte"

Vor 100 Jahren war Revolution in Baiern. Kurze Zeit bestand sogar eine Räterepublik, an die sich die Hoffnung auf eine grundlegende Änderung der Verhältnisse knüpfte. Eine szenische Lesung in 5 Akten.

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Revolutionen sind, nach Karl Marx, die Lokomotiven der Geschichte. Dies gilt entgegen allem Anschein auch für die bairische Revolution von 1918/19, die eine vier Wochen bestehende Räterepublik hervorbrachte und schließlich unter dem Terror der weißen Garden zerbrach.

Der Beitrag ist ein Mitschnitt einer szenische Lesung vom 7. Mai 2019 in der Stadtbibliothek Erlangen.

Zeitgenössische LiteratInnen und RevolutionärInnen kommen zu Wort. Texte von Georg Heym, Ret Marut, Hilde Kramer, Ernst Toller, Jakob van Hoddis, Oskar Maria Graf, Heinrich Mann, Lida Gustava Heymann, Erich Mühsam, Rosa Leviné und Toni Sender lassen eine Zeit lebendig werden, in der die Menschen von der Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung mitgerissen wurden.

Quellen

Webseite mit gut recherchierten Artikeln zu den Ereignissen in Franken: http://revolution-baiern.de/

  • Oskar Maria Graf, Wir sind Gefangene
  • Ernst Toller: Masse Mensch (Sarah Sonja Lerch) - Ernst Toller: Masse-Mensch. (Niederschönenfeld 1919) Stuttgart 2015
  • Georg Heym Tagebuch - Georg Heym: Zweites Tagebuch. In Schneider: Dichtungen und Schriften. Tagebücher, Träume, Briefe. Hamburg 1960
  • Jakob van Hoddis: Weltende - Paul Pörtner: Jakob van Hoddis, Weltende. Gesammelte Dichtungen. Zürich 1958
  • Ret Marut, Bauet Narrenhäuser - Ret Marut: Der Ziegelbrenner. (1917-21) In Kapfer/Reichert: Umsturz in München. München 1988
  • Hilde Kramer: Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographisches Fragment. 1900-1924, hrsg. v. Egon Günther, Berlin 2011
  • Lida Gustava Heymann: Erlebtes - Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden, 1850-1940. In Zusammenarbeit mit Anita Augspurg, hrsg. v. Margrit Twellmann, Frankfurt am Main (2)1992.
  • Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. Berlin-Britz 1929
  • Rosa Leviné: Aus der Münchener Rätezeit. Berlin 1925.
  • Alois Lindner: Abenteuerfahrten eines revolutionären Arbeiters. (1924) In Kapfer/Reichert: Umsturz in München. München 1988.

Danksagung

http://revolution-baiern.de/

Es sprachen:

  • Martina Fries
  • Nadja Bennewitz
  • Michael Liebler

"Ich marschier’ net, sondern ich latsch" - Das renitente Mädchen Rosa Degenhardt, geboren 1929

Rosa Degenhardt ist eine reflektierte Zeitgenossin. Geboren 1929 in Nürnberg, verbrachte sie auch ihre Jugendzeit in der „Stadt der Reichsparteitage“. Weder eine Heldin des Widerstands, noch eine Mitläuferin, war sie doch ein renitentes Mädchen. Rosa Degenhardt spricht über ihre Beobachtungen und Erlebnisse in der NS-Zeit, über die Menschen in ihrer Umgebung, in der Schule, in der Nachbarschaft. Das Interview wurde bereits 2004 geführt und es ist erschreckend, wie aktuell ihre damaligen Äußerungen über die heutigen Nazis noch immer sind.


Helene Grünberg, eine Amazone der Gewerkschaftsbewegung

Helene Grünberg wurde 1905 im Nürnberger Gewerkschaftskartell angestellt. Die gelernte Schneiderin stieg bald zur führenden Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung in Süddeutschland auf. Sie engagierte sich gegen die Ausbeutung der Dienstboten und gehörte zu den ersten Frauen, die öffentlich als Rednerinnen auftraten.

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„Von den gewerkschaftlich führenden Genossinnen sei vor allem Genossin Grünberg erwähnt, die Arbeitersekretärin in Nürnberg ist.“ Mit diesen Worten hob Clara Zetkin bereits 1910 die Leistung der Gewerkschafterin Helene Grünberg hervor. Ihr war es gelungen Dienstmädchen, Wasch- und Putzfrauen zu organisieren, die bis dahin für die Gewerkschaftsbewegung nicht erreichbar waren. Sie war die erste bezahlte Gewerkschaftssekretärin, eine führenden Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung, und genoss wie das Zitat Zetkins zeigt, zu ihrer Zeit höchste Anerkennung.

Doch kein Denkmal, keine Tafel erinnert in Nürnberg an sie, nur eine kleine Sackgasse trägt ihren Namen. Empörend und bezeichnend finden dass engagierte Frauengruppen. Frauen bei ver.di und die Gruppe „Feministische Perspektiven“ engagieren sich für die Erinnerung an Helene Grünberg.

Quellen

  • Die Gleichheit, 10. Mai 1910, zit. nach: Plener, Ulla (Hg.): Clara Zetkin in ihrer Zeit. Neue Fakten, Erkenntnisse, Wertungen. Material des Kolloquiums anlässlich ihres 150. Geburtstages am 6. Juli 2007 in Berlin (=Rosa-Luxemburg-Stiftung Manuskripte 76), Berlin 2008, S. 186.
  • Acht Stunden sind kein Tag. Geschichte der Gewerkschaften in Bayern. Katalog zur Wanderausstellung 1997/98 des Hauses der Bayerischen Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund – Landesbezirk Bayern, hrsg. V. Ludwig Eiber, Rainhard Ripertinger, Evamaria Brockhoff, Augsburg 1997, S. 229.
  • Thönessen, Frauenemanzipation, S. 53; Handbuch der sozialdemokratischen Parteitage von 1910-1913, München o.J., nach 1914, 2. Band, S. 181-184; Sachse, Mirjam: Von „weiblichen Vollmenschen“ und Klassenkämpferinnen – Frauengeschichte und Frauenleitbilder in der proletarischen Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ (1891-1923), Inaugural-Dissertation, Universität Kassel 2010, S. 229, abrufbar unter: https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2011020735654/11/DissertationMirjamSachse.pdf (20.01.2017).
  • Niggemann, Heinz (Hg.): Frauenemanzipation und Sozialdemokratie, Frankfurt a. M. 1981, S. 13.
  • Bericht der Generalkommission, 6. Gewerkschaftskongreß 1908, zit. nach: Losseff-Tillmanns, Frau und Gewerkschaft, S. 191.

 

Danksagung

  • SprecherInnen: Juliane Schröder, Martina Fries,Tim Liebler und Martina Switalski
  • Musik von Angelika Sacher & Klaus Bergmaier, Meydn,  Art Of Escapism, Ask Again, Jesse Spillane, David Cszestay

Bertha Kipfmüller, die "Frauenrechtlerin des Frankenlandes"

Bertha Kipfmüller war eine bedeutende Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung Bayerns und zählt zu ihren radikalsten Protagonistinnen. 1899 promovierte sie als erste Frau Bayerns. Schon zu Lebzeiten wurde sie die „Frauenrechtlerin des Frankenlandes“ genannt.

Quellen

  • Bertha Kipfmüller: „Nimmer sich beugen“. Lebenserinnerungen einer Frauenrechtlerin und Wegbereiterin des Frauenstudiums, übertragen v. H.-P. Kipfmüller, Heidelberg 2013
  • Beilage der Fränkischen Tagespost, 8.11.1919
  • FIBiDoZ (Hg.): „Verlaßt Euch nicht auf die Hülfe der deutschen Männer!“ Stationen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung in Nürnberg, Nürnberg1990
  • Beyer, Jutta: „Jede Schneegans nennt sich Frau Doktor, weil der Mann es ist.“, in: Bennewitz, Nadja / Franger, Gaby (Hg.): Geschichte der Frauen in Mittelfranken, Cadolzburg 2003
  • Kipfmüller, Hans-Peter: Die rote Pappenheimerin. Dr. Dr. Bertha Kipfmüller, Frauenrechtlerin und Gelehrte, Karlsruhe 2011
  • Stadtarchiv Nürnberg, Personalakte Bertha Kipfmüller
  • Der Urgroßneffe Hans-Peter Kipfmüller hat es sich zur Aufgabe gemacht, die von Bertha Kipfmüller aber ihrem 23. Lebensjahr bis zu ihrem Tod geführten Tagebücher zu transkribieren und zu ihr zu forschen.

    Sein Projekt: „Dr. Dr. Bertha Kipfmüller“ ist der PH Karlsruhe angegliedert.

Danksagung

SprecherInnen: Juliane Schröter, Vivienne Wendler, Markus Hepp.

Musik: Henryk Wieniawski, Edward Grieg, Giuseppe Tartini, Frederic Chopin und David Cszestay

 


Das Radio täglich neu erfinden

Von einem besetzten Strommast sendete erstmals Radio Verte Fessenheim, der Vorläufer des ältesten Freien Radios der BRD, Radio Dreyeckland. Auch in Erlangen gab es Anfang der 80iger Jahre den Piratensender „Querfunk“. Wie aus den PiratInnen im Äther die Freien Radios entstanden erzählen in dieser Sendung von 1999 die an den Ereignissen Beteiligten.

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Die Geschichte Freier Radios in Deutschland beginnt in Frankreich. 1977 besetzen Anti-AKW-AktivistInnen einen Strommast und installieren dort einen Radio-Sender. Radio Verte Fessenheim ist der Vorläufer des ältesten Freien Radios der BRD, Radio Dreyeckland.

In den 80er Jahren schießen die Piratensender überall wie die Pilze aus dem Boden. Auch in Erlangen geht der Querfunk illegal auf Sendung. Mit Hubschraubern sucht die Polizei nach den Äthertätern und macht Jagd auf größere Fahrzeuge, in denen sie die Sender fälschlicherweise vermutet.

Die Sendung „Das Radio täglich neu erfinden“ stammt aus dem Jahre 1999. Sie enthält Aufzeichnungen aus der Vor- und Frühgeschichte Freier Radios, in der „für die Bewegung und aus der Bewegung heraus“ gesendet wurden und O-Töne aus Interviews mit Radio-PionierInnen.

Quellen

Für die Archivaufnahmen über Radio Verte Fessenheim und Radio Dreyeckland danken wir der Medienwerkstatt Freiburg, die uns 1999 ihre Videomaterial zur Verfügung stellte.

Danksagung

Musik von David Szestztay, Art of Escapism, Forget the Whale, Brazmatazz, Springtide und Phish Funk.


Streik

Ohne Streik geht nix. Diese Erfahrung machte die ArbeiterInnenbewegung in ihrer Geschichte. Über streikende Handwerkergesellen, die ersten Gewerkschaften und rebellische HafenarbeiterInnen in Hamburg.

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Schon im alten Ägypten streikten Arbeiter, die die Pharaonengräber errichten mussten. Streiks von Handwerkergesellen sind erstmals für das 14. Jahrhundert belegt. Im 18. Jahrhundert sind in Deutschland bereits 500 Gesellenstreiks nachgewiesen, vor allem zur Zeit der Französischen Revolution. 

In den Anfängen der Industrialisierung werden die Organisations-Erfahrungen im Handwerk von der ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen, denn die ehemaligen Handwerker finden nun Arbeit in den Fabriken. Sie sind stolz auf ihre Berufstradition. Die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse und -bedingungen empfinden sie als degradierend und als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte. Ihre qualifizierte Arbeit wird abgewertet und in der maschinellen Fertigung zerstückelt. Die Abhängigkeit, die früher durch den Aufstieg zum Meister enden konnte, soll nun lebenslang fortbestehen.

Gegen die oft drückende Not, gegen Arbeitszeiten bis zu 17 Stunden und die Willkür der Unternehmer wehren sie sich mit ihrer stärksten Waffe: Dem Streik.

 

Quellen

 

Danksagung

  • SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Wally Geyermann, Adrian Wolf, Klaus Riemer, Philip Cichon, Tim Liebler und Ingrid Artus
  • Das Arbeiterlied "Empor zum Licht" stammt aus dem Film „Linden ein Arbeiterlied“ von Wolfgang Jost und Winfried Wallat
  • Wir danken den BesucherInnen der Silvester-Feier im Nürnberger Stadtteilladen Schwarze Katze, die den BergarbeiterInnen aus Zola‘s "Germinal" ihre Stimme gaben.
  • Musik von: Art of Escapism, Borrtex, Davod Hillowitz, Musicks Recreation, Ryan Cullinane, David Szesztay, Dee Yan Key, Noel Griffin und Mid Air Machine

Script

Der letzte große und lang anhaltenden Streik, den wir hier in Nürnberg hautnah erlebten, war der der ArbeiterInnen bei AEG gegen die Werksschließung durch den Elektrolux-Konzern. Damals gab es internationale Solidarität. Unter anderem besuchten Bruno Vaso und Ambra Mettapesa von der italienischen CGIL die Streikenden und zeigten sich überrascht von einer ganz anderen Streikkultur in Deutschland:

Angesichts der Tatsache dass der Wind sehr stark gegen die Streikenden weht finde ich das Durchhaltevermögen erstaunlich. Wir freuen uns sehr darüber wie gut der Zusammenhalt ist und dass die Arbeiter während des Streiks bezahlt werden können. Bei uns ist das anders. Bei uns ist es so, dass die Arbeiter am Ende des Streiks draufzahlen, weil es diese Form der Streikkasse nicht gibt. Wir müssen noch eine Möglichkeit finden, wie wir eine solche Form des Streiks auch durchführen können. Wenn wir streiken, dann gibt es einzelne Streiktage, an denen wir versuchen die öffentliche Meinung zu beeindrucken. Ich bin beeindruckt über die Stärke der Arbeiterklasse in Deutschland.“

Andere Länder andere Streikkulturen. Aber den Respekt der italienischen Gewerkschafter für die Stärke ihrer deutschen KollegInnen in allen Ehren: Arbeitskämpfe sind bei uns Deutschen zwar institutionell eingebettet und gesetzlich abgesichert wie kaum anderswo. Die Streiklust packt uns heutzutage allerdings im internationalen Vergleich eher selten.

Das war einmal anders. Doch wie wurde früher gestreikt? Wer waren die AkteurInnen? Wir machen uns auf die Suche nach der Streikkultur in den Anfängen der Industrialisierung.

Eines der Hauptwerke des naturalistischen Romanciers Émile Zola‘s ist das Buch „Germinal“, das von frazösischen Bergarbeiterfamilien handelt, die sich gegen ihre Not und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zur Wehr setzen. Zola hatte monatelang mit Bergarbeiterfamilien zusammengearbeitet um ihre Lage und ihre Denkweise verstehen zu können:

Etienne wollte jetzt schließen.
»Kameraden, was ist euer Beschluß? ... Stimmt ihr für die Fortsetzung des Ausstandes?«
»Ja, ja!« schrien die Stimmen.
»Und welche Maßregeln beschließt ihr? ... Unsere Niederlage ist sicher, wenn sich morgen Feiglinge finden, die einfahren.«
»Tod den Feiglingen!« erbrauste es mit der Gewalt eines Sturmwindes.
»Ihr beschließt also, sie an die Pflicht, an den geschworenen Eid zu mahnen ... Wir könnten folgendes tun: bei den Gruben erscheinen, die Verräter durch unsere Anwesenheit zurückzujagen, der (Bergbau-)Gesellschaft zeigen, daß wir alle einig sind, und daß wir eher sterben als nachgeben.«
»Ja, ja, zu den Gruben! Zu den Gruben!«

Die Verräter, das sind belgische Bergarbeiter, die in Zolas Roman als Streikbrecher eingesetzt werden. Ähnlich wie von Zola beschrieben, dürften auch in Deutschland um 1880 Bergarbeiter empfunden und gehandelt haben. Gestreikt wurde allerdings schon lange bevor die Industrialisierung einsetzte. Bereits im 14. Jahrhundert wird über Streiks von Handwerkergesellen berichtet.

 

Im 18. Jahrhundert sind für Deutschland 500 Gesellenstreiks belegt. Ihre Zahl nimmt zu im Umfeld der französischen Revolution. Es handelte sich in der Regel nicht um spontane Ausbrüche von Rebellion - etwa unter Alkoholeinfluss, wie zeitgenössische Kommentare häufig unterstellen. Die Herbergen waren Orte kollektiver Bewusstseinsprozesse. Wenn der „Arbeitsmarkt“ gut war, oder wenn die Nachfrage stieg – z.B. vor Messen, versuchten die Gesellen ihr Einkommen zu steigern, trafen sich in der Herberge und beschlossen Forderungen. Kamen die Meister den Forderungen nicht nach, so wurden Umzüge organisiert. Dies verlief nicht immer friedlich, denn Streik- und Demonstrationsrecht gab es ja nicht. Wenn die Behörden eingriffen – u. Z.B. die Herberge umstellten, kam es zu Auseinandersetzungen. Die Organisierung war nicht nur lokal. Die Gesellenwanderung ermöglichte eine schnelle Ausweitung der „Streikbewegung“, Laufbriefe gelangten rasch auch in weit entfernte Städte.

 

Dass auch die Polizei den Vorgängen in der Herberge Aufmerksamkeit schenkte, davon zeugt die Dienst-Instruktion der Stadt München für Gendarmen von 1830:

 

Das Betragen der Handwerksgesellen und Lehrjungen, besonders uf ihren Herbergen und bei Handwerksversammlungen, verdient die besondere Aufmerksamkeit der Gendarmerie, damit alle Eccesse, so wie allenfallsige Klagen der Meister abgestellt werden können.

Die gleiche Dienstanweisung veranschaulicht, dass auch Arbeitszeit ein wichtiges Thema der Auseinandersetzungen zwischen Meistern und Gesellen war:

 

Es ist bei Strafe untersagt, dass Handwerks Gesellen an sogenannten blauen Montagen und abgewürdigten Feiertagen arbeitslos in Wirthshäusern sich aufhalten und zechen, oder dass dieselben an solchen Tagen den Meistern die Arbeit verweigern.

Auch Boykottmaßnahmen, die von den Gesellen als „Verruf“ bezeichnet wurden, waren ein probates Kampfmittel. Bei dem „verrufenen“ Meister durfte keiner mehr Arbeit annehmen, bis dieser den Forderungen nachgekommen war.

 

Um 1848 entstehen die ersten gewerkschaftsähnlichen Organisationen. Buchdrucker und Zigarrenarbeiter schließen sich zu nationalen Verbänden zusammen, dabei fordern die Buchdrucker bereits damals Tarifverträge. In Berlin kommt es für dieses Ziel auch zu Streiks, die allerdings scheitern. Streikführer werden verhaftet und verurteilt, darunter auch Stefan Born, in Mitglied des Bundes der Kommunisten, der zu zwei Wochen Gefängnis wegen Verstoßes gegen die Gewerbeordnung verurteilt wird.

Diese Urteile beruhen auf §182 der preußischen Gewerbeordnung:

 

Gehülfen, Gesellen oder Fabrikarbeiter, welche entweder die Gewerbetreibenden selbst, oder die Obrigkeit zu gewissen Handlungen oder Zugeständnissen dadurch zu bestimmen suchen, daß sie die Einstellung der Arbeit oder die Verhinderung derselben bei einzelnen oder mehreren Gewerbetreibenden verabreden, oder zu einer solchen Verabredung Andere auffordern, sollen mit Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft werden.

 

Eben jener Stefan Born gründet 1848 die Allgemeine Arbeiterverbrüderung. Ihr pragmatischer reformorientierter Forderungskatalog macht die Arbeiterverbrüderung populär. Die Arbeiterverbrüderung hat 15000 Mitglieder und gibt sich eine demokratisch Struktur. Die Organisationen der Zigarrenarbeiter und der Buchdrucker schließen sich an. 170 Arbeitervereine in ganz Deutschland treten bei.

Im Mai 49 findet in Nürnberg der Allgemeine Baierische Kongress der Arbeiterverbrüderung statt. Der Nürnberger Arbeiterverein veröffentlicht anschließend einen Aufruf

an alle Arbeiter Frankens
Brüder, Arbeiter! Der Nürnberger Arbeiterverein hat . . . die Aufgabe erhalten, überall in Mittelfranken Arbeiter- und Bauernvereine zu gründen. …
Das einzige Mittel dem wucherischen Kapital und dessen Besitzern gegenüber ist: Vereinigung und zwar aller Arbeiter Deutschlands. Ihr fränkischen Brüder, an Euch ist es, dem großen Bruderbund sich anzuschließen.“

Nach 1848 folgt eine Welle der Repression. Zwar garantiert das preußische Vereinsgesetz Vereins- und Versammlungsfreiheit. Arbeitervereine jedoch, die politische, sozialistische oder kommunistische Ziele vertreten, werden verboten. Politische Vereine, dürfen keine Frauen, Schüler und Lehrlinge aufnehmen. Die Arbeiterverbrüderung und andere Verbände, wie die der Buchdrucker und ZigarrenarbeiterInnen, werden zerschlagen.

Aber allenorts gründen sich auch in den 50er Jahren neue „Assoziationen“, so auch der Nürnberger Arbeiterverein, offiziell mit dem Focus auf Bildung. Unterstützungskassen bilden oft das Rückgrat. Auch verdeckte gewerkschaftliche Organisationen können wohl nicht vollständig unterdrückt werden. Das zeigen die sich zuspitzenden Konflikte, die sich 1855 und 1857 in regelrechten Streikwellen ausdrücken.

Die Repression ist nicht die einzige Reaktion des Staates. Erste sozialpolitische Reformen werden eingeleitet. Doch das wichtigste „sozialpolitische Instrument“ bleibt die Niederschlagung von Protest und Streik durch die zur damaligen Zeit militärisch organisierte und ausgerüstete Polizei.

So berichtet Polizeidirektor Hirsch 1855 über die gewaltsame Beendigung des Streiks der Färbergesellen in Elberfeld:

Unterdessen hatten sich schon von Mittag an Neugierige, Weiber und Kinder in Masse um das Rathhaus versammelt [...] . Die Massen verliefen sich nicht, sondern nahmen zu, so daß sich gegen 7 Uhr etwa 3 bis 4000 Menschen versammelt hatten, die bereits Gepfeife, Geschrei und Toben nur zu arg vernehmen ließen. Nachdem nun noch der Polizei Inspektor Döring mehrere Mals aber ebenfalls vergeblich zum Fortgehn aufgefordert hatte, blieb, wenn man nicht die gröbsten Excesse abwarten wollte, nunmehr nichts weiter übrig, als mit Gewalt einzuschreiten und die Haufen zwangsweise zu zerstreuen.“

Immerhin: trotz Verfolgung der Organisationsansätze und Strafandrohungen kommt es bereits zwischen 1850 und 1859 zu 107 Arbeitsniederlegungen. Die sozialen Konflikte sind durch staatliche Polizeigewalt und durch Verbote nicht mehr zu bändigen.

Auch Arbeiterinnen sind in diese Streikaktivitäten involviert. Sie stehen als Streikposten mit ihren Kollegen vor den Fabriken, versuchen Arbeitswillige von der Arbeitsniederlegung zu überzeugen – und das mal argumentativ, mal mit handgreiflicheren Maßnahmen –, sie besuchen die Streikversammlungen und einige halten währenddessen verbotenerweise auch öffentliche Reden.

Anfang der 1860er Jahre lässt die Repression nach. Die ersten Massenparteien der ArbeiterInnenbewegung formieren sich. Revolutionäre , die ins Exil gegangen waren, kehren zurück, unter ihnen z.B. Wilhelm Liebknecht. Liebknecht tritt dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein unter Führung von Ferdinand Lasalle bei, gründet später mit anderen aber die an Karl Marx orientierte Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP.

Sowohl Ferdinand Lasalle, der die Theorie eines „ehernen Lohngesetzes“ vertritt, als auch die Marx-nahe SDAP haben Vorbehalte dagegen, Organisationen zu schaffen, die sich in Streiks für ökonomische Verbesserungen erschöpfen.

So erklärte der sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig 1871 in einer Resolution:

Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für die Dauer nicht helfen; „

Dennoch initiieren beide Strömungen, die sich später wieder zur SPD vereinigen werden, gewerkschaftliche Organisationen, die die vorhandenen Arbeitervereine und gewerkschaftlichen Strukturen auf nationaler Ebene organisieren sollen. Im Gegensatz zu liberalen oder später entstehenden christlichen, nennen sich diese die „Freien Gewerkschaften“.

Zum ersten Massenstreik in Deutschland kommt es 1869 im schlesischen Waldenburg. Ausgerechnet die Gründung des liberal ausgerichteten „Gewerkvereins Deutscher Bergarbeiter“, dessen Satzung eigentlich eher zu einem humanitären Unterstützungsvereins als zu einer Gewerkschaft passt, ist der Auslöser. Die Grubenbesitzer lehnen den Gewerkverein als Vertreter der Bergleute ab, und veröffentlichen eine drohende „Bekanntmachung“ gegen die gewerkschaftliche Organisierung.

Der Gewerkverein seinerseits formuliert seine Forderungen nach Normallöhnen und Verkürzung der drückend langen Arbeitszeit in unterwürfigem Ton und bietet sich sogar als Disziplinierungsinstanz an:

Hiergegen versprechen wir, auch ferner als treue und rechtschaffene Arbeiter den Herren Arbeitgebern mit allen unseren Kräften zu dienen und uns dadurch als würdige Mitglieder des Gewerkvereins zu zeigen. Wir geben uns sogar unter eine strenge Kontrolle unseres Vorstandes, der gegen einen lässigen, faulen Arbeiter – nach gehaltener Besprechung mit dem Herrn Arbeitgeber – auch Maßregelungen eintreten lassen kann“

Die Reaktion der Zecheninhaber: Maßregelungen von Arbeitern, Kündigungen von Werkswohnungen. Am 1. Dezember 1869 treten 6400 von 7400 Kumpeln in den Streik, der fast 2 Monate dauern soll – ein bewundernswertes Durchhaltevermögen angesichts der knappen Ressourcen der Bergarbeiterfamilien und der Winterzeit. Auch verweigern die Arbeitgeber den Streikenden Zuwendungen aus der Knappschaftskasse.

Der Streik erregt Aufsehen weit über die Grenzen Schlesiens hinaus. Aber er endet mit der Niederlage. Viele Kumpel wurden danach nicht mehr angestellt, nicht wenige sind zur Auswanderung ins Ruhrgebiet gezwungen.

Doch die Streik-Bilanz jener Jahre fällt für die ArbeiterInnenbewegung keineswegs negativ aus. Zu ihrem Erfolg trägt auch der 1860 einsetzende Wirtschaftsboom bei. Über die Hälfte der Arbeitsniederlegungen enden mindestens mit einem Teilerfolg für die Streikenden. Dies kann auch erklären, warum die sozialistischen Gewerkschaften mehr Mitglieder anziehen, als die liberalen Hirsch-Dunckerschen, für die Streik ja nur das letzte Mittel ist.

Den Sozialistengesetzen, die 1878 „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ erlassen werden, und bis 1890 gelten, fallen erneut viele der noch jungen Organisationsansätze zum Opfer. Doch bereits in 1880er Jahren erlebt die ArbeiterInnenbewegung bereits wieder einen Aufschwung. Auch erste Schritte in Sachen Gleichberechtigung werden eingeschlagen. Schon Fourier hatte den Sozialisten ans Herz gelegt, und Friedrich Engels hatte seine Worte aufgegriffen:

Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation. „

In der Praxis jedoch tut sich bei der ArbeiterInnenbewegung in Sachen Frauenemanziption bis 1990 wenig. Priorität hat der Kampf gegen die Verfolgung, könnten wir entschuldigend anführen, alles andere steht oft dahinter zurück. 1890 fällt zwar das Parteiverbot. Doch die Frauen können sich immer noch nicht legal organisieren. Denn in den meisten Bundesstaaten ist die politische Vereinsbetätigung von Frauen und Minderjährigen verboten.

Immerhin: Als 1990 nach der Aufhebung der Sozialistengesetze die Freien Gewerkschaften als ihre oberste nationale und berufsübergreifende Instanz eine „Generalkommission der deutschen Gewerkschaften„ gründen, wird neben 6 Männern auch Emma Ihrer in die Kommission gewählt.

Auf dem ersten Kongress der Freien Gewerkschaften 1892 in Halberstadt senden die Delegierten ein klares Signal an ihre Mitgliedsverbände: Die Werbung von Frauen sei ein „Gebot der Selbsterhaltung”. Daher sollen, wo nötig, die Statuten geändert werden, um die Aufnahme von Frauen zu ermöglichen.

Die Wirkung dieses Beschlusses ist freilich begrenzt. Der Frauenanteil in den Freien Gewerkschaften steigt nur sehr langsam – von rund zwei Prozent im Jahre 1892 auf 3,3 Prozent im Jahre 1900 und schließlich auf 8,8 Prozent im Jahre 1913.

Nicht nur die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen und deren Formen des Widerstands verändern sich, auch das neue Industriekapital formiert sich zum Klassenkampf.

Die Industriekapitalisten wollen ihren rasanten Aufstieg, der sich innerhalb weniger Jahrzehnte vollzog, nicht durch Forderungen der Arbeiter oder Streik bremsen lassen. In einer eine Ansprache von 1877 an seine Angestellten sagt Alfred Krupp:

Genießet, was euch beschieden ist. Nach getaner Arbeit verbleibt im Kreise der eurigen, bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern und sinnt über Haushalt und Erziehung. Das sei eure Politik, dabei werdet Ihr frohe Stunden erleben. Aber für die große Landespolitik erspart euch die Aufregung.“

Damit nimmt er die patriarchische Haltung des typischen Unternehmers der Wilhelminischen Zeit ein, der Herr im Haus sein will und auf der Unmündigkeit seiner Untergebenen beharrt. Die gesetzliche Ordnung wissen die Unternehmer dabei hinter sich.

Doch damit nicht genug: sie legen auch schwarze Listen an mit den Namen von „Rädelsführern“ an und greifen vor allem ab den 1890er Jahren vermehrt zum Mittel der Aussperrung. Arbeitgeberverbände treten nun den Gewerkschaften organisiert gegenüber.

Deren Macht hatten die Hamburger ArbeiterInnen 1890 zu spüren bekommen, als sie am 1. Mai im Kampf für den 8-Stunden-Tag die Arbeit niederlegten. Die Antwort waren wochenlange Aussperrungen, von denen zeitweise 20 000 Menschen betroffen waren. Die Auseinandersetzung endete mit einer bitteren Niederlage.

Doch wenige Jahre später kam es erneut zum Kampf. Der Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97 gehört zu den am besten dokumentierten Arbeitskämpfen des ausgehenden 19.Jahrhunderts.

Der Kontext des Streiks wirkt überaus modern: Zorn über gestiegene Lebenshaltungskosten und Wohnraumvernichtung aber auch internationale Solidarität waren mit auslösend. Prekäre Arbeit und das Agieren der Frauen spielten ein wichtige Rolle in seinem Verlauf.

Die Schwankungen der Erwerbsgelegenheiten finden nicht nur in dem weiten Laufe veränderter Konjunkturen statt; von Woche zu Woche ja von Tag zu Tag ist im Hafenbetriebe die Nachfrage nach Arbeitskräften verschieden. Diese Unsicherheit muss naturgemäss auf den Charakter der Arbeiterschaft wirken, besonders auf die, welche nicht in festem Lohne stehen und den weitaus größten Teil ausmachen.

So beschreibt Johannes Martin Schupp in seiner Dissertation von 1908 die prekären Arbeitsverhältnisse vieler Hafenarbeiter. Obwohl Hamburg 1896 das Zentrum der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung ist, sind viele Hafenarbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert., da sie in den Sparten-Gewerkschaften keine dauerhafte Heimat haben.

Als der englische Hafenarbeiterführers Tom Mann, im September 1896 in Hamburg wegen seiner Agitationstätigkeit für eine internationale Organisierung verhaftet und ausgewiesen wird, kommt es zu Solidaritätsveranstaltungen unter dem Titel „Die Ausweisung des Genossen Tom Mann und die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation der Hafenarbeiter“. Bei den Veranstaltungen werden auch Arbeits- und Einkommensbedingungen diskutiert.

Die Hamburger Hafenarbeiterfamilien haben unter Preiserhöhungen, dem Abriss hafennaher Wohnungen und mit dem Umzug verbundenen höheren Mieten zu leiden. Die Wut über die Ausweisung Manns bring wohl das Fass zum Überlaufen. Zwar sind es zunächst nur die notorisch renitenten Schauerleute, die streiken wollen. Das Gewerkschaftskartell verweigert zunächst seine Zustimmung. Bei lokalistischen Gewerkschaft der Schauerleute, die sich vom Zentralverband der Hafenarbeiter abgespaltenen hatten, herrscht allerdings Ebbe in der Streikkasse. Niemand rechnet mit einem großen und langen Streik.

„Ein längerer Streik schien also völlig ausgeschlossen. Als daher am 20. November 1896 die Schauerleute wegen Lohndifferenzen die Arbeit niederlegten, standen sie im vollen Widerspruch zur Verbandsleitung. Nichtsdestoweniger war die Erregung unter den Hafenarbeitern so groß, dass bis zum 28. November die wichtigsten Kategorien sich alle im Ausstand befanden. In kurzer Zeit folgten die übrigen, und die Zahl der Streikenden belief sich auf ca. 17.000 Mann. „

berichtet Johannes Martin Schupp.

Der Verlauf des Streiks widerspricht allen Regeln. Nichts ist vorab klar, die Organisation entsteht spontan im Arbeitskampf: Gewählte Streikkommissionen einzelner Berufsgruppen bilden ein zentrales Streikkommitee. Streikposten werden organisiert, Barkassen fahren Streife, um die Durchführung zu überwachen. Streikkarten werden verteilt und müssen täglich abgestempelt werden. Es werden eigens Massenversammlungen für Frauen organisiert, Innerfamiliäre Konflikte und damit ein Abbröckeln der Streikfront sollten auf diese Weise verhindert werden.

Von welcher Wichtigkeit die Tätigkeit der Frauen ist. dafür hat der Hamburger Hafenarbeiterstreik ein Beispiel geliefert.Während desselben haben sich meines Wissens die Genossen zum erstenmal an die Frauen gewendet, und ich glaube, daß es nicht zum geringsten Teil gerade dem Einfluß der Frauen zu danken ist, daß die Hafenarbeiter, die bis dahin fast gar nicht organisiert waren, so treu zusammengehalten haben.“

wird sich die Gewerkschafterin und Sozialdemokratin Luise Zietz erinnern, die in diesem Zusammenhang erstmals öffentlich auftritt.

Was die Organisierung, die Öffentlichwirksamkeit und die Solidarität innerhalb Hamburgs und aus dem ganzen Land anbelangt, ist der Streik ein voller Erfolg. Doch der Gegner, der Arbeitgeberverband Hamburg-Altona, ist zu keinen Zugeständnissen bereit. Verhandlungen werden von ihm wider alle rationalen Einwände und trotz Vermittlungsversuchen des Senats abgelehnt. In einer großangelegten und kostspieligen Aktion werden Streikbrecher herangezogen. Die Arbeitgeber begreifen die Auseinandersetzung als Machtkampf mit der Sozialdemokratie. Es geht ums Prinzip.

Im Februar wird der Streik schließlich abgebrochen. 500 Menschen werden anschließend zu Gefängnis oder Geldstrafen verurteilt. Nur wenige der Beteiligten können anschließend an ihren Arbeitsplatz zurück. Doch wenn die Schiffseigner dachten, die Gewerkschaften lägen ab jetzt am Boden, hatten sie sich getäuscht. In Massen treten die Hamburger Hafenarbeiter nun in die gewerkschaftlichen Organisationen ein.

Erfahrungen, wie die in Hamburg, führen jedoch in den 1890er Jahren dazu, dass die Gewerkschaften sich zentralisieren, hierarchischere Strukturen herausbilden und der Wunsch nach dauerhaften Vereinbarungen und Tarifverträgen stärker wird. So ist 1897 im Correspondenzblatt, dem Zentralorgan der Freien Gewerkschaften zu lesen:

„Die Gewerkschaften, getragen von dem Geiste der modernen Arbeiterbewegung, streben dahin, eine Macht im wirthschaftlichen Kampfe zu werden und von Macht zu Macht mit dem organisirten Unternehmerthum zu unterhandeln und zu Vereinbarungen und Tarifgemeinschaften zu kommen. Das wird aber weitere Kämpfe nicht ausschließen...

Die institutionalisierte Stärke der Freien Gewerkschaften, deren Mitgliederzahl nach 1900 in die Millionen wächst, hat aber seinen Preis. 1914 sind ihre Führer bereit einen Burgfrieden mit den Mächtigen zu schließen, um deren Krieg zu ermöglichen. Die Januarstreiks 1918 hingegen, die maßgeblich zur Beendigung des Krieges und des Kaiserreichs beitragen, brechen gegen den Willen der Gewerkschaftsspitze los, die sich mit ihrer Verständigungspolitik von der Basis entfernt hat.

Und - sind 100 Jahre Sozialpartnerschaft wirklich ein „Erfolgsmodell“? Das mit diesem Begriff verbundene Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 hält in seiner Substanz nur wenige Jahre. Mit diesem Vertrag werden einige von einer Rätebewegung bereits erkämpfte Fortschritte von Arbeitgeberseite aus Furcht vor einem drohenden Sozialismus anerkannt – dies aber im Tausch gegen die die Hoffnungen von Millionen auf eine echte Sozialisierung und Demokratisierung.

Zurück ins Jahr 2006: Als Bruno Vaso und Ambra Mettapesa nach Nürnberg kommen, um ihre KollegInnen bei der AEG in ihrem Kampf zu unterstützen, tun sie das auch mit dem Willen, eine europäische Arbeiterbewegung neu zu formieren, die den Konzernen des 21. Jahrhunderts die Stirn bieten kann:

"Was wir hier tun, kann für eine langfristige Perspektive von Nutzen sein. Und diese Perspektive kann durchaus aus verschiedenen gewerkschaftlichen Kulturen heranwachsen. Der deutschen die eher auf einer Versöhnung von Unternehmen und Arbeitern beruht und unserer, die wir eher als kämpferische Opposition verstehen."


Das Private ist politisch - die 68erinnen

Die 68er – das waren nicht die wenigen medial inszenierten männliche Idole - der Revolutionär oder der thereotische Vordenker. Die 68er waren erstmals in der bundesdeutschen Geschichte eine Generation, die Frauen wie Männer gleichermaßen erfasste und in das politische Geschehen rückte.

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Von einer echten Revolution war die BRD 1968 - anders als in Frankreich der Fall - zwar weit entfernt. Dennoch bedeutet diese Zeit in vieler Hinsicht einen neuen Aufbruch. So auch für die Frauenenbewegung. Blieben viele Frauen zunächst im Hintergrund, weil sie nicht das Wort in der Öffentlichkeit ergriffen oder aktiv mitdiskutierten, war zwar von Klassenkampf und Imperialismus die Rede, nicht jedoch vom allgegenwärtigen Patriarchat, begannen Frauen schließlich eine "Revolte innerhalb der Revolte".

 

Quellen

  • Die Zitate von Susanne Schunter-Kleemann, Sarah Haffner, Elsa Rassbach, Dagmar Przytulla und Helke Sander sind entnommen aus: Kätzel, Ute: Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002
  • Die Rede  im Originalton von Helke Sander (Aktionsrat zur Befreiung der Frauen) auf der 23. Delegiertenkonferenz des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) am 13. September 1968 in Frankfurt/Main wurde mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von: "100(0) Schlüsseldokumente zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert" unter der Leitung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte, Department Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Weiterführende Informationen zu Ursula Seppel sind entnommen aus: Besondere Protestler (3): Ursula Seppel, in: "Hottentottenland Hamburg" - Studentenproteste 1967/68 in der Hansestadt, 3. Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufbegehren, Handeln, Verändern - Protest in der Geschichte“, 1999, Nachweis: Körber-Archiv GW 2003-1179: Almuth Klemenz: Dreimal Heimat und zurück.. 

Danksagung

  • SprecherInnen: Hilal Babus, Martina Fries, Ulli Rödel, Inge Hammer, Vivien Wendler und Barkin Glassner
  • Musik von: Jared C. Balogh, David Szesztay, Jason Shaw, Forget the Whale
  • Unser besonderer Dank gilt dem Nürnberger Frauenchor für die wunderschöne Coverversion des Lieds "Unter dem Pflaster liegt der Strand" der Frauenband Schneewittchen
  • Buchautorin Ulrike Halbe-Bauer, Freiburg i.Br.
  • Annemarie Rufer, Nürnberg

Der Streik der Glasperlenzieherinnen von Venedig

Das Glasperlenziehen gehörte noch Anfang des 20. Jahrhunderts zum Stadtbild Venedigs. Frauen saßen auf den Gassen mit Körben voller Perlen, die sie auf Fäden aufzogen. Die "Zwischenfälle" berichten über das harte Leben und den Kampf der ArbeiterInnen in Venedig.

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"Die meisten Frauen bringen es für den Tag kaum auf einen halben Papierfranken, und die kirchlichen Fastengesetze sind ihnen gegenüber leider völlig überflüssig. Selbst die Polenta, jenes frugale italienische Nationalgericht, ist für sie nur ein Sonntagsmahl; in der Woche hat ihnen der Himmel den Tisch nur mit Feldrüben gedeckt, wie man sie in den Gassen Venedigs auf offenem Herd zu ganzen Bergen kochen und an Ort und Stelle verzehren sieht.

Und doch bereiten diese Leutchen der Welt so vieles Vergnügen! – Aber ein altdeutsches Volkswort sagt schon:

'Dem Einen die Mühe, Dem Andern die Brühe!'"

So berichtete Theodor Gampel 1880 über die Produktion von Glasperlen in Venedig. 1904 platzte den venezianischen Glasperlenzieherinnen schließlich der Kragen. Es kam zum Streik.
 

Quellen

  • Das Interview mit Maria Teresa Sega führte die Filmemacherin Annette von Zitzewitz für ihren Film „Venezia - una donna“ (dt. Titel: Venedig, eine Frauengeschichte), 2008.
    Link: www.trustnelnomedelladonna.org
  • Die Historikerin Maria Teresa Sega ist Präsidentin von „REsistenze“, einer Assoziation, die die Zielsetzung verfolgt, die Geschichte von Frauen des Veneto zu erforschen und zu bewahren, im besonderen soziale Bewegungen und Formen des zivilen Widerstands.
    Link:www.resistenzeveneto.it
  • Das Lied "Semo Tute Impiraresse“ über die Perlelnzieherinnen und ihren Protest ist von Luisa Ronchini (1933-2001) und Emanuela Magro der Platte "La donna nella tradizione popolare“ von 1978 entnommen.
    Link: www.antiwarsongs.org
  • Das Lied „La Lega - Sebben che siamo donne“ ist ein sozialistisches Volkslied, gesungen vorrangig von den Reisarbeiterinnen, entstanden zwischen 1890 und 1914, Text und Musik sind anonym überliefert.
    Link: www.antiwarsongs.org
  • Die Fotos sind dem Band entnommen:
    Perle e impiraperle. Un lavoro di donne a Venezia tra 800 e 900. Arsenale Editrice 1990

Danksagung

SprecherInnen:
Hilal Babus, Barkin Glaßner, Vivienne Wendler  


Carlo Abbamagal - ein Afrikaner in der italienischen Resistenza

Carlo Abbamagal beteiligte sich neben anderen Äthiopiern am Kampf gegen den Faschismus in der italienischen Resistenza. Die Zwischenfälle zeichnen seine Geschichte nach.

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Die italienische Resistenza war vielfältig. Es kämpften dort Frauen und Männer verschiedenster Schichten, aber auch unterschiedlicher Herkunft. Wenig bekannt ist, dass sich den Partisanen auch Menschen aus Afrika angeschlossen haben. In unserem Beitrag aus der historischen Reihe „Zwischenfälle“ wird heute die Geschichte einer Gruppe nach Italien verschleppter Äthiopier erzählt, die sich befreien konnten und sich einem Partisanen-Bataillon in den Marken anschlossen. Einer von ihnen: Carlo Abbamagal. Er schloss sich der Banda Roti an, eine der ersten Partisanen-Formationen Italiens, die an den Hängen des Monte San Vicino, in der Provinz Macerata gegen die Faschisten kämpften.

Quellen

Danksagung

SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Martina Fries, Ingrid Artus, Philip Cichon u.a,

Musik von: David Szesztay, Art Of Escapism, Ask Again, David Hilowitz, Doctor Turtle, Jahzzar


Renitente Nonnen des Mittelalters

An der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert legen Nonnen unerwartete Renitenz an den Tag: Eine Reform und strenge Klausurvorschriften wollen sie sich nicht gefallen lassen! Es kommt gar zu Handgreiflichkeiten.

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Zwar innerhalb kirchlicher Hierarchien stellten im Mittelalter die Frauenklöster eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen - in der Regel aus den höheren Schichten - dar, sich selbst zu verwalten und Bildung zu erlangen. Die Geschichte des Dominikanerinnenklosters St. Katharina in Nürnberg zeigt, dass sich Nonnen durchaus zu Wehr setzten gegen Disziplinierungsversuche - manchmal mit Erfolg.

Danksagung

  • Wir danken Frau Dr. Christine Sauer, Leiterin der Historisch-Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in Nürnberg, für das Gespräch, das am 29.08.18 geführt wurde.
  • Die Musik mit Gesang ist der CD von Ulrike Bergmann entnommen: „Pater, vide, vulnera mea Hildegard von Bingen (1098 - 1179)“ von Ulrike Bergmann (Gesang und Bass-Drehleier).Wir danken für die freundliche Überlassung! Historische Musik aus acht Jahrhunderten: http://www.ulrikebergmann.de/
  • Sprecher_innen: Susanne Breithaupt, Tim Liebler
  • Weitere Musik von: David Szesztay, James Kibbie, The Tudor Consort, Me afeite la barba en los ochenta

"Ins Räderwerk des Nationalsozialismus geraten"

Zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Eva Rössner 7 Jahre alt. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens.

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Eva Rössner, geb. 1926, stammte aus einer Arbeiterfamilie und wuchs in der Nürnberger Südstadt auf. Ihre Eltern waren kommunistische Oppositionelle. Der Vater Walter Jakob, zudem jüdischer Herkunft, stand sofort im Fokus der nationalsozialistischen Verfolgung und musste ins Exil. Ihre Mutter Margarethe wurde daraufhin verhaftet und kam als Geisel „für den Juden Jakob“ in Schutzhaft ins Frauengefängnis Aichach. Eva wuchs mit ihrem jüngeren Bruder als „Halbjüdin“ bei den Großeltern mütterlicherseits auf. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens.

Danksagung

  • Sprecherin: Michaela Baetz
  • Musik: a.s.h.r.
  • Der Beitrag ist der CD „Alltag, Verfolgung und Widerstand. Nürnbergerinnen im Nationalsozialismus“ entnommen, einem Projekt von Forum Frauengeschichte.

Aufstand im Wackerland

Den Bau der WAA Wackersdorf wollte der Staat in den 1980er Jahren mit aller Macht durchdrücken. Doch die Atommüllfabrik scheiterte am massiven Widerstand der Oberpfälzer Bevölkerung und der Solidarität einer bundesweiten Anti-Atom-Bewegung.

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Gegen den Plan eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage im Kreis Lüchow-Dannenberg zu errichten, kommt es zu unerwartet heftigem Widerstand der Bevölkerung. 1980/81 verdichten sich dann die Gerüchte, dass die Oberpfalz als neuer Standort vorgesehen ist. Franz-Josef Strauß verspricht der Atomindustrie das blaue vom Himmel herunter, um die WAA nach Bayern zu holen. Den OberpfälzerInnen werden Arbeitsplätze versprochen und man rechnet nicht mit erheblichem Gegenwind. Doch schon bald entstehen zahlreiche Bürgerinitiativen, AktivistInnen der Anti-AKW-Bewegung und der Autonomen beteiligen sich an den Protesten und als 1985 die Rodung des Taxölderner Forsts bei Wackersdorf beginnt, wo die Atommüllfabrik errichtet werden soll, wird der Bauplatz besetzt.

Die Beteiligten der Kämpfe um die WAA kommen in unserem Feature zu Wort.

 

Danksagung

  • Wir danken der Medienwerkstatt Franken, die uns O-Töne aus ihrem Film „18 Tage freies Wackerland“ zu Verfügung gestellt hat.
  • SprecherInnen: Tobias Brunner und Martina Fries
  • Mit Sounds von Jason Shaw, Josh Woodward, Visager und David Szesztay

Konsequent, politisch, sozial: Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky

Margarete Schütte-Lihotzky war die erste weibliche Architektin Österreichs. Ihr Schaffen war von sozialen Gesichtspunkten geprägt, sie forderte ein "Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle" und schloss sich dem kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus an.

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Margarete Schütte-Lihotzky wurde 1897 geboren und erwarb als erste Frau Österreich ein Diplom als Architektin. Bereits als Studentin erhielt sie einen Preis für den Entwurf einer ArbeiterInnenwohnung. Für ihre Arbeit hatte sie sich die elenden  Wohn-Verhältnisse der Wiener ArbeiterInnenklasse mit eigenen Augen angesehen. Dies prägte nachhaltig den sozialen Blick, den ihr Lebenswerk kennzeichnet.

So forderte sie ein "Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle". In ihren Arbeiten war sie Pragmatikerin. Eine Ästhetisierung der Armut lehnte sie ab und orientierte sich vielmehr an den praktischen Bedürfnissen derjenigen, für die sie ihre Tätigkeit als Architektin ausübte.

Sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus anzuschließen galt ihr 1940 als Selbstverständlichkeit. Sie hätte es beinahe - wie andere aus ihrer kommunistischen Zelle - mit dem Leben bezahlt und entkam dem Todesurteil nur durch einen Trick.

Wegen ihrer Mitgliedschaft in der KPÖ erhielt sie - trotz internationaler Anerkennung - kaum öffentliche Aufträge. Erst in den 1970er Jahren erhielt sie auch in ihrem Heimatland die ihr zukommende Aufmerksamkeit für ein bemerkenswertes Lebenswerk.

Danksagung


Suffragetten und berufslose Agitatorinnen? Kampf ums Frauenstimmrecht!

Über den langen und harten Kampf für das Stimmrecht für Frauen. Von der "Erklärung der Rechte der Frauen und Bürgerinnen" durch Olympe de Gouges bis zur Durchsetzung des Wahlrechts für Frauen durch die Revolution 1918

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"Suffragetten", "berufslose Agitatorinnen", "hysterische Weiber, die an die Kette gelegt werden sollten". Das sind nur einige der Bezeichnungen für die Frauen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert gegen alle Verbote und gesetzlichen Maßnahmen organisierten und für ihre Rechte eintraten. Wir zeichnen diesen Kampf in den Zwischenfällen nach und lassen die Akteurinnen zu Wort kommen.

Danksagung

SprecherInnen: Jutta Klawuhn, Juliane Schröter, Martina Fries, Ingrid Artus, Tim Liebler


Rote Radisten – Die Arbeiterradiobewegung der Weimarer Republik

Eigene Radiosender oder wenigstens die Beteiligung am Rundfunkprogramm forderte die Arbeiterradiobewegung der 1920er Jahre. Doch bei der Geburt des staatlich kontrollierten Weimarer Rundfunks hatte die Angst vor den revolutionären Massen Pate gestanden.

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Das neue Medium Rundfunk begeisterte die Menschen Mitte der 20er Jahre. Sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter schlossen sich im Arbeiter-Radio-Klub Deutschland zusammen, bastelten sich selbst Empfänger, weil sich ArbeiterInnen die teuren Geräte nicht leisten konnten, und stellten politische Forderungen.

Doch Reichspost und Innenministerium sorgten für strenge Kontrolle und Zensur und schlossen vor allem Kommunisten konsequent vom Rundfunk aus. Die Arbeiterradiobewegung entwickelte eine lebendige Kultur der Kritik, bis die Nationalsozialisten den Rundfunk mühelos und im Handstreich zu ihrem eigenen Propagandainstrument umfunktionierten.

Quellen

Danksagung

  • SprecherInnen: Martina Fries, Alexandra Sommer
  • Interviews: Gerd Walther, Klaus-Michael Klingsporn
  • Musik: The Runner (David Szesztay), Kvaleoun

Script

Heute: Rote Radisten – Über die Arbeiterradiobewegung der Weimarer Republik

O-Ton Gerd Walther: „Es ist ein sehr schönes Kästchen, das seine Innereien versteckt, und durch eine Klappe lässt es sich öffnen, hat eine Metallverzierung. Das heißt für den, der es gebastelt hat, war das ein hoher Wert“

Ein Detektorgerät, mit viel Liebe selbstgebaut von einem Mitglied der Arbeiterradiobund-Ortsgruppe Fürth. Heute steht es, sorgfältig wieder hergerichtet, im Fürther Rundfunkmuseum. Sendungen hören konnte man damit nur in der Nähe einer Sendestation und von heutigen Hifi-Ansprüchen waren die Töne aus dem kleinen Kasten natürlich weit entfernt. Trotzdem, so betont der Historiker Gerd Walther, der uns 2011 als Museumsleiter durch die Ausstellung führte, gings beim Basteln nicht nur um den Spaß, sondern auch darum den ArbeiterInnen das Radiohören zu ermöglichen:

O-Ton Gerd Walther: „Ein komplettes Radio 1924/25 lag so zwischen 400-600 Reichsmark, ein Facharbeiterlohn bei 180-200 Mark, das heißt für einen Arbeiter  war es unerschwinglich“

Dass es sich bei der Radiobastelei nicht nur um eine Randerscheinung handelte belegen auch Erhebungen der Reichspost. Danach waren im Jahr 1925 von einer Millionen angemeldeter Rundfunkempfänger die Hälfte selbst gebaut.

So erinnerte sich auch Karl Schönfelder, der in den 20er Jahren in der Arbeiterradiobewegung Österreichs aktiv war:

O-Ton Schönfelder: „Normalerweise war es natürlich so dass die Leute, der Arbeiter, die Angestellten, ein Interesse gehabt haben für das neue Medium. Nur ham die natürlich kein Geld gehabt sich irgend einen Apparat. Jetzt ham wir begonnen  natürlich mit den einfachsten Sachen: Detektorapparat, eine Walzenspule, dann sind wir hergegangen haben wir (unverständlich ) ... und Detektorapparat und haben angefangt zum Basteln“                

Das Basteln und zunächst sogar das Hören waren freilich fast ausschließlich Männerdomäne. Angela Dinghaus zitiert und analysiert 2002 zeitgenössische Veröffentlichungen in ihrer Doktorarbeit „Frauenfunk und Jungmädchenstunde“ - nicht ohne eine gehörige Portion Ironie:

Zitat: Experimente wurden nicht nur "im stillen Kämmerlein des Bastlers" betrieben, das technische "Ungetüm" okkupierte den Arbeitsplatz der Frau und störte mit einem "Durcheinander von Drähten und Leitungen" die häusliche Routine. "Akkumulatoren, mit beißender Säure gefüllt", verunstalteten das Mobiliar und Interieur; die giftigen Ingredienzien bildeten sogar eine neue Gefahrenquelle im Haushalt. Männliche Radiomanien und männlicher Bastelwahn taten ein Übriges, das Ehe- und Familienleben zu beeinträchtigen. Auch das Hören, in der Frühzeit des Rundfunks wohl mehr eine exklusive technische Spielerei mit Kopfhörern, scheint zunächst funkbegeisterten Männern vorbehalten gewesen zu sein.

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Bis zur Räterevolution nach dem 1. Weltkrieg wurde die Rundfunktechnik vorwiegend vom Militär genutzt. Hans Bredow, der spätere „Rundfunk-Kommissar“ des deutschen Reiches, hatte zwar 1917 schon mal Musik an die Front gesendet, um einen Röhrensender zu erproben. Sieht man von diesem Test ab, kann der berühmte Rundspruch revolutionärer Arbeiter und Soldaten „An Alle“  vom November 1918 als erste „echte“ Rundfunksendung in Deutschland betrachtet werden . „Alle“ waren zu diesem Zeitpunkt nur diejenigen die ein Funkgerät besaßen und es bedienen konnten.  Wenige waren das trotzdem nicht.

O-Ton Gerd Walther: „Man muß ja bedenken es hat sehr viele Leute gegeben, die mit dem Funk vertraut waren. Im ersten Weltkrieg hat Funk eine sehr große Rolle gespielt und diese Funker waren die erste Massenbasis von Radiohörern“  

Knapp 200 000 an Funkgeräten ausgebildete Soldaten waren aus dem Krieg heimgekehrt.  Nur vier Wochen lang waren die im Reich verstreuten Funkstationen in der Hand der Revolutionäre. Doch das mag prägend gewesen sein für das hohe Kontrollbedürfnis, das in Deutschland beim Aufbau des Rundfunks ab 1922 bestand:

O-Ton Gerd Walther: „Es hat ja verschiedene Strömungen gegeben, zum einen gab es eine Revolution nach dem verlorenen Krieg, das heißt die Obrigkeit war gegenüber dem Funkwesen sehr skeptisch“.

Eine Forschungsmeinung geht davon aus, die Angst vor der Masse habe mit Pate gestanden bei der Gründung des Rundfunks in Deutschland. Hans Bredow, der von der Reichsregierung damit beauftragt wurde, nannte seine Rundfunkgesellschaft 1922 „Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung“. Der Name war Programm. Zu hören waren vorwiegend Konzerte, Politik kam zunächst nicht vor: Ausgewogen und neutral sollte alles nach außen sein – und die Reichspost kontrollierte, wer senden durfte und wer nicht.

Der Berliner Börsen-Courier erklärte im Oktober 1923 seinen Lesern, warum dies so sein musste  und nicht anders sein durfte:

Zitat: „Durch die behördliche Überwachung soll den Radioamateuren das Handwerk gelegt werden. Durch den militärischen Zusammenbruch und die in seinem Gefolge auftretenden Plünderungen von Heereseigentum im Jahre 1918 sind viele unbefugterweise in den Besitz von Rundfunkgerät gekommen. Wenn die Postbehörde jetzt nicht jede Aufstellung derartiger Geräte von der Einholung einer staatlichen Genehmigung abhängig machen würde, dann würde nachträglich der Diebstahl von Staatseigentum gewissermaßen sanktioniert werden“

Wohlgemerkt sollte auch das Empfangen reglementiert werden, wenn auch das – in Herrschaftssprache „geplünderte Heereseigentum“ - senden und empfangen konnte. Weil -O-Ton - die Schaffung eines Nachrichtennetzes durch staatsumstürzlerische Kreise befürchtet werde, wurden 1924 zeitweise die Bestimmungen verschärft. Es konnten Wohnungen ohne richterlichen Beschluss durchsucht werden und Strafen von bis zu 100000 Goldmark oder gar Gefängnis sollten verhängt werden können.

Doch für die an die Wand gemalten staatsumstürzlerische Anstrengungen von Radiorevolutionären finden sich gar keine historischen Quellen, auch wenn es Versuche gab illegal zu senden. Dazu  Gerd Walther:

O-Ton Gerd Walther: „Hats gegeben ganz am Anfang, ist aber relativ aufwendig. Wenn ich einen Röhrensender habe dann hab ich auch entsprechend großes Gerät und von daher sind dem Grenzen gesetzt. Es gab immer wieder -  mehr im spielerischen Bereich - solche Versuche.“

In den Kreisen der Staatsumstürzler wurde – ganz im Gegensatz zu den Vermutungen der Post – die Arbeiterradiobewegung zunächst wohl eher belächelt.

Dazu sagt der Hörspielredakteur Klaus-Michael Klingsporn:

O-Ton Klaus-Michael Klingsporn: “Es war keineswegs so dass SPD und KPD das am Anfang in irgendeiner Form politisch relevant fanden. Die fanden das alles Spielerei und dummes Zeug. “

Klingsporn hatte 1988 für eine studentische Arbeit über die Arbeiterradiobewegung tief in den Archiven gegraben. Seinen damaligen Recherchen entstammt auch das folgende Zitat:

Zitat: „Man nimmt schlechthin an, die Beschäftigung mit dem Rundfunk sei eine bessere Spielerei, die sich für den klassenbewußten Arbeiter ganz und gar nicht lohnt, die ihm nur Zeit wegnimmt.„

So klagt noch 1928 ein Mitglied des  Arbeiter-Radio-Bunds Deutschland. Der hatte sich drei Jahre zuvor - zunächst unter dem Namen Arbeiter-Radio-Klub - in Abgrenzung zu bürgerlichen Funkamateuren gegründet, um zum Mindesten Einfluss auf das neue Medium zu nehmen. Tatsächlich war die Haltung der SPD nicht sehr kritisch gegenüber der Entwicklung des Rundfunks, in dem Industrie und Staat die Fäden hielten, die Arbeiterbewegung aber ausgrenzten.

Die Kommunisten hingegen neigten zu einer Propaganda des Nicht-Hörens wie Klaus-Michael Klingsporn in seiner Arbeit konstatierte, da sich „der Rundfunk in den Händen der kapitalistischen Gesellschaft“ befinde und erst nach der Revolution „restlos in den Dienst des menschlichen Fortschritts“ gestellt werde könne.

Seit den Anfängen der Arbeiter-Radiobewegung existierte die Forderung nach einem eigenen Sender. Einheitliche Pläne, wie man einen solchen nutzen wollte, gab es freilich nicht. Ein Mitglied des Arbeiter Radiobunds Österreich  - vermutlich spricht hier Otto Stöber – erinnerte sich, wie er die sozialdemokratische Parteiführung für seine Pläne gewinnen wollte. Er brachte das Argument vor, man könne im Krisenfall mit einem solchen Sender den Republikanischen Schutzbund mobilisieren - die bewaffnete Arbeiterwehr der österreichischen Sozialdemokraten:

O-Ton: „...ich habe mir ehrlich vorgestellt, wenn wir mit Unterstützung -  natürlich auch finanzieller Unterstützung - der Partei, einige solcher Sendeanlagen bekämen, dann wäre das Problem für den Schutzbund im Alarmfall gelöst, weil man brauchte ja nur in Attnang, in Steyer einen Empfänger aufstellen. Und wann der Gruber schreit ‚Hallo zu den Waffen‘, dann ist alles geschehen und die Polizei kann da nichts  abschneiden und nichts verbieten, denn die hört ja gar nichts, wenn sie nicht die richtige Welle hat.“


Unterstützung durch Parteifunktionäre der SPD gab es für solche Forderungen auch in Deutschland kaum. Der politische Kampf des Arbeiter-Radio-Klubs galt denn auch mehr und mehr der Partizipation und der Mitbestimmung der Sendeinhalte.


O-Ton Gerd Walther:  „Man ist gar nicht so weit gegangen, dass man einen eigenen Arbeitersender haben wollte, man hat eine Stunde oder drei in der Woche  Rundfunk Sendung machen wollen. Das ist natürlich abgelehnt worden, weil die Obrigkeit da ganz andere Interessen hatte und mit sozialistischen Bewegungen wahrlich wenig am Hut hatte, auch wenn das sozialdemokratisch beteiligte Regierungen waren.“

Derweil eroberte der Rundfunk trotz „mangelnder Information, wirklichkeitsferner Belehrung und seichter Muse“, wie ein Zeitgenosse rügte, die Gunst der Massen.  Mit Hilfe des neuen Mediums hielt der Jazz Einzug in die Kultur der Deutschen und KünstlerInnen wie Lilian Harvey erfüllten mit ihren Schlagern psychologische aber auch soziale Bedürfnisse des Industriezeitalters:

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Der Rundfunk sollte nach der Maßgabe des Reichs-Rundfunk-Kommissars Hans Bredow unparteiisch sein. Vorträge die unter dem Verdacht des Politischen standen, wurden kontrolliert und zensiert. Dies hinderte freilich nicht, wie die Zeitung des Arbeiter-Radio-Bunds vielfach kritisierte, dass Nationalismus und Revanchismus in den Sendungen Raum fanden. Denn was unparteiisch war, bestimmten die, die das Medium kontrollierten.  So sagt Kurt Tucholski in seinem Essy "Der politische Rundfunk":

Zitat: ...die ganze Frechheit der nationalen Kreise, die ganze Schlappheit der Opposition liegt schon in diesem Faktum, dass das, was diese Burschen »nationale Gesinnung« nennen, als selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Als selbstverständlich und normal galt dann eben, nationale Themen mit patriotischem Pathos vorzutragen.  Ein Auszug aus der Rundfunkreportage von 1930 über die „Befreiungs-Feier“ in Trier anläßlich des Abzugs der allierten Besatzungstruppen:

O-Ton: Reportage Trier 1930

Kritik tat also not und so war Kritik am bürgerlichen Rundfunk auch eine der wichtigsten Aufgaben der verschiedenen Zeitungen, die von den Organisationen der Arbeiterradio-Bewegung im Laufe der Jahre herausgegeben wurden. Kritik an den hohen Rundfunkgebühren, Kritik an rechter und religiöser Propaganda, an der mangelnden Repräsentation der ArbeiterInnen in den Sendungen, und auch am Frauenbild, wie es vom Weimarer Rundfunk reproduziert wurde.

Für Frauen sendete die „Deutsche Welle“ 1926 zwar erstmals die „Stunde der Hausfrau und Mutter“. Auch sprachen hier die Frauen selbst. Das Programm stand allerdings unter dem Einfluss konservativer Hausfrauenverbände.

So schildert Margarete Bauer 1926 in „Der neue Rundfunk“:

ZITAT: Wie die «bürgerlichen Frauenzeitschriften - von der „Eleganten Welt“ und der „Dame“ bis zur „Berliner Hausfrau“ -  so ist das Niveau der gebotenen Vorträge. Die Proletarierfrau kommt nicht zum Wort. Und auch wirklich ernsthafte und tiefer schürfende Frauenfragen werden nicht behandelt.

Wie wäre es, wenn nach „Die Frau am Teetisch“ auch einmal das Thema folgte:
„Ein Arbeiterhaushalt“, und statt des gewiß für manche Damen hochinteressanten Referates: „Kann ich mit einer Freundin reisen?“ man einen Gewerkschaftsbeamten zu einem Vortrag über „Die Lage der Heimarbeiterinnen“ aufforderte?

Manche Dame, die bequem in ihrem Gobelinsessel gelehnt ihre Radiostunde hört, würde dann vielleicht auch belehrt, daß es noch ernstere Sorgen gibt, als die, ob das Grau der Schuhe genau zu dem neuen Komplet paßt.

…..

Sicher differenzierte sich das Radioprogramm im Laufe der Jahre aus und öffnete sich in begrenztem Maß auch für die bürgerliche Frauenbewegung. Doch noch 1931 veröffentlichte die kommunistische Radio-Zeitung „Arbeitersender“ das folgende Gedicht:

ZITAT:
Das ist der Frauenfunk

Man saß gerade beim Modetee
Und sprach von dem zartrosa Frühlingskomplet
(Eine „Schöpfung“ von Herpich u. Söhnen),
Da begann der Rundfunk zu klönen.

„Entzückend!“ meinte die dicke Frau Klein.
„Man kommt uns mit Griechisch und mit Latein!
Asparagus, hör‘n Sie. heißt Spargel,
Doch wie übersetz' ich - Quargel?

„Erziehung ist alles", erklärte Frau Blunck,
„Ich bin restlos begeistert vom Frauenfunk,
Er bringt so gebildete Themen -(Möchten Sie ein Praline nehmen?)

Ich finde den Rundfunk ja einfach enorm! "Erziehung Zur Ehe und Ehereform"
War neulich ein Vortrag gewesen -
(Haben Sie Van de Velde gelesen?)"

„Na, manchmal“, gähnte die dicke Frau Klein, „Da könnten die Vorträge stilvoller sein!
Wie neulich die Fürsorgeärztin gesprochen,
Da habe ich schleunigst den Strom unterbrochen!‘

„Ich bitte Sie", protestierte Frau Blunck, „Beim Muttertag hat sich der Frauenfunk
Dagegen doch fabelhaft benommen . .
Meine Kinder sind alle mit Geschenken gekommen!"

Während dieses Frauengespräch' sich begab,
Trug man eine proletarische Mutter zu Grab.
Und die Frau, die kein Pfarrer zu Grabe trug,
Die hatte an e i n e m Geschenk genug!

Wovon die Welt mit Entsetzen spricht:
Den Frauenmord-Paragraph 218, den kennt der Rundfunk nicht!


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1929 spaltete sich die Arbeiterradiobewegung. Hintergrund waren wachsende Konflikte zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Es gab zunehmend Kritik an der hinhaltenden Politik der SPD angesichts der wachsenden Faschismusgefahr , die KPD schloss sich der gegen die SPD gerichtete Sozialfaschismustheorie an und am 1. Mai und folgenden Tagen wird in Berlin auf Anweisung des SPD-Innenministers und des sozialdemokratischen Polizeipräsidents ein Blutbad unter Demonstranten und Unbeteiligten angerichtet.  

Die Sozialdemokraten drängen die Kommunisten dem Vorstand. Nun gibt es zwei Organisationen, den eher sozialdemokratischen Arbeiterradiobund ARBD und den kommunistisch orientierten FRBD, den Freien Radio-Bund Deutschland.

O-Ton Gerd Walther: „Es gab ja auch diese Spaltung in sozialdemokratisch orientierte  und kommunistische orientierte Leute. Aber im Wesentlichen war das etwas, das von oben nach unten gekommen ist und nicht aus  der rundfunkbegeisterten Arbeiterschaft.“

meint der Historiker Gerd Walther.  

Doch zwischen den beiden Strömungen gab es bedeutende Unterschiede, was das Verhältnis zum Medium Rundfunk und seiner Organisation, die Forderungen und Nahziele anbelangte. Sozialdemokraten hatten die Forderung nach eigenen Sendern längst aufgegeben. Sie zielten auf Reformen und waren in den Kontrollgremien des späten Weimarer Rundfunks vertreten.

Die KPD jedoch war – anders als die NSDAP – während der ganzen Weimarer Republik grundsätzlich vom Rundfunk ausgeschlossen. Kein Wunder also, dass die kommunistische Arbeiterradiobewegung nicht auf Reformen hoffte, sondern Fundamentalopposition bezog. Gefordert wurden proletarische Kurzwellensender und es wurde gegen den Rundfunkfaschismus Stellung bezogen.

Auch forderte der Freie Radiobund Deutschlands (FRBD)  Arbeitersendestunden, die von der „Interessensgemeinschaft für Arbeiterkultur“ gestaltet werden sollten, sowie einen Programmaustausch zwischen Deutschen und sowjetischen Rundfunkanstalten. Dennoch dürfte der „Arbeitersender“, die Zeitschrift des FRBD nicht ernsthaft damit gerechnet haben, dass der folgende im Februar 1932 abgedruckte „Programmvorschlag“ für den 1. Mai Berücksichtigung durch  die Deutsche Welle finden würde:

Zitat:
7 Uhr Morgenmusik des proletarischen Blasorchesters Leipzig.
8 Uhr Bekanntgabe der Stellplätze für die Demonstrationsteilnehmer.
8.30 Uhr Verlesung des kommunistischen Manifestes.
9 Uhr Vortrag: Körperkultur und Lebensreform im Arbeiterstaat.
9.45 Uhr Vortrag: Esperanto im Dienste des internationalen Proletariats.
10.30 Uhr Demonstrationsübertragung und Reportage.
11.30 Uhr Ansprachen von den Sammelplätzen der Demonstrationen.
12.15 Uhr Mittagskonzert des Roten Orchesters erwerbsloser Berufsmusiker.
14.15 Uhr Vortrag: Die sozialistische Planwirtschaft.
15 Uhr Konzert des Mandolinisten-Orchesters „Frei Klang“.
15.45 Uhr Übertragung der Maifeier der Moskauer Arbeiterschaft.
16.30 Uhr Vortrag: Lenins Leben.
17 Uhr Massenchorkonzert der Volkschöre „Freiheit“ und „Rote Lyra“.
18 Uhr Gedenkrede: Der 1. Mai — der Weltfeiertag des Proletariats.
18.45 Uhr Zwiegespräch über die Bedeutung des 1. Mai zwischen einem
alten und einem jungen Arbeiter.
19.15 Uhr Proletarische Bücherschau.
20 Uhr Proletarisches Kabarett.
22 Uhr Übertragung der internationalen Sendungen des Moskauer Gewerkschaftssenders.
22.30 Uhr Proletarische Berichterstattung.

Der Freie Radiobund entwickelte in der kurzen Zeit seines Bestehens interessante Praxis-Formen. Die Idee des Zahlstreiks wurde nochmals aufgegriffen. Die Aktion richtete sich gegen den zunehmenden Einfluss der NSDAP auf den Rundfunk. „Rote Radisten“, Techniker der Arbeiterradiobewegung, bauten Verstärkeranlagen für Lautsprecherwagen. Die fuhren durch Berlin, übertrugen Agitation und spielten verbotene Lieder. Sogenannte „Abhörgemeinschaften“ wurden organisiert, in denen die politische Berichterstattung diskutiert und kritisiert werden sollten. Der „Arbeitersender“ druckte Anleitungen, ab, wie der Empfang verstärkt werden konnte, um Radio Moskau empfangen zu können.

1933 wurden beide Organisationen, der Arbeiterradiobund und der Freie Radiobund von den Nationalsozialisten verboten. Der Rundfunk wurde zum Propagandainstrument der Nazis umfunktioniert. Nicht einmal eine Dekade hatte die Arbeiterradiobewegung Zeit gehabt, um konkrete Alternativen in Sachen Rundfunk zu entwickeln.

Zu einem ernst zu nehmenden Kampf um das Medium war es nie gekommen. Der Grund, so Klaus-Michael Klingsporn: Die Analyse  der Weimarer Rundfunk-Organisation durch die Arbeiter-Radio-Bewegung habe viel zu kurz gegriffen. Während die KPD-nahen Radiofreunde die Veränderung auf nach der Revolution vertagten, wollte der SPD-Flügel einfach nur selbst in die Überwachungs- und Kontrollgremien. Das wesentliche Merkmal des Rundfunks aber war sein staatsnaher-regierungskontrollierter Charakter.  Und den habe die Arbeiter-Radio-Bewegung schlicht nicht ins Feuer ihrer Kritik genommen.

O-Ton Michael Klingsporn: "Das Problem: dass man die Struktur, die der Weimarer Rundfunk hatte, bei beiden Gruppen überhaupt nicht erkannt hat. Und diese  Regierungskontrolle, die letztlich von vornherein jede Arbeit ausschließt, die in irgendeiner Form wirklich programmverändernd  ist, haben sie bis zum Schluss nicht erkannt. Und das, was dann im Faschismus mit einem Handstreich gemacht werden konnte, indem man einfach in diesen Gesellschaften nur den Vorsitzenden austauscht und damit das Programm gleichgeschaltet hat, haben sie überhaupt nicht gesehen.    

Letztendlich haben sie gar keine Reform der Struktur angestrebt, sondern wollten einfach nur teilhaben an diesen Kontrollmechanismen. Also auch Vertreter in den Beiräten haben, aber eben nichts an den Strukturen ändern.

Das ist die grösste Kritik die man haben kann, denn sie haben einfach nicht begriffen was sie vor sich haben. Da sind sie allerdings nicht die einzigen gewesen."  

 


Die „Heinze-Frauen“ - Ein erfolgreicher Kampf um gleichen Lohn

Gelsenkirchen, 1979: In einer Dunkelkammer entsteht der Plan der Arbeiterinnen beim Fotolabor-Betrieb Heinze sich gegen Lohndiskriminierung zur Wehr zu setzen und gleichen Lohn für Männer und Frauen durchzusetzen. Mehr als zwei Jahre währte ihr Kampf, der bundesweit Aufmerksamkeit erregte und eine Welle der Solidarität auslöste.

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"Keiner schiebt uns weg". Dieses Lied, das die "Heinze-Frauen" sangen und dem immer neue Strophen hinzugefügt wurden, wurde in der ganzen Republik zur Hymne eines Kampfes für Gleichheit zwischen Frauen und Männern.

Der Fotolabor-Betrieb Heinze zahlte Männern 1,50 DM mehr Lohn. Damit verstieß er zwar gegen den geltenden Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", doch es bedurfte eines zweijährigen Kampfes der Arbeiterinnen bei Heinze, bis die Lohndiskriminierung beseitigt war.

Mit einem Blick zurück auf die Geschichte von Frauenarbeit und ihre gesellschaftliche Beurteilung gehen wir diesen Auseinandersetzungen der Heinze-Frauen nach.

Quellen

  • Das Interview: Gisela Kessler im Gespräch mit Gerd Mangelsdorf
    Leitung: Thomas Grimm, Produktion: 2001. Der Film erschien bei „Zeitzeugen TV. Film- und Fernsehproduktion GmbH“ in Berlin in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
    www.zeitzeugen-tv.de/
  • Die Schallplatte mit Buch: „Wir wollen gleiche Löhne – Keiner schiebt uns weg“
    Der Kampf der Kolleginnen bei der Firma Heinze, hrsg. von der Industriegewerkschaft Druck und Papier (IGDruPa), 1981.
  • Der Film: Pierburg – Ihr Kampf ist unser Kampf von Edith Schmidt und David Wittenberg, 1974/75
    de.labournet.tv
  • Das Buch mit DVD: Wilder Streik – das ist Revolution
    hrsg. v. Dieter Braeg, Die Buchmacherei 2012
    diebuchmacherei.de
  • LabourNet Germany, Treffpunkt der gewerkschaftlichen Linken mit und ohne Job
    www.labournet.de
  • Die CD: „... weil auch du ein Arbeiter bist“ Revolutions-, Frauen & ArbeiterInnenlieder
    von Angelika Sacher und Klaus Bergmaier erschien 2006
    www.arbeiterinnenlieder.at.tt

Danksagung

Sprecherin: Martina Fries

Sounds: The Runner (David Szesztay), Strum (Capture My Heart) (Phish Funk)


1795 bis 1847: Auf Krawall gebürstet

1795 bis 1847: Krawall, Hungerrevolte, Streik, Prekarität, Frauenmilitanz, Pöbel auf den Straßen, die Junirevolution, Facebook im Vormärz. 2017: Unruhen in Hamburg, Tumult beim Abschiebeversuch an der Berufsschule. Spazierengehen, Kaffeetrinken und plaudern mit der Zwischenfälle-Crew.

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1830 hängen in Nürnberg immer wieder Zettel an der Stadtmauer. Es wird zum Aufruhr aufgerufen. Mit "Mord und Brandt" wird gedroht, sollten Gewalt und Zwang nicht enden. 200 seien schon bewaffnet, heißt es. Die aufrührerischen Anschläge sind Ausgangspunkt für Nadja Bennewitz, Michael und Tim Liebler sich auf die Spurensuche zu machen.

Was waren die Hintergründe für zahlreiche Unruhen in der Zeit des Vormärz? Gab es wirklich eine "Eyerkuchenrevolution" in Nürnberg? Welche Rolle spielten Frauen bei "militanten Aktionen"? Und was ist von Berufsschülern zu halten, die mit Gewalt eine Abschiebung verhindern wollen?

Herzlich willkommen zum Gespräch über diese Fragen und zum Ausflug in die Nürnberger Altstadt.

Quellen

  • Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Nürnberg,. Bd. 14 Band I/II: 1830-1890, bearb. von Udo Winkel, 2001
  • Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland - Von den Anfängen bis 1914 (Ralf Hoffrogge)
  • Maschinensturm in Eupen: http://www.grenzgeschichte.eu/

Danksagung

SprecherInnen: Ingrid Artus, Ute Heine
Sounds: The Runner (David Szesztay), Backyard (David Szesztay)


Hannah Höch, die Grand Dame des DADA

Sie war eine der interessantesten Künstlerinnen der klassischen Moderne: Die Malerin, Fotomonteurin und Collagistin Hannah Höch.

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Dass nicht erst die 1920er Jahre "wild" waren, das weiß, wer sich schon mal mit Dadaismus beschäftigt hat, einer rebellischen Kunstform, die mitten im Ersten Weltkrieg entstand und sich nicht nur gegen den Krieg, sondern gegen die bürgerliche Gesellschaft als solche richete. Unter anderem um Dada geht es in unseren heutigen Zwischenfällen. Vor allem aber geht es um Hannah Höch, die einzige Frau in den Anfängen der Berliner Dadaistenszene.

Sie war Teil der antibürgerlichen Dada-Bewegung, die im Ersten Weltkrieg hervortrat und die sich als Anti-Kunst verstand. Obwohl sich Hannah Höch künstlerisch ständig weiter entwickelte, hielt sie zeitlebens fest an dem ursprünglichen Dada-Konzept des Anti-Stils.

Danksagung

  • Wir danken Bernd Baader, dem Neffen von „Oberdada“ Hannes Baader, der uns das Interview zur Verfügung stellte, das er 1977 mit Hannah Höch führte.
  • Die Aufnahmen im Germanischen Nationalmuseum entstanden anlässlich einer Führung zu Hannah Höch Mitte Dezember 2017. Danke an die beteiligten Diskutantinnen!
  • Sprecherinnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Steffi Weigel, Beate Bennewitz und Ingrid Artus
  • Mit Musik von Forty One, Lobo Loco und David Szesztay

Weitere Informationen:

  • Bernd Baader, (geb. 1937), Studium Grafik-Design und Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart; fast vier Jahrzehnte tätig als Grafiker beim SWR; Dada-Forscher; Maler; seit 1982 über 40 Ausstellungen: berndbaader.gallery
  • Das vollständige Interview von Bernd Baader mit Hannah Höch ist unter dem Titel „Bernd Baader bei Hannah Höch, Berlin-Heiligensee, 12. August 1977“ abrufbar auf Bayern 2

So, jetzt bin ich da - der Widerstand der Kuni Schwab

Die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin Kuni Schwab arbeitete als junge Frau 1933 für die illegale KPD und wurde schließlich verhaftet und verurteilt. Doch auch nach ihrer Freilassung blieb sie weiterhin als Antifaschistin aktiv.

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In der zweite Ausgabe der Serie „Zwischenfälle“, die gegenläufige Erinnerungen wachrufen und Geschichte aus einem ungewohnten Blickwinkel erzählen will, begegnen wir einer Bekannten aus der letzten Folge wieder: Kuni Schwab ist manchen älteren Nürnbergern keine Unbekannte und wird auf Wikipedia mit dem Ausspruch zitiert: „Ich wusste nicht, dass man für ein anständiges Leben einen Preis bekommt“. Mit diesem Satz kommentierte sie 1994 einen Preis, den sie „für herausragendes Engagement zur Wahrung menschenwürdiger Lebensumstände“ erhielt.

Was die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin riskierte, um ein „anständiges Leben“ zu führen, darum geht es im Beitrag  – und im O-Ton von Kuni Schwab selbst.

Quellen

Interview von Philipp Engel

Danksagung

Musik von David Szesztay, Ondrosik, Art of Escapism, FAFOOT, Gostenhofer Frauenchor.
SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Ute Heine, Philip Manthey, Ingrid Artus, Coco
 


Die Höhlendruckerei

1933 übernehmen Ludwig Göhring, Kuni Schumann-Schwab und Hannes Pickel die Aufgabe, im Raum Nürnberg für die illegale KPD eine Zeitung zu produzieren. Eine Höhle in der fränkischen Schweiz wird für kurze Zeit zur "Untergrund"-Druckerei. Dann holt der Terror der Nazis die jungen Leute ein.

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Quellen

  • "Der Höhlendrucker" - politische Lebenserinnerungen,  Ludwig Göhring
  • Das andere Nürnberg, Hermann Schirmer
  • Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Nürnberg 1933 - 1945, Helmut Beer
  • Dokument 923-D aus dem Nürnberger Kriegsverbrecherkongress vom 14 November 1945 bis 1. Oktober 1946
  • Film: "Standhalten und EIngreifen",  Ludwig Mertel

u.a.

Danksagung

Script

Atmo: Schritte im Wald, knackende Äste …

Zusammen mit einem dutzend Menschen haben wir uns heute auf Weg in den Veldensteiner Forst im Osten der Fränkischen Schweiz gemacht. Ca 1 Stunde dauert der Fußmarsch von Neuhaus durch Kiefernwald und karstige Heide vorbei an der Mysteriengrotte und durch den lichteren Mischwald unterhalb des Schelmbachsteins. Unser Ziel ist die wenig bekannte Anton-Völkl-Grotte. Ein kaum begangener schmaler und steiler Pfad führt uns zu einem unscheinbaren Loch im Fels. Ein aus dem Boden ragender Felsbrocken verdeckt die Sicht ins Innere. Dahinter scheint auf den flüchtigen Blick nur ein halber Meter Raum zu sein.

Auf Bitten des Nürnberger Antifaschistischen Aktionsbündnisses hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN diese Exkursion organisiert. Gustl Ballin, VVN-Mitglied und Vorsitzender der nordbayerischen DKP hat uns hierher geführt:

Gustl Ballin: Das ist jetzt keine besonders große Höhle. Es gibt auch keine Tropfsteine. Hier hat ein illegaler junger Erwachsener 1933 im Frühsommer eine illegale Zeitung gedruckt„

Gemeint ist Ludwig Göhring. Der damals 22jährige war Mitglied der KJVD, der Jugendorganisation der KPD gewesen. Nach der Machtübernahme der Nazis mussten sich die Kommunisten in der Illegalität organisieren.

Gustl Ballin: „Januar 33 haben die Faschisten die Macht übernommen. Und dann ging das Schlag auf Schlag. Es gab Razzien. Man hatte Schwarze Listen. Die KPD wurde verboten. Später auch die SPD. Es ging Schlag auf Schlag und schnelle. Von Seiten der der KPD wurde überlegt, wie kann man sich äußern, und so hat man eine Zeitung gemacht mit einer Auflage von 2000.“

Bei einem konspirativen Treffen im Mai 1933 in einem Waldstück bei Nürnberg wird Ludwig beauftragt die Herstellung der Zeitung zu übernehmen: die „Blätter der sozialistischen Freiheitsaktion“ .

Mit im Team sind Kuni Schumann-Schwab und Ludwigs Freund Hannes Pickel.

  • Hannes ist Mechaniker, besorgt für die KPD Deckadressen, Verstecke und Druckmaterialien.
  • Die 22jährige kaufmännische Angestellte Kuni ist als Schreibkraft für Parlamentarier der KPD tätig.
  • Der 22jährige arbeitslose Klempner Ludwig Göhring stammt aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Seit Sommer 1932 ist er in Nürnberg für die KPD und den kommunistischen Jugendverband KJVD aktiv.

Alle drei kennen sich bereits aus der SAJ, der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend. Unter den zugespitzten politischen Verhältnissen hatten sie sich den Kommunisten zugewandt.

Ludwig und Hannes richten für die Herstellung der „sozialistischen Freiheitsaktion“ einen Schuppen in der Nürnberger Gartenstadt ein. Hannes und Kuni übernehmen die redaktionelle Arbeit bei der sie Artikel der Roten Fahne verarbeiten, Göhring zeichnet den Zeitungskopf. Zum Vervielfältigen wird ein Matritzen-Abzugsgerät verwendet. Ludwigs spätere Frau Irma Göhring erinnert sich:

Irma Göhring: „So a Abziehmaschiene Ham sie a ahnung was des is. Des is wie a große Schreibmaschine Da hat mer kurbelt und auf der andern Seite is des Papier rauskommen. … „No hat mer da immer wieder Farbe nachtun müssen damit es auch richtig gedruckt war. „

Vor allem aber macht der Apparat einen Riesenlärm. Man fürchtet die Entdeckung und so sucht man für die 2. Auflage nach einem neuen Ort.

Gustl Ballin: Jemand der nicht namentlich bekannt ist kannte diese Höhle und hat sie den Genossen von der KPD gezeigt. Und weil sie ja so unscheinbar ist hat sie sich gut geeignet. Es wird erst mal sehr eng, kann nicht einfach jemand reinspazieren.“

So eng ist es, dass nicht jeder aus unserer Gruppe durchpasst. Mir selbst wird abgeraten. Mein Kollege Marco Lehner nimmt das Mikrofon mit in die Tiefe.

Marco Lehner: „Ich bin jetzt hier an einem Seil angehangen und schieb mich durch einen mittlerweile nur noch 20 cm langen Gang. Also hier jetzt diesen Schacht runter. Ich brauch ein bisschen mehr Seil. (Steine rieseln) Achtung Steine!!!  Ist euch was passiert.... Also ab.“

Organisierung in der Illegalität

Verbot und Illegalität kommen zwar nicht völlig überraschend für die KPD. Die Partei hatte 1932 auch Maßnahmen eingeleitet, die die Arbeit in der Illegalität ermöglichen sollte.

Das betrifft vor allem die Aufrechterhaltung der Leitungsstruktur und die Weiterverbreitung der Parteizeitungen. So sollen Kuriere den Kontakt zwischen der Bezirksleitung und den Stadtteilleitungen aufrecht erhalten.

Wie lange allerdings der faschistische Terror anhalten und welches Ausmaß er annehmen wird, kann man sich 1933 noch nicht vorstellen.

Gustl Ballin:Die KPD war schon zeitweilig mal verboten und ihre Zeitung verboten. Das war alles gar nicht so tragisch sag ich mal. Man konnte sich praktisch vor 33 so vorstellen den Faschismus im Rückblick wie wir das heute so kennen. Die Leute die dann Antifaschisten waren war gar nicht so einfach sich in Situation hinein zu denken. Deswegen sind ja so viele auch verhaftet worden und sind umgekommen.“

Die Verbreitung von Publikationen aus der Illegalität ist natürlich eine wichtige Aufgabe. Vor dem Reichstagsbrand am 27. Februar 33 und dem folgenden Verbot der KPD gab es in Nürnberg ein knappes Dutzend kommunistische Stadtteilzeitungen mit Namen wie Rotes Sprachrohr oder Sturmfahne. Der „Rote Sandberg“ aus Johannis gehört zu den bedeutendsten. Trotz Verbot kann er – vermutlich noch bis Frühsommer 33 – mit einer Auflage von bis zu 2000 Stück zu einem Preis von 10 Pfennig herausgegeben werden.

Als Ludwig Göhring, Kuni Schumann-Schwab und Hannes Pickel im Juni mit der Herstellung der „Sozialistischen Freiheitsaktion“ beginnen, haben erste Verhaftungswellen im März und April bereits beträchtliche Lücken in die Führungsebene der KPD geschlagen, während der kommunistische Jugendverband in Nürnberg noch relativ intakt ist. Es gibt zu dieser Zeit in Nürnberg wohl etwa 300 kommunistisch organisierte Jugendliche.

Vor diesem Hintergrund wird die bis dahin eigenständig agierende Jugendorganisation stärker in die illegale Parteiarbeit der KPD einbezogen. Aus Berichten der politischen Polizei geht denn auch hervor, dass die Aktivitäten der kommunistischen Jugend seit März zugenommen haben. Man verteilt Flugblätter und Zeitungen, wie den „Roten Jungsturm“, hilft beim Einschmuggeln von politischem Material aus dem Ausland und übernimmt Kurierdienste.

Marco Lehner: „Ich bin jetzt hier im Hauptraum der Höhle, Das ist ein etwa 10 auf 20 Meter großer Raum....“

Nachdem der geeignete Ort gefunden ist, muss die Gruppe möglichst unauffällig das große Matritzenabzugsgerät dort hin schaffen.

Irma Göring erinnert sich:

Irma Göhring: „Erst hat er sichs an'gschaut. Dann sind sie raus mit dem Motorrad...

Auch eine Strickleiter besorgt sich Ludwig Göhring. Gefertigt wird sie von einem Freund der drei, Kunis Schwager Oskar Pflaumer. Oskar fragt nicht groß nach, wofür die Leiter gebraucht wird, stellt sie laut späterem Polizeibericht aus Stahlkabeln und Eisenstäben her. Nachdem Transport und Zusammensetzen des Apparats geglückt sind, macht sich Ludwig noch zweimal auf den Weg zur Anton-Völkl-Grotte. Über Nacht, beim Schein einer Karbidlampe stellt er die zweite Ausgabe der Zeitung her. Diesmal geht noch alles glatt.

Auch eine dritte Ausgabe kann er in einer Augustnacht in mühevoller Arbeit vervielfältigen. Doch am Morgen, zurück in Nürnberg, scheitert dann der Versuch der Übergabe des fertigen Materials zur Weiterverteilung am Nürnberger Ostbahnhof.

Gustl Ballin: „Dann kam der Zeitpunkt, dass man sich auf diese illegale Tätigkeit noch nicht eingestellt hat. Es gibt 2 Minuten Karenzzeit wenn jemand nicht kommt. ...„

Ludwig wird in die Folterkeller der SA verschleppt. Erst ins Nebenzimmer eines Wirtshauses, dann ins SA-Hauptquartier, danach in die SA-Wache in der Fürther Straße und dann in die Samariter-Wache am Kornmarkt. Er wird bis zur Bewußtlosigkeit geprügelt. Schließlich gibt er den Standort der Höhle preis.

Die Methoden der SA sind bestialisch. Man schlägt den Gefangenen wie in der orientalischen Bastonade die Fußsohlen blutig, man pumpt ihnen den Magen auf, man hängt sie kopfüber an der sogenannten Schaukel auf, wo sie in entwürdigender Haltung geprügelt werden.

Jahrzehnte später wird Ludwig sich erinnern:

O-Ton Ludwig Göhring: Auf einer Stahltragbare war ich festgebunden mit dem Rücken nach oben. Über mir saß erhöht auf einem Stuhl der Vernehmungsführer: Er kommandierte nur: 20 weil er lügt. Ein anderer stellte die Fragen: Wer war dein Auftraggeber. Wer hat das Papier. Wo wurde gedruckt. So ging es 1,1/2 Stunden. Auf dem Boden neben der Tragbahre konnte man Blutspuren sehen. Sie beendeten dann nachdem ich den Standort der Höhle genannt hatte.“

Auch in einem Untersuchungsbericht vom Dezember 1933 ist zu lesen:

Zitat: „G. (Göhring) wurde dann auf eine bereitstehende Tragbahre gebunden und von zwei SA-Leuten mit einer Ochsensehne und einem Gummiknüttel auf Gesäß und Fußsohlen geschlagen. Dann wurde er auf den Abort gefiihrt. Nach 10 Minuten wurde er wieder geholt und mußte durch ein Schlüsselloch in den Raum sehen, in dem er vorher vernommen worden war.“

Dort sieht er seinen Freund Oskar Pflaumer beim Verhör. Zwei Tage nach seiner eigenen Verhaftung war dieser im Rahmen einer Großrazzia des Nürnberger Gestapochefs Otto festgenommen worden Nun wirft man ihm die Herstellung der Leiter vor. Auch Oskar Pflaumer wird bestialisch gefoltert. Die Folter überlebt er nicht. Er stirbt an den Folgen seiner Verletzungen. Haupttäter sind die SA-Männer Eugen Korn und Hans Stark.

Der Mord an Oskar Pflaumer kann nicht völlig unter den Tisch gekehrt werden. Auf den Druck der Verwandten kommt es zu einer Untersuchung:

Zitat: „Die am 18. August 1933 vorgenommene gerichtliche Leichenöffnung hat ergeben, daß an der Leiche die Haut des Gesäßes und der Oberschenkel in Form des Reithoseneinsatzes tief blaurot verfärbt war. Die Haut der Fußsohlen war von dem massenhaft darunter angesammelten Blut vorgewölbt, sodaß sich beim Einschneiden nach Ablaufen des Blutes fast faustgroße Taschen ergaben. Der Landgerichtsarzt hat noch berichtet, daß nach seinem Befund Pflaumer in grausamster, qualvoller Weise mit stumpfen Gegenständen zu Tode gepriigelt worden sei.„

Doch die SA-Führung und willfährige Stellen in Justiz und Polizei verhindern die Verurteilung der Mörder. Obwohl schwerlich Zweifel an der Täterschaft von Korn und Stark bestehen können, wird das Verfahren gegen sie niedergeschlagen, mit der Begründung:

Zitat: „...würde das Ansehen der SA, der Partei, der Polizei und des nationalsozialistischen Staates überhaupt in schwerster Weise geschädigt und erschüttert. Noch größer aber wäre der Schaden für das Deutsche Reich, der dadurch entstehen wurde, dass - wie bestimmt anzunehmen ist – das Ausland von den Vorgängen Kenntnis erhielte.“

Epilog

Im November 34 wird Göhring mit anderen Kommunisten in München wegen Hochverrats zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Haftstrafen reichen jedoch den Nazis nicht aus. Nach der Haft kommt er wie viele andere zunächst ins KZ Dachau, nach einem Zwischenaufenthalt im KZ Flossenbürg zum brutalen Arbeitseinsatz bei Erdarbeiten und im Steinbruch wieder zurück nach Dachau. Weil er sich an einer Solidaritätsaktion beteiligt, wird er ausgepeitscht und zu einem Jahr Strafkolonie verurteilt. 1944 wird er ins KZ Neuengamme verlegt und dort zur berüchtigten SS-Sturmbrigade Dirlewanger gepresst, die angesichts hoher Verluste zum Kriegsende hin viele KZ-Häftlinge rekrutiert. An der Front desertieren Hunderte von ihnen zur Roten Armee, unter ihnen auch Ludwig Göhring.

Nach der Machtergreifung der Nazis gelingt es der Nürnberger KPD nur ein einziges Jahr lang in der Illegalität organisiert zu überleben. Immer stärker werden die Aktiven von immer neuen Verhaftungswellen dezimiert. Nachdem Ende Januar die 3. Bezirksleitung zerschlagen wird, ist eine Organisierung im echten Sinne nicht mehr möglich. In München werden im Juni 1934 gegen 29 Angeklagte 12 ½ Jahre Zuchthaus und 25 Jahre Gefängnis verhängt. Für die Verurteilten ist nach der Haft meist der Leidensweg nicht zu Ende. Sie werden in KZ‘s verschleppt, wo viele von ihnen ermordet werden.

Etwas länger kann die Rote Hilfe standhalten, in der auch Nicht-Kommunisten aktiv sind. Doch obwohl die Organisationen zerschlagen sind - ZeitzeugInnen und zahlreiche Gerichtsakten belegen: Bis zum Kriegsende leisten Nürnberger Kommunisten, Sozialdemokraten und Antifaschisten als Einzelpersonen und in Gruppen auf vielfältige Weise Widerstand.

Marco Lehner: „All right ich bin unten. …. „

Teilnehmer: Ich bin heute hier weil mich das interessiert, weil ich glaube Illegalität ist schon eine schwierige Sache....“

  • Hannes Pickel gelingt als einzigem des Höhlendruckerteams die Flucht. Er taucht wohl zunächst in Nürnberg unter, lebt dann in Berlin steckbrieflich gesucht 1 Jahr lang in der Illegalität und gelangt schließlich ins Exil im Ausland.
  • Kuni Schumann-Schwab wird am 21. August 1933 mit anderen GenossInnen verhaftet, wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilt und sitzt bis August 1934 im Gefängnis Aichach ein. Monate lang muss sie in Einzelhaft verbringen. Nach dem Krieg wird sie Vizepräsidentin der Verfassungsgebenden Landesversammlung und ist bis zum neuerlichen KPD-Verbot 1956 Stadträtin in Nürnberg.
  • Ludwig Göhring kann 1945 nach Nürnberg zurückkehren. Nach 12 Jahren Gefängnis und KZ. Er wird Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des NS-Regimes. Ludwig Göhring stirbt im Sommer 1999.