Und wehe wir streiken – Die Geschichte mit der Gesundheit

Die Streiks im Oktober 2020 haben die Bewegung für ein solidarisches Gesundheitssystem gestärkt. Klinik-Beschäftigte wurden in der Metropol-Region laut für ihre Forderungen. Geschichte beginnt jetzt. So sind nicht nur die Verhältnisse in den Spitälern von einst Thema dieser Sendung. Kämpfende GesundheitsarbeiterInnen von heute kommen selbst zu Wort.

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Kranke mit einem Fingerschnippen heilen, das könnten wir angesichts der drohenden Überlastung der Kliniken sehr gut gebrauchen. Till Eulenspiegel trat ja bekanntlich mit der Behauptung im Nürnberger Heilig-Geist-Spital auf, genau das tun zu können. Für seinen Heilungstrick verlangte er laut Legende ein fürstliches Gehalt. Für die 200 Gulden, die er erhielt, konnte man damals, um 1520, fast das schicke Haus von Albrecht Dürer kaufen.

Von derartig fürstlicher Bezahlung konnten freilich diejenigen nur träumen, die eigentlich für die Betreuung der Kranken zuständig waren. Vier Krankenwärterinnen im Heilig-Geist-Spital waren 100 Patienten und Patientinnen anvertraut und sie arbeiteten im Schichtbetrieb.

Auch heute sind Pflegekräfte überlastet. Das ist seit Jahren bekannt. Im Oktober 2020 streikten unter anderem aus diesem Grund die Kliniken - auch die in der Metropolregion. Schon seit dem Lockdown im Frühjahr organisieren sich GesundheitsarbeiterInnen, AktivistInnen und Patienten in der Initiative Gesundheit statt Profit, um gegen ein System mobil zu machen, das dem Markt ausgeliefert ist.

Geschichte wird jetzt gemacht. Deshalb geht unser Zwischenfälle-Team nicht nur auf die Suche nach den Verhältnissen in den Spitälern früherer Zeiten, sondern hat auch die Gesundheitsarbeiterinnen Anja Schmailzl und Inge Hammer von der Initiative über Videokonferenz zugeschaltet. Streiks, Demonstrationen und der Zorn der Beschäftigten von heute sind  Themen dieser Sendung und wir machen uns auf zum Heilig-Geist-Spital über der Pegnitz.

Danksagung

Vielen Dank an unsere GesprächspartnerInnen von der Initiative Gesundheit statt Profit, Anja Schmailzl vom Klinikum Nürnberg und Inge Hammer vom Klinikum am Europakanal aus Erlangen.

Den Vortrag von Kalle Kunkel zur Geschichte der Kämpfe an der Charité hörten wir im Rahmen der Linken Literaturmesse 2020. Kalle Kunkel ist aktiv bei Krankenhaus statt Fabrik. Eine Aufzeichnung des entsprechenden  Podiums findet sich unter https://www.youtube.com/watch?v=53NMFCD1JBE ab ca 3:10h.

Musik:

Script

Zwischenfälle Ortstermin: Das Nürnberger Heilig-Geist-Spital

Zwischenfälle Ortstermin: Das Heilig-Geist-Spital wurde 1339 erbaut. Das Brückenspital, dessen beiden Brückenbögen sich im Wasser der Pegnitz spiegeln, ist ein begehrtes Fotomotiv für Touristen. Dabei wurde das originale Gebäude 1945 völlig zerstört und einige Jahre später wieder nach dem historischen Vorbild aufgebaut.

Ein Spital war im Mittelalter nicht vorwiegend Krankenhaus, sondern diente außerdem zur Aufnahme alter und bedürftiger Menschen, und es gab Betten für Wöchnerinnen. Zentrale Aufgabe war auch die geistliche Fürsorge. Dennoch handelt es sich um eine kommunale Einrichtung, gestiftet von Konrad Groß, einem der steinreichsten Männern der Zeit.

„Pflege“ hatte im Mittelalter eigentlich die Bedeutung von „Verwaltung“. Die Spital-Pfleger entstammten dem Patriziat. Die mit der Pflege der Kranken betrauten hingegen hießen Krankenwärterinnen. Sie waren keine Bürgerstöchter und erhielten keine Ausbildung, sondern es galt „Learning by doing“. Zusammen mit einer Küsterin, deren Funktion die einer Stationsleitung war, hatten sie die Pflege inne. Die Krankenwärterinnen mussten Schichtdienst leisten. Es gab einen akademisch ausgebildeten Spitalarzt, der zweimal in der Woche kam. Küsterin, Wundarzt und Arzatinnen erhielten geringen Lohn, standen aber im Ansehen sehr hoch und leisteten die eigentliche Arbeit.

Im Spital wurde bereits Pflege im heutigen Sinne geleistet, mit dem Ziel der Genesung durch die Fürsorge und Behandlung. Auch ohne die heutigen technischen Möglichkeiten konnte durch Beschau Diagnosen gestellt werden, um zum Beispiel Lepra oder Pest zu erkennen. Durch den Kontakt mit Patientinnen erwarben auch die Krankenwärterinnen medizinische Kenntnisse.

Bis 1300 war die Pflege noch in Händen von Mönchen gewesen. Mit Aufkommen der städtischen Spitäler waren Krankenwärterinnen dann ausschließlich Frauen.

Ein Plan des Krankensaales im Heilig-Geist-Spital zeigt, dass es dort 100 Betten gab. Bett stand an Bett, es gab keine Privatheit und nur wenig Sichtschutz. Weiterhin gab es Räume für 4-6 Krankenwärterinnen und eine Küsterin. Der Personalschlüssel war also denkbar schlecht. Dennoch konnte man sich glücklich schätzen einen Platz in einem Spital zu bekommen. Ein Drittel der Bevölkerung lebte ständig unterhalb des Existenzminimums. Hier im Spital hatte man ein Bett, einen Ofen und bekam eine Maß Bier täglich, die allerdings auch zur „Sedierung“ diente.

Die Arbeitsbedingungen sind wenig dokumentiert, denn kein Chronist hat sich für die Frauen interessiert, die hier arbeiten mussten.


Weiterfahrt zum ehemaligen Sebastianspital in Großweidenmühle

Das Sebastianspital wurde 1490 außerhalb der Stadtmauern erbaut. Als Pesthaus diente es der Quarantäne, eine Praxis, die man aus Italien übernommen hatte. Das Nürnberger Sebastianspital ist vermutlich das älteste Pesthaus auf deutschem Boden.

Eine gezeichnete Abbildung des Wiener Pesthauses von 1679 gibt Aufschluss über Unterbringung und Versorgung, sowie über Tätigkeiten, die von den dort Arbeitenden verrichtet wurden. Das Bild zeigt schwer gebeugte PflegerInnen beim Tragen von Kranken oder Toten. Eine zentrale Rolle spielt der Priester, der den Kranken Segen spenden muss. Rechts im Bild wird Kleidung verbrannt. Eine Frau räuchert einen Raum aus, um den Pesthauch auszumerzen. Daneben wird ein Kranker mit Essen versorgt. Ein Verstorbener wird aus dem Obergeschoss heruntergelassen, offenbar, weil die dort Isolierten nicht herunterkommen dürfen. Dokumenten über das Augsburger Pesthospital zufolge, musste man sich bei der Aufnahme seiner Kleidung entledigen und wurde einem Barbier vorgeführt. Im Todesfall wurde die Kleidung verbrannt. Daraus werden rudimentäre und auch nach heutigen Maßstäben sinnvolle Hygienevorschriften deutlich.

In den Pestzeiten ging alles drunter und drüber. Das Bewusstsein darüber, dass der Tod Reiche wie Arme gleichermaßen treffen konnte, unterminierte auch die weltlichen Autoritäten. Es existieren zahlreiche zeitgenössische Zeichnungen, auf denen Leichenträger abgebildet sind, die für den Abtransport der vielen Toten verantwortlich waren. Es ist überliefert, dass die Leichenträger aufgrund ihrer wichtigen Rolle selbstbewusst hohe Lohnforderungen stellten – und ihre Forderungen nicht selten auch erfüllt wurden. Heute scheinen die Dinge anders zu laufen. Die Forderung der zu Anfang der Corona-Krise vielbeklatschten Klinikbeschäftigten, dem Pflegenotstand mit einer Tariferhöhung zu begegnen, wurde von den Arbeitgebern im August 2020 mit der Ankündigung einer Nullrunde beantwortet.


Interview mit den Aktiven der Initiative Gesundheit statt Profit

Eigentlich hatten die Zwischenfälle vor, mit Klinikenbeschäftigten Krankenhäuser anzusehen und vor Ort über die Verhältnisse von heute zu sprechen. Doch Anfang November 2020 wird ein weiterer Lockdown verordnet. So sind als Expertinnen die Krankenpflegerin Anja Schmailzl und die Ergotherapeutin Inge Hammer zur Videokonferenz geladen. Beide sind Mitglieder der Initiative Gesundheit statt Profit, in der sich in Nürnberg während des Lockdowns im Frühjahr Klinikbeschäftigte und politisch bewusste Menschen zusammengeschlossen haben, um gegen ein profitorientiertes Gesundheitssystem aktiv zu werden.

Zwischenfälle: Zum Ende des Mittelalters waren im Nürnberger Heilig-Geist-Spital 4 Krankenwärterinnen für 100 Patienten zuständig. Wie sind im Vergleich dazu die Bedingungen an modernen Kliniken?

Anja: Sie sind geprägt durch Personalmangel, weil das Personal die betriebswirtschaftliche Stellschraube ist an der man drehen kann. Das schlägt sich in den Arbeitsbedingungen nieder. Natürlich betreue ich heute keine 25 Patienten. Zumindest nicht am Tag. Doch in der Nacht passiert das durchaus.

Wir haben eine ganz andere Form von Medizin und die Patienten werden ja mittlerweile ja auch in einem viel schnelleren Durchlauf bei uns betreut. Die Liegezeiten sind sicherlich kürzer als damals im Hospital, weil man eben möglichst schnell möglichst viele Fälle generieren muss.

Mittlerweile heißt es ja auch nicht mehr Patienten, sondern bezeichnenderweise "Kunden". Das ist jedoch eine Farce, denn PatientInnen suchen sich nicht aus, in welches schicke Krankenhaus sie gehen, sondern sind abhängig davon, welche Leistung wir in den jeweiligen Krankenhäusern erbringen.

Inge: Bei uns in der Klinik wird immer noch von Patienten gesprochen.

Anja: Ja sicher. Aber das wurde tatsächlich schon so propagiert. Da gab es Kurse von Lufthansa-MitarbeiterInnen zur Kundenorientierung.

Zwischenfälle: Im 19. Jahrhundert wurde Krankenpflege durch Florence Nightingale zu einem gesellschaftlich anerkannten, bezahlten Beruf für Frauen. Doch im deutschen Sprachraum hielt sich noch lange der Einfluss einer christlich bestimmten Pflege. Das wird allein durch die noch immer gängige Anrede „Schwester“ deutlich. Demnach sollten Nächstenliebe und Aufopferung die Basis der Pflegearbeit bilden, bezahlt am besten durch Gotteslohn. Euch wurden ja im aktuellen Streik Vorwürfe gemacht, weil ihr die Arbeit niederlegt. Wird eure Arbeit also immer noch moralisch beurteilt?

Anja: Selbstverständlich spielt es immer noch eine Rolle. Es wurden uns Vorhaltungen gemacht und tatsächlich sagen viele Kollegen, wir können doch jetzt nicht streiken. De facto ist es ja auch ein ethisches Dilemma, streiken zu gehen, wenn da Patienten liegen. Daher ist es wichtig diese Frage gut zu besprechen und den Streik so zu organisieren, dass er trotzdem möglich ist. Aber: die Prägung aus dieser kirchlichen Richtung hält sich schon sehr, sehr stark auch noch unter den Beschäftigten, würde ich sagen. Das zeigt sich auch in den Erwartungen, die uns entgegen gebracht werden.

Inge: Ich finde, daran sieht man, wie skurril das ganze System mittlerweile geworden ist. Einerseits sind die Kliniken auf Profitorientierung ausgerichtet. Andererseits soll sich unsereiner gefälligst sehr nett um die Patienten kümmern und möglichst für nichts arbeiten. Und wehe wir streiken. Also, das passt irgendwie alles nicht wirklich zusammen.

Zwischenfälle: Ja, das ist wirklich ein Widerspruch.


Im Rahmen der Videokonferenz wird nun ein Video vom Oktober eingespielt, das Szenen zweier Streiktage in Nürnberg zeigt, an denen bis zu 800 Beschäftigte vom Klinikum Nürnberg und vom Nürnberg Stift teilnahmen. Auch outgesourcte Beschäftigte der Klinikum Nürnberg Servicegesellschaft (KNSG), deren Tarif noch gar nicht zur Verhandlung stand, waren in Solidaritätsstreik gegangen und nahmen an den Demos teil. Sprechchöre rufen den Streiktag aus und erklären „Das Klinikum wird dichtgemacht“. Im Hinblick auf die geforderte Wiedereingliederung der Service-Beschäftigten, die laut Klinikum 1 Mio Euro kosten würde, wird gerufen: „Wir sind Klasse, macht auf die Kasse“.

Auf dem Video sind für einen den Anlass ungewöhnlich viele Plakate und Transparente mit eigenen Forderungen und Anklagen zu sehen. „Wenn wir nicht mehr können, was dann?“, fragt ein Transparent, das ein Totenkopf ziert. „Verlässliche Arbeitszeiten!“ fordert ein Plakat. „Outsourcing ist Spaltung“, erklärt ein anderes. Immer wieder sind auch Plakate mit dem Logo der Initiative Gesundheit statt Profit zu sehen. „Gute Pflege, statt Profite mit unserem Gesundheitswesen“, heißt es darauf zum Beispiel, oder auch: „Keine Nachtschicht alleine!“.


Zwischenfälle: Der Streik ging ja eigentlich nicht um solche Forderungen?

Anja: Ja, eigentlich ging es natürlich um die Tariferhöhungen. Verdi hat 4,8 Prozent gefordert, mindestens jedoch 150 Euro. Aber eine so große Mobilisierung erreicht man nicht mit 4,8 Prozent-Forderungen, sondern die Menschen möchten rausschreien, wie empörend diese Arbeitsbedingungen sind und dass es so in diesem Gesundheitswesen nicht weitergeht. Dass es ihnen wirklich stinkt, dass wir wirklich wütend sind, wie Profit gemacht wird.

Zwischenfälle: Man sieht im Video tatsächlich, wie bewegt die Menschen sind. Es wird sogar getanzt.

Inge: Ich meine, dass die Pandemie ein Katalysator war, weil einfach alle bis weit in die Gesellschaft hinein gesehen haben, dass die Pflege wirklich am Stock geht. Ja, und dass es nicht nur um Lohnforderungen gehen kann, sondern dass einfach mehr Personal auf die Stationen muss, punktum. So mancher würde wahrscheinlich auf mehr Geld verzichten, wenn nur genügend Personal auf den Stationen wäre.

Zwischenfälle: Es wurde eine geringe Gehaltserhöhung erreicht, aber der Personalmangel bleibt ja bestehen. Das heißt sicher, dass der Kampf noch lange nicht zu Ende ist?

Inge: Mit Sicherheit nicht. Die Initiative Gesundheit statt Profit kann dann solche Forderungen aufstellen. Dafür können wir ja viel eher kämpfen, weil wir an nichts gebunden sind (Anm.: gemeint ist, dass Gewerkschaften an tarifvertragliche Pflichten gebunden sind).

Anja: Es gab zeitgleich die politischen Forderungen von Verdi, die wir in der Initiaitve Gesundheit statt Profit auch teilen, nämlich Abschaffung der DRG's, Rückführung der outgesourcten Bereiche, und Personalbemessung. Eine vernünftige Personalbemessung ist ja eigentlich das allerwichtigste für alle Berufsgruppen im Krankenhaus, damit wir nicht die ganze Zeit im Dilemma sind zwischen dem, was wir eigentlich können und tun wollen mit den Patienten, und den geringen Zeitressourcen, die wir zur Verfügung haben.

Zwischenfälle: Was versteht man denn unter DRG‘s?

Inge: Diagnosis Related Groups heißen die Fallpauschalen, die 2003 eingeführt wurden und meiner Meinung nach die Misere heraufbeschworen haben, weil dadurch Krankenhäuser jetzt profitabel arbeiten müssen. Und wenn kein Geld da ist - oder vermeintlich kein Geld da ist - dann wird am Personal gespart. So kommt es, dass die Pflege derart miserabel besetzt ist und zum Teil auch unter der Woche mit einer geringeren Besetzung arbeitet, wie derjenigen, die durch die Notdienstvereinbarungen für die Streiks festgelegt wurden. So ist es bei uns auf der Neurologie zum Teil.

Zwischenfälle: Wir haben vor kurzem eine Podiumsveranstaltung besucht. Da ging es um „Kämpfe zwischen den Klassen und soziale Bewegungen in Zeiten der Krise“. Teilnehmer war unter anderem Kalle Kunkel vom Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“, der Verdi-Funktionär war während der sogenannten Entlastungskämpfe um 2015 an der Berliner Charité – das waren also Kämpfe für bessere Personalbemessung in der Pflege. Auch er analysierte im Vortrag, dass die Fallpauschalen Ursache für Outsourcing und Personalabbau waren. Dies führte an der Charité wie auch andernorts zu jahrelangen Auseinandersetzungen. Wir spielen nun zwei O-Töne aus seinem Vortrag ein:


Einspielung, O-Ton Kalle Kunkel: Diese Auseinandersetzungen plätscherten lange vor sich hin und dann war die Charité, würde ich sagen, ein Gamechanger. Die Charité-Betriebsgruppe hatte aus der betrieblichen Realität ein extrem strategisches Wissen aufgehäuft: 2011 gab es eine Tarifauseinandersetzung, in dem massive Lohnerhöhungen durchgesetzt wurden und dann haben sie eins und eins zusammengezählt und gesagt, in diesem DRG-System bedeutet Lohnerhöhung, dass sie morgen anfangen werden, am Personal zu sparen. Also: dann müssen wir ihnen eben auch verbieten, Personal zu sparen. Weil wir davon ausgehen, dass wir in einer Klassengesellschaft leben, werden wir das nicht dadurch bekommen, dass wir der Politik die richtigen Argumente liefern, sondern wir nehmen sie in die Zange. Wir starten zum einen eine politische Auseinandersetzung mit unserer Gewerkschaft für die richtigen Gesetze, und dann nutzen wir unsere Machtressourcen - nämlich am Ende den Streik - um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen“


Zwischenfälle: Wozu dieses zweigleisige Vorgehen? Warum streikt man nicht einfach für eine gesetzliche Regelung?

Anja: An der Charité wurde für einen Entlastungsvertrag gestreikt, weil Gewerkschaften in Deutschland eben um Tarifverträge streiken und nicht für Gesetze.

Inge: Also, auch weil sie keine politischen Streiks führen dürfen...

Anja: Andererseits ist jeder Streik politisch, auch wenn er um Tarifverträge geführt wird….

Zwischenfälle: Natürlich sind Streiks immer politisch. Es gab aber in den 50er Jahren harte Auseinandersetzungen um das Betriebsverfassungsgesetz. Im Nachgang mussten die Gewerkschaften hohe Geldstrafen für einen Streik zahlen (Anm: Arbeitsgerichte werteten einen Streik der ZeitungsarbeiterInnen für mehr Rechte im Betriebsverfassungsgesetz als Nötigung des Parlaments). Seit damals heißt es, man dürfe nicht politische Forderungen erstreiken. Doch es ist immer auch eine Frage der Verhältnisse, der Rahmenbedingungen...

Anja: Wenn wir es alle tun, dann wird es wahrscheinlich schon funktionieren, nicht wahr? Aber davon sind wir wohl noch weit entfernt in Deutschland.

Zwischenfälle: Wir spielen einen weiteren Teil des Vortrags ein:


Einspielung, O-Ton Kalle Kunkel: Das ist 2015 passiert, 2016 hatten wir den Abschluss. Immer mehr Krankenhäuser haben sich auf den Weg gemacht und das gleiche getan. Zum einen weil immer klar war, das ist das Thema. Auch wenn die Gewerkschaft aufgerufen hat, für Geld zu streiken. Immer haben die Beschäftigten auf die Frage „Warum seit ihr hier draußen“ gesagt: Weil die Arbeitsbedingungen Scheiße sind. Also es war völlig egal weshalb man aufgerufen wurde. Man hat eigentlich gestreikt um zu zeigen, wir brauchen mehr Leute. Das heißt es wurde sichtbar, wir können zu dieser Frage selber mächtig werden, wir müssen nicht mehr auf jemanden warten oder überzeugen, sondern wir können sagen: Wenn nicht, dann legen wir den Laden still.“


Zwischenfälle: Diese Bewegung ist also mittlerweile auch bei uns in Franken angekommen. Welche Rolle hat denn dabei die Initiative Gesundheit statt Profit gespielt, und welche die Gewerkschaft?

Anja: Wir haben uns im Frühjahr gegründet, mitten im Corona-Lockdown I, weil es uns ein Anliegen war, auf die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus hinzuweisen und auf die Ökonomisierung. Wir haben das auch vor's Klinikum Nürnberg getragen mit Demonstrationen und Kundgebungen, die in der Belegschaft des Klinikums wahrgenommen worden sind. Zum Teil haben Kolleginnen mitgemacht und der Vorstand war höchst alarmiert. Er hat im Intranet davon abgeraten an solchen Kundgebungen teilzunehmen. Dies und die Forderungen von Gesundheit statt Profit waren ein politischer Anstoß für die Belegschaft, würde ich sagen. Dann begann so langsam die Tarifrunde im Sommer. Da wurden noch mal die gleichen Forderungen laut mit der Fotopetition von Verdi und es gab die Tarifforderungen nach Lohnerhöhung.

Nachdem so viel geklatscht wurde und sooo viel Applaus gespendet wurde fürs Pflegepersonal, hat man wirklich viel erwartet und war auch etwas enttäuscht von den Forderungen durch Verdi. Man hat sich wirklich wirklich Hoffnungen gemacht, dass sich etwas verändert durch den Streik…

Zwischenfälle: Heißt das denn, die Bewertung des Streiks fällt negativ aus?

Anja: Sicher nicht. Ich würde für Nürnberg sagen, es gab eine Riesenmobilisierung in dieser Zeit der Tarifverhandlungen und die geht auch weiter. Die Leute sind weiterhin aktiv auch nach dem Tarifabschluss. Wir haben uns vernetzt, Leute diskutieren mit politischen Parteien darüber, was ihnen beim Streik zugefügt worden ist, wie sie sich behandelt gefühlt haben.

Aber auch über die Arbeitsbedingungen und ihre Forderungen. Es ist also nicht wie sonst, dass man wieder in den Dornröschenschlaf zurückfällt, wenn die Tarifverhandlungen abgeschlossen sind. Ich bin eigentlich überzeugt, dass es jetzt so richtig erst anfängt. Das es weitergehende Forderungen und eine weitergehendene Mobilisierung bei uns geben wird.

Das haben diese kraftvollen Streiks auch mit den KollegInnen von der KNSG (Anm: die outgesourcte Klinik Nürnberg Service Gesellschaft) bewirkt, dass man zusammen auf der Straße stand. Man hat ja auch in den Originaltönen im Video gehört: Es war ein sehr kraftvoller Ausdruck und es war ein gutes Gefühl zusammen zu stehen und zu streiken. Und das wollen wir uns auch noch erhalten.

Inge: In Erlangen ist die Situation anders, aber Streik ist immer ein gutes Mittel um Druck zu machen und solidarisch zu sein mit allen. Das ist aber nur das Eine und jetzt müssen wir alle am Ball bleiben -  vor allem unsere Initiative - und weiterkämpfen. Z.B. dafür, dass diese ganzen outgesourcten Menschen wieder zurück in den TVöD kommen. In Nürnberg gibt es dafür ganz gute Chancen, in Fürth ist es ja schon geschafft und in Erlangen sind sie auch gerade dabei sich - hoffentlich - zu organisieren.

Anja: Das Outsourcing ist auch keine Nürnberger Spezialität, das ist ja bundesweit passiert, weil man eben diese Kosten sparen will. Auf dem Rücken der Allerschwächsten, muss man sagen. Ich finde das echt einen Skandal.

Zwischenfälle: Gibt es euere Initiative nur in Nürnberg und Erlangen oder auch anderswo?

Inge: Wir begreifen uns zwar als zuständig für die Metropolregion, aber Initiativen wie unsere gibt es über ganz Deutschland verteilt. Sie nennen sich unterschiedlich, aber es gibt ganz viele davon.


Geboren 1930. Die Enkelin des Revolutionärs Kurt Eisner

Die Enkelin des Revolutionärs Kurt Eisner erhebt ihre Stimme und erinnert sich. Ihren Großvater, der nach nur 100 Tagen Regentschaft von dem Ultra-Nationalisten Graf von Arco ermordet wurde, hat sie nie kennengelernt. Dennoch spielte er in ihrem Leben eine Rolle, das von Verfolgung und Antisemitismus und dem Vergessen-wollen der Nachkriegsgeneration geprägt wurde.

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Die Erinnerung an den Sozialisten Kurt Eisner, Revolutionär und erster Ministerpräsident Bayerns, lebt: Gewerkschafter haben seine Enkelin Gerda mit ihrer Familie anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Bayerischen Räterevolution 2018 ausfindig gemacht. Obwohl die 1930 Geborene ihren Großvater nicht mehr kennen lernen konnte, hat er doch ihre Familiengeschichte geprägt.

Bei einem Gespräch mit den „Zwischenfällen“ schildert Gerda die Verfolgung durch die Nazis aus der Perspektive des Mädchens, das sie bei der erzwungenen Flucht von Nürnberg nach Berlin noch gewesen war. Aus einer sozialistischen Familie mit teilweise jüdischen Wurzeln stammend, war sie in der Schule der NS-Ideologie ausgeliefert, wonach Kurt Eisner nach wie vor als Feindbild galt. Darüberhinaus musste sie mit ihrer jüngeren Schwester zahlreiche Situationen im Ausnahmezustand des Krieges meistern. Gerda und ihre Tochter Sonja sind sich des historischen Vermächtnisses ihrer Familiengeschichte bewusst und dabei auch noch gute und spannende Erzählerinnen!

Danksagung

Mit Musik von:

  • Bladiator
  • Doron Deutsch
  • David Czesztay

 


Kampfname Mirka: Die Partisanin, Politkommissarin und Antifaschistin Laura Polizzi (1924-2011)

Laura Polizzi schloss sich am Ende des II. Weltkriegs den Frauenverteidigungsgruppen an und ging dann unter dem Kampfnamen Mirka in die Berge, um gegen italienische Faschisten und deutsche Besatzung zu kämpfen.

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Eine 17-Jährige in Mittelfranken, die den ungewöhnlichen Namen „Mirka“ trägt, mit langgezogenem „I“ und gerolltem „r“ – wie kam sie zu diesem Namen?

Die Italienerin Laura Polizzi aus Parma war 19 Jahre alt, als die deutschen Nazis im September 1943 ihr Land besetzten und sie sich der Resistenza, der italienischen Widerstandsbewegung anschloss. Fest entschlossen und selbstbewusst nahm sie den Weg in die Illegalität, um die Nazifaschisten zu bekämpfen. Als Kampfnamen, um ihre wahre Identität zu verschleiern, wählte sie Mirka.

Deutsche AntifaschistInnen, die sie in Italien kennenlernten, waren schwer von ihr beeindruckt, als sie im hohen Alter als Zeitzeugin über ihre Aktivitäten berichtete.

Quellen

la resistenza – Beiträge zu Faschismus, deutscher Besatzung und dem Widerstand in Italien (5)
Die Broschüre "la resistenza 5" steht als pdf-Ausgabe zum download bereit und kann kostenlos (gegen Erstattung der Portokosten) bestellt werden: 
https://resistenza.de/la-resistenza-beitrge-zu-faschismus-deutscher-besatzung-und-dem-widerstand-in-italien/

Die Arbeit der Frauen war das Rückgrat der Resistenza
Frauen im italienischen Widerstand

Abrufbar unter:
https://resistenza.de/die-arbeit-der-frauen-war-das-rckgrat-der-resistenza/

„In den Untergrund zu gehen, war wie eine Beförderung“
Laura „Mirka“ Polizzi war Politkommissarin in der Resistenza

Abrufbar unter:
https://resistenza.de/laura-polizzi/

„Du musstest gleichzeitig Hausfrau, Partei­funktionärin, Mutter sein …‘‘
Laura Polizzi über das Frauenbild nach 1945

Abrufbar unter:
https://resistenza.de/laura-polizzi-ueber-das-frauenbild-nach-1945/

Danksagung

Wir danken Gabi und ihrer Tochter Mirka für das offene Gespräch am 24. Mai 2020.
Das Gespräch mit der Partisanin Mirka führten Marianna Wienemann, Heike Herzog und Nadja Bennewitz auf dem Studienseminar „Starke Frauen. Italienerinnen im Widerstand gegen deutsche Besatzung und Faschismus in der Emilia Romagna und Venedig" am 15.05.2007 in Parma. Laura Polizzi, Kampfname Mirka verstarb am 22.01.2011.

Kampftag der Arbeiterinnen und Arbeiter

Seit 130 Jahren ist der 1. Mai internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeiterinnen und Arbeiter. Grund genug für die Zwischenfälle die Geschichte des 1. Mai zu erzählen.

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Seit 130 Jahren ist der 1. Mai internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeiterinnen und Arbeiter. Bereits 1890 wurde er auch in Deutschland ausgerufen. SPD und Gewerkschaften forderten zu Auständen aus, und wo das nicht ging - zu Maispaziergängen. Auch 2020 forderten Organisationen der ArbeiterInnenbewegung zu Spaziergängen mit roten Fahnen auf - wegen der Corona-Krise waren größere Versammlungen verboten.

 


Die französische Gouvernante Louise Meynier (1766-1856)

Es waren geflüchtete Französinnen, die sogenannten Hugenottinnen, die in Erlangen gefragte Lehrerinnen für Französisch und höhere Bildung waren. Dadurch kamen diese berufstätigen Erzieherinnen schließlich in Konflikt mit dem bürgerlichen Frauenbild, das zwar Damen mit guten Manieren vorsah, aber keineswegs „gelehrte Frauenzimmer“!

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Die Erlanger Hugenottinnen im 18. Jahrhundert  waren berühmt für ihre Erziehungsarbeit als Gouvernanten. In ganz Deutschland waren sie weithin gefragt für die Erziehung der adligen Mädchen und später auch der Töchter des höheren Bildungsbürgertums. Ihre Kenntnisse der französischen Sprache und Konversationsmethoden, sowie der französischen Literatur prädestinierten sie als Lehrerinnen. "Interkulturelle Erziehung" wird heute in der Geschichtsforschung diese Erziehungsform durch französische Gouvernanten genannt, die damit den Zeitgenossinnen gleichzeitig den Zugang zu einer als höherwertig erachteten Kultur eröffneten.

In dieser Sendung begegnen wir Louise Meynier, einer Erlangerin mit Migrationshintergrund an der Schwelle zur Moderne.

Quellen

Zum Weiterlesen:
Nadja Bennewitz: „Die zweideutige Krone eines gelehrten Frauenzimmers“.
Frauen zwischen Berufstätigkeit und Hausarbeit an der Schwelle vom 18. ins 19. Jahrhundert1
in: Frankenland. Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege 6, 2007, S. 429-441.  
 

Danksagung

Wir danken für das Einsprechen der Zitate:

  • Jutta Klawuhn
  • Tim Liebler

Musik von:

  • Jean-Paul-Égide Martini (Plaisir d’amour, 1784)
  • Yakov Golman (Air, Fantasy)
  • spectacular (Fly a Kite)
  • David Cszestay (Jingle-Musik)

 

 


Klassenbewusste Frauenspersonen

Wir erzählen die Geschichte der proletarischen Frauen- und Streikbewegung in Nürnberg. Trotz Verboten, Überwachung und Repression organisierten sich Arbeiterinnen und kämpften für Gleichheit, Gerechtigkeit und gegen kapitalistische Ausbeutung in einer patriarchalen Gesellschaft.

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In Deutschland waren Frauen bis 1908 so recht­los, dass sie nicht einmal an politischen Versammlun­gen teilnehmen durf­ten. Arbeiterinnen waren von Überwachung und Strafen bedroht, wollten sie sich als Sozialistinnen organisieren. Bei Streiks sahen sie sich nicht selten Gen­darmen ge­gen­über, die mit Sä­beln und Schuss­waf­fen aus­ge­rüs­tet waren – und diese natürlich auch ein­setzten. So geschehen z.B. 1906 an der Regensburger Straße in Nürnberg, wie in unserem Beitrag zu hören. Dennoch ließen sich Nürnberger Arbeiterinnen nicht einschüchtern.

Quellen

  • Der O-Ton von Bertha Backhoff ist einem Interview entnommen, das das Zentrum Industriekultur in den 1980er Jahren mit ihr führte.
  • Die Arbeitermarsellaise am Anfang des Beitrags, gesungen von unbekannten Interpreten, ist eine Originalaufnahme von ca. 1909.

Danksagung

Sprecherinnen:

  • Jutta Klawuhn
  • Hilja Ilter
  • Matthias Egersdörfer
  • Chris Bellaj

Musik von:

  • Scott Holmes
  • Blue Dot Sessions
  • Chad Crouch
  • Eddy
  • David Czesztay

 


"Ich habe mit drei Spartakisten in einer WG gewohnt" - Berufsverbote in der BRD

3,5 Millionen Menschen wurden zwischen 1972 und 1985 im Rahmen der sogenannten Regelanfrage auf ihre Gesinnung überprüft. Weit über 1000 Personen wurde in der Konsequenz die staatliche Anstellung verweigert. Der sogenannte Radikalenerlass traf auch Angela Rauscher, die die Protagonistin dieser Folge der Zwischenfälle ist.

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Bis in die 1980er Jahre gab es die sogenannte Regelanfrage, Anfragen staatlicher Behörden an den Verfassungsschutz über die politischen Aktivitäten der BewerberInnen auf staatliche Arbeitsstellen. Mit dem Radikalenerlass von 1972 erfolgten Millionen solcher Anfragen, mindestens 1000 Menschen wurden aufgrund der Ergebnisse dieser Anfragen abgelehnt.

Zu Wort kommt Angela Rauscher, eine der - zumindest anfänglich - vom Radikalenerlass Betroffenen.

Quellen

Link:

 
Film:
Fünf Filmausschnitte über Berufsverbotsfälle (W. Kretschmann, M. Csaszkóczy, B. Larisch, S. Gingold, K. Lipps),
gezeigt am 14.6.2012 in Berlin auf der Veranstaltung "40 Jahre Radikalenerlass – ein abgeschlossenes Kapitel im 'Land der Freiheit‘?“, abrufbar unter: https://vimeo.com/49973694
 
Literaturtipps:
Jaeger, Alexandra: „Auch Marx ist Deutschland“. Aushandlungen über Freiheitsrechte und Staatsräson im Zuge des Radikalenbeschlusses in den 1970er Jahren, in: Jaeger, Alexandra / Kleinschmidt, Julia / Templin, David (Hg.): Den Protest regieren. Staatliches Handeln, neue soziale Bewegungen und linke Organisationen in den 1970er und 1980er Jahren, Essen 2018, S. 123-154.
Heinz-Jung-Stiftung (Hg.): Wer ist denn hier der Verfassungsfeind? Radikalenerlass, Berufsverbote und was von ihnen geblieben ist, Köln 2019

Ausstellungstipp:
„Vergessene Geschichte“. Berufsverbote. Politische Verfolgung in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Ausstellung der Niedersächsischen Initiative gegen Berufsverbote. Begleitmaterial: Ausstellungsbroschüre, ISBN 978-3-930726-25-7, Hannover 2015
www.ak-regionalgeschichte.de

Veranstaltungshinweis:
Tagung 28.09.2020-29.09.2020 in Heidelberg: 
"Innere Sicherheit, Kulturkampf, Demokratisierung? Der ‚Radikalenerlass' von 1972 und seine Folgen bis in
        die Gegenwart", Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Universität Heidelberg
Ankündigung unter: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=42302

Danksagung

Das Gespräch mit Angela Rauscher wurde am 15. Januar 2018 in Nürnberg geführt. 
SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Anne-Sophie Bornemann, Andreas Krauß, Michael Liebler, Thorben Rohte, Lisa Widoni.
 
Mit Musik von:
  • Blue Dot Sessions
  • Scott Holmes
  • Ketsa
  • David Cszestay

Verschleppt von PartisanInnen? - Rechte Geschichtsdeutung in Kärnten

Wie Kärntner "Traditionspflege" die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus zu Tätern erklärt und den Naziterror verharmlost.

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Unsere Geschichtssendung Zwischenfälle führt uns heute nach Klagenfurth in Kärnten. In dem österreichischen Bundesland finden sich zahlreiche Ehrenmale, durch die die Gräuel des Nationalsozialismus verharmlost und relativiert werden und der Widerstand von Kärntner PartisanInnen und der jugoslawischen Partisanenarmee verunglimpft werden soll.

Die Zwischenfälle auf Spurensuche in Klagenfurth nach den noch immer dominanten, rechten Deutungsmustern der Vergangenheit.

Danksagung

Musik von Blue Dot Sessions, Chad Crouch und David Cszestay


"Meinten Sie vielleicht, wir sollten einen Mann nehmen? Davor behüt’ uns Gott!" - Eine Äbtissin in der Reformation

Lange hielt sich die Vorstellung, die Kirchenreform Martin Luthers habe eine "Befreiung der Klosterfrauen aus ihrem klösterlichen Kerker" bewirkt. Die Beschäftigung mit der streitbaren Äbtissin Caritas Pirckheimer aus Nürnberg zeigt, dass der Eintritt in die klösterliche Frauengemeinschaft auch als alternativer Lebensentwurf empfunden werden konnte.

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Umbruchszeit Reformation: Unter 1000 Nonnen sei kaum eine, „die mit Lust ungezwungen ihren Orden trage", so mutmaßte Martin Luther. Tatsächlich lösten sich im Verlauf der Reformation zahlreiche Konvente auf oder Nonnen flohen aus ihrem Kloster. Doch entgegen der lange gültigen Vorstellung, die Kirchenreform Martin Luthers habe eine "Befreiung der Klosterfrauen aus ihrem klösterlichen Kerker" bewirkt, zeigt ein Beispiel aus Nürnberg eine andere historische Realität: Die humanistisch gebildete und eloquente Äbtissin Caritas Pirckheimer (1467-1532) trat mit den Theologen ihrer Zeit in eine Diskussion und forderte für sich und ihren Konvent das Recht auf ihre klösterliche Frauengemeinschaft ein. Ein Leben nach den reformatorischen Vorstellungen als Ehefrau und Mutter war nicht im Sinne  dieser gelehrten Nonne.

Danksagung

Es sprachen:

  • Jule Schröter
  • Markus Hepp

Musik von:

  • Dee Yan Key
  • The Tudor Consort
  • Me afeite la barba en los ochenta
  • David Cszestay

 


Dann waren die Lager aus dem Gedächtnis entschwunden

AugenzeugInnen erinnern sich an ein Zwangsarbeitslager von Siemens in der Nürnberger Gartenstadt

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Drei Menschen aus der Nürnberger Gartenstadt, die in den 1940er Jahren zwischen 7 und 15 Jahre alt waren, erinnern sich bruchstückhaft an ein Lager, in dem mal Männer, mal Frauen aus anderen Ländern inhaftiert waren und die jeden Morgen in Kolonnen zur Arbeit marschieren mussten. Sie selbst lebten in direkter Nachbarschaft zu den Baracken, doch der Kontakt zu den dortigen Insassinnen und Insassen war ihnen untersagt – das war allen bekannt. Bekannt war auch der deutsche Lagerleiter und bekannt war: Die Menschen aus sämtlichen europäischen Länder leisteten Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie. Dennoch sind diese Zwangsarbeitslager in der deutschen Gesellschaft in Vergessenheit geraten.

Die Zwischenfälle erinnern an eines von 100 Lagern, das sich in der Nürnberger Gartenstadt befand.

Danksagung

 
  • Wir danken  Kurt Hölzlein, Therese Ehle und Hilde Liebold für ihre Bereitschaft, ihre Erinnerungen an das Zwangsarbeitslager mitzuteilen.
  • Wir danken Frank Hotze von „Bunter Tisch Gartenstadt und Siedlungen Süd“, der zu den Gesprächen in den Kulturladen Gartenstadt einlud und uns dabei hinzugezogen hat:
    http://www.bunter-tisch-gartenstadt.de/aktivitaeten/erinnerungsarbeit/

Musik von:

  • David Hilowitz
  • Doctor Turtle
  • Ondrosik
  • David Cszestay

Frauen in die Räte! - Der Rätekongress 1919 in München

Am 2. Rätekongress in München vom 25. Februar bis zum März 1919 nahmen 300 Delegierte teil, nur acht von ihnen waren Frauen. Einige von ihnen stießen spannende Diskussionen an über die Rolle der Frauen bei den grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungen, die man glaubte erreichen zu können.

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Die gesellschaftlichen Verhältnisse mussten sich grundlegend ändern. Davon waren diejenigen überzeugt, die 1918/19 in Bayern für eine Räterepublik kämpften. Wie sollte man einen Sozialismus aufbauen, wie konnte man Gleichheit und Freiheit für alle erreichen? Über diese Fragen wurde heftig gestritten. Eine wichtige Frage war auch die der Gleichberechtigung der Frauen, die bis zur Revolution ja nicht einmal wählen durften.

Der 2. Rätekongress, der vom 25. Februar bis zum 8. März 1919 in München tagte, stritt heftig über diese Fragen. Bisher wenig bekannt war die wichtige Rolle, die die Frauen auf diesem Kongress spielten. In den Kongressprotokollen finden sich spannende Diskussionen, die von den wenigen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts dort angestoßen wurden. Sie haben das Wort in unserem Beitrag.

Quellen

 
Stenographischer Bericht über die Verhandlungen des Kongresses der Arbeiter- Bauern- und Soldatenräte. Vom 25. Februar bis 8. März 1919 in München, eingel. v. Gisela Kissel u. Hiltrud Witt, Glashütten im Taunus 1974:
  • http://daten.digitale-sammlungen.de/0000/bsb00009689/images/index.html?fip=193.174.98.30&id=00009689

Danksagung

SprecherInnen:

  • Jule Schröter
  • Anja Fries
  • Silke Kruse
  • Martina Fries
  • Heike Herzog
  • Markus Hepp

"Würden Barrikaden gebaut – ich wäre der erste, der sich daraufstellte"

Vor 100 Jahren war Revolution in Baiern. Kurze Zeit bestand sogar eine Räterepublik, an die sich die Hoffnung auf eine grundlegende Änderung der Verhältnisse knüpfte. Eine szenische Lesung in 5 Akten.

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Revolutionen sind, nach Karl Marx, die Lokomotiven der Geschichte. Dies gilt entgegen allem Anschein auch für die bairische Revolution von 1918/19, die eine vier Wochen bestehende Räterepublik hervorbrachte und schließlich unter dem Terror der weißen Garden zerbrach.

Der Beitrag ist ein Mitschnitt einer szenische Lesung vom 7. Mai 2019 in der Stadtbibliothek Erlangen.

Zeitgenössische LiteratInnen und RevolutionärInnen kommen zu Wort. Texte von Georg Heym, Ret Marut, Hilde Kramer, Ernst Toller, Jakob van Hoddis, Oskar Maria Graf, Heinrich Mann, Lida Gustava Heymann, Erich Mühsam, Rosa Leviné und Toni Sender lassen eine Zeit lebendig werden, in der die Menschen von der Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung mitgerissen wurden.

Quellen

Webseite mit gut recherchierten Artikeln zu den Ereignissen in Franken: http://revolution-baiern.de/

  • Oskar Maria Graf, Wir sind Gefangene
  • Ernst Toller: Masse Mensch (Sarah Sonja Lerch) - Ernst Toller: Masse-Mensch. (Niederschönenfeld 1919) Stuttgart 2015
  • Georg Heym Tagebuch - Georg Heym: Zweites Tagebuch. In Schneider: Dichtungen und Schriften. Tagebücher, Träume, Briefe. Hamburg 1960
  • Jakob van Hoddis: Weltende - Paul Pörtner: Jakob van Hoddis, Weltende. Gesammelte Dichtungen. Zürich 1958
  • Ret Marut, Bauet Narrenhäuser - Ret Marut: Der Ziegelbrenner. (1917-21) In Kapfer/Reichert: Umsturz in München. München 1988
  • Hilde Kramer: Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographisches Fragment. 1900-1924, hrsg. v. Egon Günther, Berlin 2011
  • Lida Gustava Heymann: Erlebtes - Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden, 1850-1940. In Zusammenarbeit mit Anita Augspurg, hrsg. v. Margrit Twellmann, Frankfurt am Main (2)1992.
  • Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. Berlin-Britz 1929
  • Rosa Leviné: Aus der Münchener Rätezeit. Berlin 1925.
  • Alois Lindner: Abenteuerfahrten eines revolutionären Arbeiters. (1924) In Kapfer/Reichert: Umsturz in München. München 1988.

Danksagung

http://revolution-baiern.de/

Es sprachen:

  • Martina Fries
  • Nadja Bennewitz
  • Michael Liebler

"Ich marschier’ net, sondern ich latsch" - Das renitente Mädchen Rosa Degenhardt, geboren 1929

Rosa Degenhardt ist eine reflektierte Zeitgenossin. Geboren 1929 in Nürnberg, verbrachte sie auch ihre Jugendzeit in der „Stadt der Reichsparteitage“. Weder eine Heldin des Widerstands, noch eine Mitläuferin, war sie doch ein renitentes Mädchen. Rosa Degenhardt spricht über ihre Beobachtungen und Erlebnisse in der NS-Zeit, über die Menschen in ihrer Umgebung, in der Schule, in der Nachbarschaft. Das Interview wurde bereits 2004 geführt und es ist erschreckend, wie aktuell ihre damaligen Äußerungen über die heutigen Nazis noch immer sind.


Helene Grünberg, eine Amazone der Gewerkschaftsbewegung

Helene Grünberg wurde 1905 im Nürnberger Gewerkschaftskartell angestellt. Die gelernte Schneiderin stieg bald zur führenden Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung in Süddeutschland auf. Sie engagierte sich gegen die Ausbeutung der Dienstboten und gehörte zu den ersten Frauen, die öffentlich als Rednerinnen auftraten.

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„Von den gewerkschaftlich führenden Genossinnen sei vor allem Genossin Grünberg erwähnt, die Arbeitersekretärin in Nürnberg ist.“ Mit diesen Worten hob Clara Zetkin bereits 1910 die Leistung der Gewerkschafterin Helene Grünberg hervor. Ihr war es gelungen Dienstmädchen, Wasch- und Putzfrauen zu organisieren, die bis dahin für die Gewerkschaftsbewegung nicht erreichbar waren. Sie war die erste bezahlte Gewerkschaftssekretärin, eine führenden Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung, und genoss wie das Zitat Zetkins zeigt, zu ihrer Zeit höchste Anerkennung.

Doch kein Denkmal, keine Tafel erinnert in Nürnberg an sie, nur eine kleine Sackgasse trägt ihren Namen. Empörend und bezeichnend finden dass engagierte Frauengruppen. Frauen bei ver.di und die Gruppe „Feministische Perspektiven“ engagieren sich für die Erinnerung an Helene Grünberg.

Quellen

  • Die Gleichheit, 10. Mai 1910, zit. nach: Plener, Ulla (Hg.): Clara Zetkin in ihrer Zeit. Neue Fakten, Erkenntnisse, Wertungen. Material des Kolloquiums anlässlich ihres 150. Geburtstages am 6. Juli 2007 in Berlin (=Rosa-Luxemburg-Stiftung Manuskripte 76), Berlin 2008, S. 186.
  • Acht Stunden sind kein Tag. Geschichte der Gewerkschaften in Bayern. Katalog zur Wanderausstellung 1997/98 des Hauses der Bayerischen Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund – Landesbezirk Bayern, hrsg. V. Ludwig Eiber, Rainhard Ripertinger, Evamaria Brockhoff, Augsburg 1997, S. 229.
  • Thönessen, Frauenemanzipation, S. 53; Handbuch der sozialdemokratischen Parteitage von 1910-1913, München o.J., nach 1914, 2. Band, S. 181-184; Sachse, Mirjam: Von „weiblichen Vollmenschen“ und Klassenkämpferinnen – Frauengeschichte und Frauenleitbilder in der proletarischen Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ (1891-1923), Inaugural-Dissertation, Universität Kassel 2010, S. 229, abrufbar unter: https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2011020735654/11/DissertationMirjamSachse.pdf (20.01.2017).
  • Niggemann, Heinz (Hg.): Frauenemanzipation und Sozialdemokratie, Frankfurt a. M. 1981, S. 13.
  • Bericht der Generalkommission, 6. Gewerkschaftskongreß 1908, zit. nach: Losseff-Tillmanns, Frau und Gewerkschaft, S. 191.

 

Danksagung

  • SprecherInnen: Juliane Schröder, Martina Fries,Tim Liebler und Martina Switalski
  • Musik von Angelika Sacher & Klaus Bergmaier, Meydn,  Art Of Escapism, Ask Again, Jesse Spillane, David Cszestay

Bertha Kipfmüller, die "Frauenrechtlerin des Frankenlandes"

Bertha Kipfmüller war eine bedeutende Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung Bayerns und zählt zu ihren radikalsten Protagonistinnen. 1899 promovierte sie als erste Frau Bayerns. Schon zu Lebzeiten wurde sie die „Frauenrechtlerin des Frankenlandes“ genannt.

Quellen

  • Bertha Kipfmüller: „Nimmer sich beugen“. Lebenserinnerungen einer Frauenrechtlerin und Wegbereiterin des Frauenstudiums, übertragen v. H.-P. Kipfmüller, Heidelberg 2013
  • Beilage der Fränkischen Tagespost, 8.11.1919
  • FIBiDoZ (Hg.): „Verlaßt Euch nicht auf die Hülfe der deutschen Männer!“ Stationen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung in Nürnberg, Nürnberg1990
  • Beyer, Jutta: „Jede Schneegans nennt sich Frau Doktor, weil der Mann es ist.“, in: Bennewitz, Nadja / Franger, Gaby (Hg.): Geschichte der Frauen in Mittelfranken, Cadolzburg 2003
  • Kipfmüller, Hans-Peter: Die rote Pappenheimerin. Dr. Dr. Bertha Kipfmüller, Frauenrechtlerin und Gelehrte, Karlsruhe 2011
  • Stadtarchiv Nürnberg, Personalakte Bertha Kipfmüller
  • Der Urgroßneffe Hans-Peter Kipfmüller hat es sich zur Aufgabe gemacht, die von Bertha Kipfmüller aber ihrem 23. Lebensjahr bis zu ihrem Tod geführten Tagebücher zu transkribieren und zu ihr zu forschen.

    Sein Projekt: „Dr. Dr. Bertha Kipfmüller“ ist der PH Karlsruhe angegliedert.

Danksagung

SprecherInnen: Juliane Schröter, Vivienne Wendler, Markus Hepp.

Musik: Henryk Wieniawski, Edward Grieg, Giuseppe Tartini, Frederic Chopin und David Cszestay

 


Das Radio täglich neu erfinden

Von einem besetzten Strommast sendete erstmals Radio Verte Fessenheim, der Vorläufer des ältesten Freien Radios der BRD, Radio Dreyeckland. Auch in Erlangen gab es Anfang der 80iger Jahre den Piratensender „Querfunk“. Wie aus den PiratInnen im Äther die Freien Radios entstanden erzählen in dieser Sendung von 1999 die an den Ereignissen Beteiligten.

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Die Geschichte Freier Radios in Deutschland beginnt in Frankreich. 1977 besetzen Anti-AKW-AktivistInnen einen Strommast und installieren dort einen Radio-Sender. Radio Verte Fessenheim ist der Vorläufer des ältesten Freien Radios der BRD, Radio Dreyeckland.

In den 80er Jahren schießen die Piratensender überall wie die Pilze aus dem Boden. Auch in Erlangen geht der Querfunk illegal auf Sendung. Mit Hubschraubern sucht die Polizei nach den Äthertätern und macht Jagd auf größere Fahrzeuge, in denen sie die Sender fälschlicherweise vermutet.

Die Sendung „Das Radio täglich neu erfinden“ stammt aus dem Jahre 1999. Sie enthält Aufzeichnungen aus der Vor- und Frühgeschichte Freier Radios, in der „für die Bewegung und aus der Bewegung heraus“ gesendet wurden und O-Töne aus Interviews mit Radio-PionierInnen.

Quellen

Für die Archivaufnahmen über Radio Verte Fessenheim und Radio Dreyeckland danken wir der Medienwerkstatt Freiburg, die uns 1999 ihre Videomaterial zur Verfügung stellte.

Danksagung

Musik von David Szestztay, Art of Escapism, Forget the Whale, Brazmatazz, Springtide und Phish Funk.


Streik

Ohne Streik geht nix. Diese Erfahrung machte die ArbeiterInnenbewegung in ihrer Geschichte. Über streikende Handwerkergesellen, die ersten Gewerkschaften und rebellische HafenarbeiterInnen in Hamburg.

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Schon im alten Ägypten streikten Arbeiter, die die Pharaonengräber errichten mussten. Streiks von Handwerkergesellen sind erstmals für das 14. Jahrhundert belegt. Im 18. Jahrhundert sind in Deutschland bereits 500 Gesellenstreiks nachgewiesen, vor allem zur Zeit der Französischen Revolution. 

In den Anfängen der Industrialisierung werden die Organisations-Erfahrungen im Handwerk von der ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen, denn die ehemaligen Handwerker finden nun Arbeit in den Fabriken. Sie sind stolz auf ihre Berufstradition. Die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse und -bedingungen empfinden sie als degradierend und als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte. Ihre qualifizierte Arbeit wird abgewertet und in der maschinellen Fertigung zerstückelt. Die Abhängigkeit, die früher durch den Aufstieg zum Meister enden konnte, soll nun lebenslang fortbestehen.

Gegen die oft drückende Not, gegen Arbeitszeiten bis zu 17 Stunden und die Willkür der Unternehmer wehren sie sich mit ihrer stärksten Waffe: Dem Streik.

 

Quellen

 

Danksagung

  • SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Wally Geyermann, Adrian Wolf, Klaus Riemer, Philip Cichon, Tim Liebler und Ingrid Artus
  • Das Arbeiterlied "Empor zum Licht" stammt aus dem Film „Linden ein Arbeiterlied“ von Wolfgang Jost und Winfried Wallat
  • Wir danken den BesucherInnen der Silvester-Feier im Nürnberger Stadtteilladen Schwarze Katze, die den BergarbeiterInnen aus Zola‘s "Germinal" ihre Stimme gaben.
  • Musik von: Art of Escapism, Borrtex, Davod Hillowitz, Musicks Recreation, Ryan Cullinane, David Szesztay, Dee Yan Key, Noel Griffin und Mid Air Machine

Script

Der letzte große und lang anhaltenden Streik, den wir hier in Nürnberg hautnah erlebten, war der der ArbeiterInnen bei AEG gegen die Werksschließung durch den Elektrolux-Konzern. Damals gab es internationale Solidarität. Unter anderem besuchten Bruno Vaso und Ambra Mettapesa von der italienischen CGIL die Streikenden und zeigten sich überrascht von einer ganz anderen Streikkultur in Deutschland:

Angesichts der Tatsache dass der Wind sehr stark gegen die Streikenden weht finde ich das Durchhaltevermögen erstaunlich. Wir freuen uns sehr darüber wie gut der Zusammenhalt ist und dass die Arbeiter während des Streiks bezahlt werden können. Bei uns ist das anders. Bei uns ist es so, dass die Arbeiter am Ende des Streiks draufzahlen, weil es diese Form der Streikkasse nicht gibt. Wir müssen noch eine Möglichkeit finden, wie wir eine solche Form des Streiks auch durchführen können. Wenn wir streiken, dann gibt es einzelne Streiktage, an denen wir versuchen die öffentliche Meinung zu beeindrucken. Ich bin beeindruckt über die Stärke der Arbeiterklasse in Deutschland.“

Andere Länder andere Streikkulturen. Aber den Respekt der italienischen Gewerkschafter für die Stärke ihrer deutschen KollegInnen in allen Ehren: Arbeitskämpfe sind bei uns Deutschen zwar institutionell eingebettet und gesetzlich abgesichert wie kaum anderswo. Die Streiklust packt uns heutzutage allerdings im internationalen Vergleich eher selten.

Das war einmal anders. Doch wie wurde früher gestreikt? Wer waren die AkteurInnen? Wir machen uns auf die Suche nach der Streikkultur in den Anfängen der Industrialisierung.

Eines der Hauptwerke des naturalistischen Romanciers Émile Zola‘s ist das Buch „Germinal“, das von frazösischen Bergarbeiterfamilien handelt, die sich gegen ihre Not und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zur Wehr setzen. Zola hatte monatelang mit Bergarbeiterfamilien zusammengearbeitet um ihre Lage und ihre Denkweise verstehen zu können:

Etienne wollte jetzt schließen.
»Kameraden, was ist euer Beschluß? ... Stimmt ihr für die Fortsetzung des Ausstandes?«
»Ja, ja!« schrien die Stimmen.
»Und welche Maßregeln beschließt ihr? ... Unsere Niederlage ist sicher, wenn sich morgen Feiglinge finden, die einfahren.«
»Tod den Feiglingen!« erbrauste es mit der Gewalt eines Sturmwindes.
»Ihr beschließt also, sie an die Pflicht, an den geschworenen Eid zu mahnen ... Wir könnten folgendes tun: bei den Gruben erscheinen, die Verräter durch unsere Anwesenheit zurückzujagen, der (Bergbau-)Gesellschaft zeigen, daß wir alle einig sind, und daß wir eher sterben als nachgeben.«
»Ja, ja, zu den Gruben! Zu den Gruben!«

Die Verräter, das sind belgische Bergarbeiter, die in Zolas Roman als Streikbrecher eingesetzt werden. Ähnlich wie von Zola beschrieben, dürften auch in Deutschland um 1880 Bergarbeiter empfunden und gehandelt haben. Gestreikt wurde allerdings schon lange bevor die Industrialisierung einsetzte. Bereits im 14. Jahrhundert wird über Streiks von Handwerkergesellen berichtet.

 

Im 18. Jahrhundert sind für Deutschland 500 Gesellenstreiks belegt. Ihre Zahl nimmt zu im Umfeld der französischen Revolution. Es handelte sich in der Regel nicht um spontane Ausbrüche von Rebellion - etwa unter Alkoholeinfluss, wie zeitgenössische Kommentare häufig unterstellen. Die Herbergen waren Orte kollektiver Bewusstseinsprozesse. Wenn der „Arbeitsmarkt“ gut war, oder wenn die Nachfrage stieg – z.B. vor Messen, versuchten die Gesellen ihr Einkommen zu steigern, trafen sich in der Herberge und beschlossen Forderungen. Kamen die Meister den Forderungen nicht nach, so wurden Umzüge organisiert. Dies verlief nicht immer friedlich, denn Streik- und Demonstrationsrecht gab es ja nicht. Wenn die Behörden eingriffen – u. Z.B. die Herberge umstellten, kam es zu Auseinandersetzungen. Die Organisierung war nicht nur lokal. Die Gesellenwanderung ermöglichte eine schnelle Ausweitung der „Streikbewegung“, Laufbriefe gelangten rasch auch in weit entfernte Städte.

 

Dass auch die Polizei den Vorgängen in der Herberge Aufmerksamkeit schenkte, davon zeugt die Dienst-Instruktion der Stadt München für Gendarmen von 1830:

 

Das Betragen der Handwerksgesellen und Lehrjungen, besonders uf ihren Herbergen und bei Handwerksversammlungen, verdient die besondere Aufmerksamkeit der Gendarmerie, damit alle Eccesse, so wie allenfallsige Klagen der Meister abgestellt werden können.

Die gleiche Dienstanweisung veranschaulicht, dass auch Arbeitszeit ein wichtiges Thema der Auseinandersetzungen zwischen Meistern und Gesellen war:

 

Es ist bei Strafe untersagt, dass Handwerks Gesellen an sogenannten blauen Montagen und abgewürdigten Feiertagen arbeitslos in Wirthshäusern sich aufhalten und zechen, oder dass dieselben an solchen Tagen den Meistern die Arbeit verweigern.

Auch Boykottmaßnahmen, die von den Gesellen als „Verruf“ bezeichnet wurden, waren ein probates Kampfmittel. Bei dem „verrufenen“ Meister durfte keiner mehr Arbeit annehmen, bis dieser den Forderungen nachgekommen war.

 

Um 1848 entstehen die ersten gewerkschaftsähnlichen Organisationen. Buchdrucker und Zigarrenarbeiter schließen sich zu nationalen Verbänden zusammen, dabei fordern die Buchdrucker bereits damals Tarifverträge. In Berlin kommt es für dieses Ziel auch zu Streiks, die allerdings scheitern. Streikführer werden verhaftet und verurteilt, darunter auch Stefan Born, in Mitglied des Bundes der Kommunisten, der zu zwei Wochen Gefängnis wegen Verstoßes gegen die Gewerbeordnung verurteilt wird.

Diese Urteile beruhen auf §182 der preußischen Gewerbeordnung:

 

Gehülfen, Gesellen oder Fabrikarbeiter, welche entweder die Gewerbetreibenden selbst, oder die Obrigkeit zu gewissen Handlungen oder Zugeständnissen dadurch zu bestimmen suchen, daß sie die Einstellung der Arbeit oder die Verhinderung derselben bei einzelnen oder mehreren Gewerbetreibenden verabreden, oder zu einer solchen Verabredung Andere auffordern, sollen mit Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft werden.

 

Eben jener Stefan Born gründet 1848 die Allgemeine Arbeiterverbrüderung. Ihr pragmatischer reformorientierter Forderungskatalog macht die Arbeiterverbrüderung populär. Die Arbeiterverbrüderung hat 15000 Mitglieder und gibt sich eine demokratisch Struktur. Die Organisationen der Zigarrenarbeiter und der Buchdrucker schließen sich an. 170 Arbeitervereine in ganz Deutschland treten bei.

Im Mai 49 findet in Nürnberg der Allgemeine Baierische Kongress der Arbeiterverbrüderung statt. Der Nürnberger Arbeiterverein veröffentlicht anschließend einen Aufruf

an alle Arbeiter Frankens
Brüder, Arbeiter! Der Nürnberger Arbeiterverein hat . . . die Aufgabe erhalten, überall in Mittelfranken Arbeiter- und Bauernvereine zu gründen. …
Das einzige Mittel dem wucherischen Kapital und dessen Besitzern gegenüber ist: Vereinigung und zwar aller Arbeiter Deutschlands. Ihr fränkischen Brüder, an Euch ist es, dem großen Bruderbund sich anzuschließen.“

Nach 1848 folgt eine Welle der Repression. Zwar garantiert das preußische Vereinsgesetz Vereins- und Versammlungsfreiheit. Arbeitervereine jedoch, die politische, sozialistische oder kommunistische Ziele vertreten, werden verboten. Politische Vereine, dürfen keine Frauen, Schüler und Lehrlinge aufnehmen. Die Arbeiterverbrüderung und andere Verbände, wie die der Buchdrucker und ZigarrenarbeiterInnen, werden zerschlagen.

Aber allenorts gründen sich auch in den 50er Jahren neue „Assoziationen“, so auch der Nürnberger Arbeiterverein, offiziell mit dem Focus auf Bildung. Unterstützungskassen bilden oft das Rückgrat. Auch verdeckte gewerkschaftliche Organisationen können wohl nicht vollständig unterdrückt werden. Das zeigen die sich zuspitzenden Konflikte, die sich 1855 und 1857 in regelrechten Streikwellen ausdrücken.

Die Repression ist nicht die einzige Reaktion des Staates. Erste sozialpolitische Reformen werden eingeleitet. Doch das wichtigste „sozialpolitische Instrument“ bleibt die Niederschlagung von Protest und Streik durch die zur damaligen Zeit militärisch organisierte und ausgerüstete Polizei.

So berichtet Polizeidirektor Hirsch 1855 über die gewaltsame Beendigung des Streiks der Färbergesellen in Elberfeld:

Unterdessen hatten sich schon von Mittag an Neugierige, Weiber und Kinder in Masse um das Rathhaus versammelt [...] . Die Massen verliefen sich nicht, sondern nahmen zu, so daß sich gegen 7 Uhr etwa 3 bis 4000 Menschen versammelt hatten, die bereits Gepfeife, Geschrei und Toben nur zu arg vernehmen ließen. Nachdem nun noch der Polizei Inspektor Döring mehrere Mals aber ebenfalls vergeblich zum Fortgehn aufgefordert hatte, blieb, wenn man nicht die gröbsten Excesse abwarten wollte, nunmehr nichts weiter übrig, als mit Gewalt einzuschreiten und die Haufen zwangsweise zu zerstreuen.“

Immerhin: trotz Verfolgung der Organisationsansätze und Strafandrohungen kommt es bereits zwischen 1850 und 1859 zu 107 Arbeitsniederlegungen. Die sozialen Konflikte sind durch staatliche Polizeigewalt und durch Verbote nicht mehr zu bändigen.

Auch Arbeiterinnen sind in diese Streikaktivitäten involviert. Sie stehen als Streikposten mit ihren Kollegen vor den Fabriken, versuchen Arbeitswillige von der Arbeitsniederlegung zu überzeugen – und das mal argumentativ, mal mit handgreiflicheren Maßnahmen –, sie besuchen die Streikversammlungen und einige halten währenddessen verbotenerweise auch öffentliche Reden.

Anfang der 1860er Jahre lässt die Repression nach. Die ersten Massenparteien der ArbeiterInnenbewegung formieren sich. Revolutionäre , die ins Exil gegangen waren, kehren zurück, unter ihnen z.B. Wilhelm Liebknecht. Liebknecht tritt dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein unter Führung von Ferdinand Lasalle bei, gründet später mit anderen aber die an Karl Marx orientierte Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP.

Sowohl Ferdinand Lasalle, der die Theorie eines „ehernen Lohngesetzes“ vertritt, als auch die Marx-nahe SDAP haben Vorbehalte dagegen, Organisationen zu schaffen, die sich in Streiks für ökonomische Verbesserungen erschöpfen.

So erklärte der sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig 1871 in einer Resolution:

Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für die Dauer nicht helfen; „

Dennoch initiieren beide Strömungen, die sich später wieder zur SPD vereinigen werden, gewerkschaftliche Organisationen, die die vorhandenen Arbeitervereine und gewerkschaftlichen Strukturen auf nationaler Ebene organisieren sollen. Im Gegensatz zu liberalen oder später entstehenden christlichen, nennen sich diese die „Freien Gewerkschaften“.

Zum ersten Massenstreik in Deutschland kommt es 1869 im schlesischen Waldenburg. Ausgerechnet die Gründung des liberal ausgerichteten „Gewerkvereins Deutscher Bergarbeiter“, dessen Satzung eigentlich eher zu einem humanitären Unterstützungsvereins als zu einer Gewerkschaft passt, ist der Auslöser. Die Grubenbesitzer lehnen den Gewerkverein als Vertreter der Bergleute ab, und veröffentlichen eine drohende „Bekanntmachung“ gegen die gewerkschaftliche Organisierung.

Der Gewerkverein seinerseits formuliert seine Forderungen nach Normallöhnen und Verkürzung der drückend langen Arbeitszeit in unterwürfigem Ton und bietet sich sogar als Disziplinierungsinstanz an:

Hiergegen versprechen wir, auch ferner als treue und rechtschaffene Arbeiter den Herren Arbeitgebern mit allen unseren Kräften zu dienen und uns dadurch als würdige Mitglieder des Gewerkvereins zu zeigen. Wir geben uns sogar unter eine strenge Kontrolle unseres Vorstandes, der gegen einen lässigen, faulen Arbeiter – nach gehaltener Besprechung mit dem Herrn Arbeitgeber – auch Maßregelungen eintreten lassen kann“

Die Reaktion der Zecheninhaber: Maßregelungen von Arbeitern, Kündigungen von Werkswohnungen. Am 1. Dezember 1869 treten 6400 von 7400 Kumpeln in den Streik, der fast 2 Monate dauern soll – ein bewundernswertes Durchhaltevermögen angesichts der knappen Ressourcen der Bergarbeiterfamilien und der Winterzeit. Auch verweigern die Arbeitgeber den Streikenden Zuwendungen aus der Knappschaftskasse.

Der Streik erregt Aufsehen weit über die Grenzen Schlesiens hinaus. Aber er endet mit der Niederlage. Viele Kumpel wurden danach nicht mehr angestellt, nicht wenige sind zur Auswanderung ins Ruhrgebiet gezwungen.

Doch die Streik-Bilanz jener Jahre fällt für die ArbeiterInnenbewegung keineswegs negativ aus. Zu ihrem Erfolg trägt auch der 1860 einsetzende Wirtschaftsboom bei. Über die Hälfte der Arbeitsniederlegungen enden mindestens mit einem Teilerfolg für die Streikenden. Dies kann auch erklären, warum die sozialistischen Gewerkschaften mehr Mitglieder anziehen, als die liberalen Hirsch-Dunckerschen, für die Streik ja nur das letzte Mittel ist.

Den Sozialistengesetzen, die 1878 „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ erlassen werden, und bis 1890 gelten, fallen erneut viele der noch jungen Organisationsansätze zum Opfer. Doch bereits in 1880er Jahren erlebt die ArbeiterInnenbewegung bereits wieder einen Aufschwung. Auch erste Schritte in Sachen Gleichberechtigung werden eingeschlagen. Schon Fourier hatte den Sozialisten ans Herz gelegt, und Friedrich Engels hatte seine Worte aufgegriffen:

Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation. „

In der Praxis jedoch tut sich bei der ArbeiterInnenbewegung in Sachen Frauenemanziption bis 1990 wenig. Priorität hat der Kampf gegen die Verfolgung, könnten wir entschuldigend anführen, alles andere steht oft dahinter zurück. 1890 fällt zwar das Parteiverbot. Doch die Frauen können sich immer noch nicht legal organisieren. Denn in den meisten Bundesstaaten ist die politische Vereinsbetätigung von Frauen und Minderjährigen verboten.

Immerhin: Als 1990 nach der Aufhebung der Sozialistengesetze die Freien Gewerkschaften als ihre oberste nationale und berufsübergreifende Instanz eine „Generalkommission der deutschen Gewerkschaften„ gründen, wird neben 6 Männern auch Emma Ihrer in die Kommission gewählt.

Auf dem ersten Kongress der Freien Gewerkschaften 1892 in Halberstadt senden die Delegierten ein klares Signal an ihre Mitgliedsverbände: Die Werbung von Frauen sei ein „Gebot der Selbsterhaltung”. Daher sollen, wo nötig, die Statuten geändert werden, um die Aufnahme von Frauen zu ermöglichen.

Die Wirkung dieses Beschlusses ist freilich begrenzt. Der Frauenanteil in den Freien Gewerkschaften steigt nur sehr langsam – von rund zwei Prozent im Jahre 1892 auf 3,3 Prozent im Jahre 1900 und schließlich auf 8,8 Prozent im Jahre 1913.

Nicht nur die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen und deren Formen des Widerstands verändern sich, auch das neue Industriekapital formiert sich zum Klassenkampf.

Die Industriekapitalisten wollen ihren rasanten Aufstieg, der sich innerhalb weniger Jahrzehnte vollzog, nicht durch Forderungen der Arbeiter oder Streik bremsen lassen. In einer eine Ansprache von 1877 an seine Angestellten sagt Alfred Krupp:

Genießet, was euch beschieden ist. Nach getaner Arbeit verbleibt im Kreise der eurigen, bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern und sinnt über Haushalt und Erziehung. Das sei eure Politik, dabei werdet Ihr frohe Stunden erleben. Aber für die große Landespolitik erspart euch die Aufregung.“

Damit nimmt er die patriarchische Haltung des typischen Unternehmers der Wilhelminischen Zeit ein, der Herr im Haus sein will und auf der Unmündigkeit seiner Untergebenen beharrt. Die gesetzliche Ordnung wissen die Unternehmer dabei hinter sich.

Doch damit nicht genug: sie legen auch schwarze Listen an mit den Namen von „Rädelsführern“ an und greifen vor allem ab den 1890er Jahren vermehrt zum Mittel der Aussperrung. Arbeitgeberverbände treten nun den Gewerkschaften organisiert gegenüber.

Deren Macht hatten die Hamburger ArbeiterInnen 1890 zu spüren bekommen, als sie am 1. Mai im Kampf für den 8-Stunden-Tag die Arbeit niederlegten. Die Antwort waren wochenlange Aussperrungen, von denen zeitweise 20 000 Menschen betroffen waren. Die Auseinandersetzung endete mit einer bitteren Niederlage.

Doch wenige Jahre später kam es erneut zum Kampf. Der Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97 gehört zu den am besten dokumentierten Arbeitskämpfen des ausgehenden 19.Jahrhunderts.

Der Kontext des Streiks wirkt überaus modern: Zorn über gestiegene Lebenshaltungskosten und Wohnraumvernichtung aber auch internationale Solidarität waren mit auslösend. Prekäre Arbeit und das Agieren der Frauen spielten ein wichtige Rolle in seinem Verlauf.

Die Schwankungen der Erwerbsgelegenheiten finden nicht nur in dem weiten Laufe veränderter Konjunkturen statt; von Woche zu Woche ja von Tag zu Tag ist im Hafenbetriebe die Nachfrage nach Arbeitskräften verschieden. Diese Unsicherheit muss naturgemäss auf den Charakter der Arbeiterschaft wirken, besonders auf die, welche nicht in festem Lohne stehen und den weitaus größten Teil ausmachen.

So beschreibt Johannes Martin Schupp in seiner Dissertation von 1908 die prekären Arbeitsverhältnisse vieler Hafenarbeiter. Obwohl Hamburg 1896 das Zentrum der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung ist, sind viele Hafenarbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert., da sie in den Sparten-Gewerkschaften keine dauerhafte Heimat haben.

Als der englische Hafenarbeiterführers Tom Mann, im September 1896 in Hamburg wegen seiner Agitationstätigkeit für eine internationale Organisierung verhaftet und ausgewiesen wird, kommt es zu Solidaritätsveranstaltungen unter dem Titel „Die Ausweisung des Genossen Tom Mann und die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation der Hafenarbeiter“. Bei den Veranstaltungen werden auch Arbeits- und Einkommensbedingungen diskutiert.

Die Hamburger Hafenarbeiterfamilien haben unter Preiserhöhungen, dem Abriss hafennaher Wohnungen und mit dem Umzug verbundenen höheren Mieten zu leiden. Die Wut über die Ausweisung Manns bring wohl das Fass zum Überlaufen. Zwar sind es zunächst nur die notorisch renitenten Schauerleute, die streiken wollen. Das Gewerkschaftskartell verweigert zunächst seine Zustimmung. Bei lokalistischen Gewerkschaft der Schauerleute, die sich vom Zentralverband der Hafenarbeiter abgespaltenen hatten, herrscht allerdings Ebbe in der Streikkasse. Niemand rechnet mit einem großen und langen Streik.

„Ein längerer Streik schien also völlig ausgeschlossen. Als daher am 20. November 1896 die Schauerleute wegen Lohndifferenzen die Arbeit niederlegten, standen sie im vollen Widerspruch zur Verbandsleitung. Nichtsdestoweniger war die Erregung unter den Hafenarbeitern so groß, dass bis zum 28. November die wichtigsten Kategorien sich alle im Ausstand befanden. In kurzer Zeit folgten die übrigen, und die Zahl der Streikenden belief sich auf ca. 17.000 Mann. „

berichtet Johannes Martin Schupp.

Der Verlauf des Streiks widerspricht allen Regeln. Nichts ist vorab klar, die Organisation entsteht spontan im Arbeitskampf: Gewählte Streikkommissionen einzelner Berufsgruppen bilden ein zentrales Streikkommitee. Streikposten werden organisiert, Barkassen fahren Streife, um die Durchführung zu überwachen. Streikkarten werden verteilt und müssen täglich abgestempelt werden. Es werden eigens Massenversammlungen für Frauen organisiert, Innerfamiliäre Konflikte und damit ein Abbröckeln der Streikfront sollten auf diese Weise verhindert werden.

Von welcher Wichtigkeit die Tätigkeit der Frauen ist. dafür hat der Hamburger Hafenarbeiterstreik ein Beispiel geliefert.Während desselben haben sich meines Wissens die Genossen zum erstenmal an die Frauen gewendet, und ich glaube, daß es nicht zum geringsten Teil gerade dem Einfluß der Frauen zu danken ist, daß die Hafenarbeiter, die bis dahin fast gar nicht organisiert waren, so treu zusammengehalten haben.“

wird sich die Gewerkschafterin und Sozialdemokratin Luise Zietz erinnern, die in diesem Zusammenhang erstmals öffentlich auftritt.

Was die Organisierung, die Öffentlichwirksamkeit und die Solidarität innerhalb Hamburgs und aus dem ganzen Land anbelangt, ist der Streik ein voller Erfolg. Doch der Gegner, der Arbeitgeberverband Hamburg-Altona, ist zu keinen Zugeständnissen bereit. Verhandlungen werden von ihm wider alle rationalen Einwände und trotz Vermittlungsversuchen des Senats abgelehnt. In einer großangelegten und kostspieligen Aktion werden Streikbrecher herangezogen. Die Arbeitgeber begreifen die Auseinandersetzung als Machtkampf mit der Sozialdemokratie. Es geht ums Prinzip.

Im Februar wird der Streik schließlich abgebrochen. 500 Menschen werden anschließend zu Gefängnis oder Geldstrafen verurteilt. Nur wenige der Beteiligten können anschließend an ihren Arbeitsplatz zurück. Doch wenn die Schiffseigner dachten, die Gewerkschaften lägen ab jetzt am Boden, hatten sie sich getäuscht. In Massen treten die Hamburger Hafenarbeiter nun in die gewerkschaftlichen Organisationen ein.

Erfahrungen, wie die in Hamburg, führen jedoch in den 1890er Jahren dazu, dass die Gewerkschaften sich zentralisieren, hierarchischere Strukturen herausbilden und der Wunsch nach dauerhaften Vereinbarungen und Tarifverträgen stärker wird. So ist 1897 im Correspondenzblatt, dem Zentralorgan der Freien Gewerkschaften zu lesen:

„Die Gewerkschaften, getragen von dem Geiste der modernen Arbeiterbewegung, streben dahin, eine Macht im wirthschaftlichen Kampfe zu werden und von Macht zu Macht mit dem organisirten Unternehmerthum zu unterhandeln und zu Vereinbarungen und Tarifgemeinschaften zu kommen. Das wird aber weitere Kämpfe nicht ausschließen...

Die institutionalisierte Stärke der Freien Gewerkschaften, deren Mitgliederzahl nach 1900 in die Millionen wächst, hat aber seinen Preis. 1914 sind ihre Führer bereit einen Burgfrieden mit den Mächtigen zu schließen, um deren Krieg zu ermöglichen. Die Januarstreiks 1918 hingegen, die maßgeblich zur Beendigung des Krieges und des Kaiserreichs beitragen, brechen gegen den Willen der Gewerkschaftsspitze los, die sich mit ihrer Verständigungspolitik von der Basis entfernt hat.

Und - sind 100 Jahre Sozialpartnerschaft wirklich ein „Erfolgsmodell“? Das mit diesem Begriff verbundene Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 hält in seiner Substanz nur wenige Jahre. Mit diesem Vertrag werden einige von einer Rätebewegung bereits erkämpfte Fortschritte von Arbeitgeberseite aus Furcht vor einem drohenden Sozialismus anerkannt – dies aber im Tausch gegen die die Hoffnungen von Millionen auf eine echte Sozialisierung und Demokratisierung.

Zurück ins Jahr 2006: Als Bruno Vaso und Ambra Mettapesa nach Nürnberg kommen, um ihre KollegInnen bei der AEG in ihrem Kampf zu unterstützen, tun sie das auch mit dem Willen, eine europäische Arbeiterbewegung neu zu formieren, die den Konzernen des 21. Jahrhunderts die Stirn bieten kann:

"Was wir hier tun, kann für eine langfristige Perspektive von Nutzen sein. Und diese Perspektive kann durchaus aus verschiedenen gewerkschaftlichen Kulturen heranwachsen. Der deutschen die eher auf einer Versöhnung von Unternehmen und Arbeitern beruht und unserer, die wir eher als kämpferische Opposition verstehen."


Das Private ist politisch - die 68erinnen

Die 68er – das waren nicht die wenigen medial inszenierten männliche Idole - der Revolutionär oder der thereotische Vordenker. Die 68er waren erstmals in der bundesdeutschen Geschichte eine Generation, die Frauen wie Männer gleichermaßen erfasste und in das politische Geschehen rückte.

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Von einer echten Revolution war die BRD 1968 - anders als in Frankreich der Fall - zwar weit entfernt. Dennoch bedeutet diese Zeit in vieler Hinsicht einen neuen Aufbruch. So auch für die Frauenenbewegung. Blieben viele Frauen zunächst im Hintergrund, weil sie nicht das Wort in der Öffentlichkeit ergriffen oder aktiv mitdiskutierten, war zwar von Klassenkampf und Imperialismus die Rede, nicht jedoch vom allgegenwärtigen Patriarchat, begannen Frauen schließlich eine "Revolte innerhalb der Revolte".

 

Quellen

  • Die Zitate von Susanne Schunter-Kleemann, Sarah Haffner, Elsa Rassbach, Dagmar Przytulla und Helke Sander sind entnommen aus: Kätzel, Ute: Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002
  • Die Rede  im Originalton von Helke Sander (Aktionsrat zur Befreiung der Frauen) auf der 23. Delegiertenkonferenz des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) am 13. September 1968 in Frankfurt/Main wurde mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von: "100(0) Schlüsseldokumente zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert" unter der Leitung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte, Department Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Weiterführende Informationen zu Ursula Seppel sind entnommen aus: Besondere Protestler (3): Ursula Seppel, in: "Hottentottenland Hamburg" - Studentenproteste 1967/68 in der Hansestadt, 3. Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufbegehren, Handeln, Verändern - Protest in der Geschichte“, 1999, Nachweis: Körber-Archiv GW 2003-1179: Almuth Klemenz: Dreimal Heimat und zurück.. 

Danksagung

  • SprecherInnen: Hilal Babus, Martina Fries, Ulli Rödel, Inge Hammer, Vivien Wendler und Barkin Glassner
  • Musik von: Jared C. Balogh, David Szesztay, Jason Shaw, Forget the Whale
  • Unser besonderer Dank gilt dem Nürnberger Frauenchor für die wunderschöne Coverversion des Lieds "Unter dem Pflaster liegt der Strand" der Frauenband Schneewittchen
  • Buchautorin Ulrike Halbe-Bauer, Freiburg i.Br.
  • Annemarie Rufer, Nürnberg

Der Streik der Glasperlenzieherinnen von Venedig

Das Glasperlenziehen gehörte noch Anfang des 20. Jahrhunderts zum Stadtbild Venedigs. Frauen saßen auf den Gassen mit Körben voller Perlen, die sie auf Fäden aufzogen. Die "Zwischenfälle" berichten über das harte Leben und den Kampf der ArbeiterInnen in Venedig.

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"Die meisten Frauen bringen es für den Tag kaum auf einen halben Papierfranken, und die kirchlichen Fastengesetze sind ihnen gegenüber leider völlig überflüssig. Selbst die Polenta, jenes frugale italienische Nationalgericht, ist für sie nur ein Sonntagsmahl; in der Woche hat ihnen der Himmel den Tisch nur mit Feldrüben gedeckt, wie man sie in den Gassen Venedigs auf offenem Herd zu ganzen Bergen kochen und an Ort und Stelle verzehren sieht.

Und doch bereiten diese Leutchen der Welt so vieles Vergnügen! – Aber ein altdeutsches Volkswort sagt schon:

'Dem Einen die Mühe, Dem Andern die Brühe!'"

So berichtete Theodor Gampel 1880 über die Produktion von Glasperlen in Venedig. 1904 platzte den venezianischen Glasperlenzieherinnen schließlich der Kragen. Es kam zum Streik.
 

Quellen

  • Das Interview mit Maria Teresa Sega führte die Filmemacherin Annette von Zitzewitz für ihren Film „Venezia - una donna“ (dt. Titel: Venedig, eine Frauengeschichte), 2008.
    Link: www.trustnelnomedelladonna.org
  • Die Historikerin Maria Teresa Sega ist Präsidentin von „REsistenze“, einer Assoziation, die die Zielsetzung verfolgt, die Geschichte von Frauen des Veneto zu erforschen und zu bewahren, im besonderen soziale Bewegungen und Formen des zivilen Widerstands.
    Link:www.resistenzeveneto.it
  • Das Lied "Semo Tute Impiraresse“ über die Perlelnzieherinnen und ihren Protest ist von Luisa Ronchini (1933-2001) und Emanuela Magro der Platte "La donna nella tradizione popolare“ von 1978 entnommen.
    Link: www.antiwarsongs.org
  • Das Lied „La Lega - Sebben che siamo donne“ ist ein sozialistisches Volkslied, gesungen vorrangig von den Reisarbeiterinnen, entstanden zwischen 1890 und 1914, Text und Musik sind anonym überliefert.
    Link: www.antiwarsongs.org
  • Die Fotos sind dem Band entnommen:
    Perle e impiraperle. Un lavoro di donne a Venezia tra 800 e 900. Arsenale Editrice 1990

Danksagung

SprecherInnen:
Hilal Babus, Barkin Glaßner, Vivienne Wendler  


Carlo Abbamagal - ein Afrikaner in der italienischen Resistenza

Carlo Abbamagal beteiligte sich neben anderen Äthiopiern am Kampf gegen den Faschismus in der italienischen Resistenza. Die Zwischenfälle zeichnen seine Geschichte nach.

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Die italienische Resistenza war vielfältig. Es kämpften dort Frauen und Männer verschiedenster Schichten, aber auch unterschiedlicher Herkunft. Wenig bekannt ist, dass sich den Partisanen auch Menschen aus Afrika angeschlossen haben. In unserem Beitrag aus der historischen Reihe „Zwischenfälle“ wird heute die Geschichte einer Gruppe nach Italien verschleppter Äthiopier erzählt, die sich befreien konnten und sich einem Partisanen-Bataillon in den Marken anschlossen. Einer von ihnen: Carlo Abbamagal. Er schloss sich der Banda Roti an, eine der ersten Partisanen-Formationen Italiens, die an den Hängen des Monte San Vicino, in der Provinz Macerata gegen die Faschisten kämpften.

Quellen

Danksagung

SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Martina Fries, Ingrid Artus, Philip Cichon u.a,

Musik von: David Szesztay, Art Of Escapism, Ask Again, David Hilowitz, Doctor Turtle, Jahzzar


Renitente Nonnen des Mittelalters

An der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert legen Nonnen unerwartete Renitenz an den Tag: Eine Reform und strenge Klausurvorschriften wollen sie sich nicht gefallen lassen! Es kommt gar zu Handgreiflichkeiten.

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Zwar innerhalb kirchlicher Hierarchien stellten im Mittelalter die Frauenklöster eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen - in der Regel aus den höheren Schichten - dar, sich selbst zu verwalten und Bildung zu erlangen. Die Geschichte des Dominikanerinnenklosters St. Katharina in Nürnberg zeigt, dass sich Nonnen durchaus zu Wehr setzten gegen Disziplinierungsversuche - manchmal mit Erfolg.

Danksagung

  • Wir danken Frau Dr. Christine Sauer, Leiterin der Historisch-Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in Nürnberg, für das Gespräch, das am 29.08.18 geführt wurde.
  • Die Musik mit Gesang ist der CD von Ulrike Bergmann entnommen: „Pater, vide, vulnera mea Hildegard von Bingen (1098 - 1179)“ von Ulrike Bergmann (Gesang und Bass-Drehleier).Wir danken für die freundliche Überlassung! Historische Musik aus acht Jahrhunderten: http://www.ulrikebergmann.de/
  • Sprecher_innen: Susanne Breithaupt, Tim Liebler
  • Weitere Musik von: David Szesztay, James Kibbie, The Tudor Consort, Me afeite la barba en los ochenta

"Ins Räderwerk des Nationalsozialismus geraten"

Zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Eva Rössner 7 Jahre alt. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens.

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Eva Rössner, geb. 1926, stammte aus einer Arbeiterfamilie und wuchs in der Nürnberger Südstadt auf. Ihre Eltern waren kommunistische Oppositionelle. Der Vater Walter Jakob, zudem jüdischer Herkunft, stand sofort im Fokus der nationalsozialistischen Verfolgung und musste ins Exil. Ihre Mutter Margarethe wurde daraufhin verhaftet und kam als Geisel „für den Juden Jakob“ in Schutzhaft ins Frauengefängnis Aichach. Eva wuchs mit ihrem jüngeren Bruder als „Halbjüdin“ bei den Großeltern mütterlicherseits auf. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens.

Danksagung

  • Sprecherin: Michaela Baetz
  • Musik: a.s.h.r.
  • Der Beitrag ist der CD „Alltag, Verfolgung und Widerstand. Nürnbergerinnen im Nationalsozialismus“ entnommen, einem Projekt von Forum Frauengeschichte.

Aufstand im Wackerland

Den Bau der WAA Wackersdorf wollte der Staat in den 1980er Jahren mit aller Macht durchdrücken. Doch die Atommüllfabrik scheiterte am massiven Widerstand der Oberpfälzer Bevölkerung und der Solidarität einer bundesweiten Anti-Atom-Bewegung.

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Gegen den Plan eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage im Kreis Lüchow-Dannenberg zu errichten, kommt es zu unerwartet heftigem Widerstand der Bevölkerung. 1980/81 verdichten sich dann die Gerüchte, dass die Oberpfalz als neuer Standort vorgesehen ist. Franz-Josef Strauß verspricht der Atomindustrie das blaue vom Himmel herunter, um die WAA nach Bayern zu holen. Den OberpfälzerInnen werden Arbeitsplätze versprochen und man rechnet nicht mit erheblichem Gegenwind. Doch schon bald entstehen zahlreiche Bürgerinitiativen, AktivistInnen der Anti-AKW-Bewegung und der Autonomen beteiligen sich an den Protesten und als 1985 die Rodung des Taxölderner Forsts bei Wackersdorf beginnt, wo die Atommüllfabrik errichtet werden soll, wird der Bauplatz besetzt.

Die Beteiligten der Kämpfe um die WAA kommen in unserem Feature zu Wort.

 

Danksagung

  • Wir danken der Medienwerkstatt Franken, die uns O-Töne aus ihrem Film „18 Tage freies Wackerland“ zu Verfügung gestellt hat.
  • SprecherInnen: Tobias Brunner und Martina Fries
  • Mit Sounds von Jason Shaw, Josh Woodward, Visager und David Szesztay

Konsequent, politisch, sozial: Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky

Margarete Schütte-Lihotzky war die erste weibliche Architektin Österreichs. Ihr Schaffen war von sozialen Gesichtspunkten geprägt, sie forderte ein "Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle" und schloss sich dem kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus an.

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Margarete Schütte-Lihotzky wurde 1897 geboren und erwarb als erste Frau Österreich ein Diplom als Architektin. Bereits als Studentin erhielt sie einen Preis für den Entwurf einer ArbeiterInnenwohnung. Für ihre Arbeit hatte sie sich die elenden  Wohn-Verhältnisse der Wiener ArbeiterInnenklasse mit eigenen Augen angesehen. Dies prägte nachhaltig den sozialen Blick, den ihr Lebenswerk kennzeichnet.

So forderte sie ein "Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle". In ihren Arbeiten war sie Pragmatikerin. Eine Ästhetisierung der Armut lehnte sie ab und orientierte sich vielmehr an den praktischen Bedürfnissen derjenigen, für die sie ihre Tätigkeit als Architektin ausübte.

Sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus anzuschließen galt ihr 1940 als Selbstverständlichkeit. Sie hätte es beinahe - wie andere aus ihrer kommunistischen Zelle - mit dem Leben bezahlt und entkam dem Todesurteil nur durch einen Trick.

Wegen ihrer Mitgliedschaft in der KPÖ erhielt sie - trotz internationaler Anerkennung - kaum öffentliche Aufträge. Erst in den 1970er Jahren erhielt sie auch in ihrem Heimatland die ihr zukommende Aufmerksamkeit für ein bemerkenswertes Lebenswerk.

Danksagung


Suffragetten und berufslose Agitatorinnen? Kampf ums Frauenstimmrecht!

Über den langen und harten Kampf für das Stimmrecht für Frauen. Von der "Erklärung der Rechte der Frauen und Bürgerinnen" durch Olympe de Gouges bis zur Durchsetzung des Wahlrechts für Frauen durch die Revolution 1918

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"Suffragetten", "berufslose Agitatorinnen", "hysterische Weiber, die an die Kette gelegt werden sollten". Das sind nur einige der Bezeichnungen für die Frauen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert gegen alle Verbote und gesetzlichen Maßnahmen organisierten und für ihre Rechte eintraten. Wir zeichnen diesen Kampf in den Zwischenfällen nach und lassen die Akteurinnen zu Wort kommen.

Danksagung

SprecherInnen: Jutta Klawuhn, Juliane Schröter, Martina Fries, Ingrid Artus, Tim Liebler


Rote Radisten – Die Arbeiterradiobewegung der Weimarer Republik

Eigene Radiosender oder wenigstens die Beteiligung am Rundfunkprogramm forderte die Arbeiterradiobewegung der 1920er Jahre. Doch bei der Geburt des staatlich kontrollierten Weimarer Rundfunks hatte die Angst vor den revolutionären Massen Pate gestanden.

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Das neue Medium Rundfunk begeisterte die Menschen Mitte der 20er Jahre. Sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter schlossen sich im Arbeiter-Radio-Klub Deutschland zusammen, bastelten sich selbst Empfänger, weil sich ArbeiterInnen die teuren Geräte nicht leisten konnten, und stellten politische Forderungen.

Doch Reichspost und Innenministerium sorgten für strenge Kontrolle und Zensur und schlossen vor allem Kommunisten konsequent vom Rundfunk aus. Die Arbeiterradiobewegung entwickelte eine lebendige Kultur der Kritik, bis die Nationalsozialisten den Rundfunk mühelos und im Handstreich zu ihrem eigenen Propagandainstrument umfunktionierten.

Quellen

Danksagung

  • SprecherInnen: Martina Fries, Alexandra Sommer
  • Interviews: Gerd Walther, Klaus-Michael Klingsporn
  • Musik: The Runner (David Szesztay), Kvaleoun

Script

Heute: Rote Radisten – Über die Arbeiterradiobewegung der Weimarer Republik

O-Ton Gerd Walther: „Es ist ein sehr schönes Kästchen, das seine Innereien versteckt, und durch eine Klappe lässt es sich öffnen, hat eine Metallverzierung. Das heißt für den, der es gebastelt hat, war das ein hoher Wert“

Ein Detektorgerät, mit viel Liebe selbstgebaut von einem Mitglied der Arbeiterradiobund-Ortsgruppe Fürth. Heute steht es, sorgfältig wieder hergerichtet, im Fürther Rundfunkmuseum. Sendungen hören konnte man damit nur in der Nähe einer Sendestation und von heutigen Hifi-Ansprüchen waren die Töne aus dem kleinen Kasten natürlich weit entfernt. Trotzdem, so betont der Historiker Gerd Walther, der uns 2011 als Museumsleiter durch die Ausstellung führte, gings beim Basteln nicht nur um den Spaß, sondern auch darum den ArbeiterInnen das Radiohören zu ermöglichen:

O-Ton Gerd Walther: „Ein komplettes Radio 1924/25 lag so zwischen 400-600 Reichsmark, ein Facharbeiterlohn bei 180-200 Mark, das heißt für einen Arbeiter  war es unerschwinglich“

Dass es sich bei der Radiobastelei nicht nur um eine Randerscheinung handelte belegen auch Erhebungen der Reichspost. Danach waren im Jahr 1925 von einer Millionen angemeldeter Rundfunkempfänger die Hälfte selbst gebaut.

So erinnerte sich auch Karl Schönfelder, der in den 20er Jahren in der Arbeiterradiobewegung Österreichs aktiv war:

O-Ton Schönfelder: „Normalerweise war es natürlich so dass die Leute, der Arbeiter, die Angestellten, ein Interesse gehabt haben für das neue Medium. Nur ham die natürlich kein Geld gehabt sich irgend einen Apparat. Jetzt ham wir begonnen  natürlich mit den einfachsten Sachen: Detektorapparat, eine Walzenspule, dann sind wir hergegangen haben wir (unverständlich ) ... und Detektorapparat und haben angefangt zum Basteln“                

Das Basteln und zunächst sogar das Hören waren freilich fast ausschließlich Männerdomäne. Angela Dinghaus zitiert und analysiert 2002 zeitgenössische Veröffentlichungen in ihrer Doktorarbeit „Frauenfunk und Jungmädchenstunde“ - nicht ohne eine gehörige Portion Ironie:

Zitat: Experimente wurden nicht nur "im stillen Kämmerlein des Bastlers" betrieben, das technische "Ungetüm" okkupierte den Arbeitsplatz der Frau und störte mit einem "Durcheinander von Drähten und Leitungen" die häusliche Routine. "Akkumulatoren, mit beißender Säure gefüllt", verunstalteten das Mobiliar und Interieur; die giftigen Ingredienzien bildeten sogar eine neue Gefahrenquelle im Haushalt. Männliche Radiomanien und männlicher Bastelwahn taten ein Übriges, das Ehe- und Familienleben zu beeinträchtigen. Auch das Hören, in der Frühzeit des Rundfunks wohl mehr eine exklusive technische Spielerei mit Kopfhörern, scheint zunächst funkbegeisterten Männern vorbehalten gewesen zu sein.

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Bis zur Räterevolution nach dem 1. Weltkrieg wurde die Rundfunktechnik vorwiegend vom Militär genutzt. Hans Bredow, der spätere „Rundfunk-Kommissar“ des deutschen Reiches, hatte zwar 1917 schon mal Musik an die Front gesendet, um einen Röhrensender zu erproben. Sieht man von diesem Test ab, kann der berühmte Rundspruch revolutionärer Arbeiter und Soldaten „An Alle“  vom November 1918 als erste „echte“ Rundfunksendung in Deutschland betrachtet werden . „Alle“ waren zu diesem Zeitpunkt nur diejenigen die ein Funkgerät besaßen und es bedienen konnten.  Wenige waren das trotzdem nicht.

O-Ton Gerd Walther: „Man muß ja bedenken es hat sehr viele Leute gegeben, die mit dem Funk vertraut waren. Im ersten Weltkrieg hat Funk eine sehr große Rolle gespielt und diese Funker waren die erste Massenbasis von Radiohörern“  

Knapp 200 000 an Funkgeräten ausgebildete Soldaten waren aus dem Krieg heimgekehrt.  Nur vier Wochen lang waren die im Reich verstreuten Funkstationen in der Hand der Revolutionäre. Doch das mag prägend gewesen sein für das hohe Kontrollbedürfnis, das in Deutschland beim Aufbau des Rundfunks ab 1922 bestand:

O-Ton Gerd Walther: „Es hat ja verschiedene Strömungen gegeben, zum einen gab es eine Revolution nach dem verlorenen Krieg, das heißt die Obrigkeit war gegenüber dem Funkwesen sehr skeptisch“.

Eine Forschungsmeinung geht davon aus, die Angst vor der Masse habe mit Pate gestanden bei der Gründung des Rundfunks in Deutschland. Hans Bredow, der von der Reichsregierung damit beauftragt wurde, nannte seine Rundfunkgesellschaft 1922 „Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung“. Der Name war Programm. Zu hören waren vorwiegend Konzerte, Politik kam zunächst nicht vor: Ausgewogen und neutral sollte alles nach außen sein – und die Reichspost kontrollierte, wer senden durfte und wer nicht.

Der Berliner Börsen-Courier erklärte im Oktober 1923 seinen Lesern, warum dies so sein musste  und nicht anders sein durfte:

Zitat: „Durch die behördliche Überwachung soll den Radioamateuren das Handwerk gelegt werden. Durch den militärischen Zusammenbruch und die in seinem Gefolge auftretenden Plünderungen von Heereseigentum im Jahre 1918 sind viele unbefugterweise in den Besitz von Rundfunkgerät gekommen. Wenn die Postbehörde jetzt nicht jede Aufstellung derartiger Geräte von der Einholung einer staatlichen Genehmigung abhängig machen würde, dann würde nachträglich der Diebstahl von Staatseigentum gewissermaßen sanktioniert werden“

Wohlgemerkt sollte auch das Empfangen reglementiert werden, wenn auch das – in Herrschaftssprache „geplünderte Heereseigentum“ - senden und empfangen konnte. Weil -O-Ton - die Schaffung eines Nachrichtennetzes durch staatsumstürzlerische Kreise befürchtet werde, wurden 1924 zeitweise die Bestimmungen verschärft. Es konnten Wohnungen ohne richterlichen Beschluss durchsucht werden und Strafen von bis zu 100000 Goldmark oder gar Gefängnis sollten verhängt werden können.

Doch für die an die Wand gemalten staatsumstürzlerische Anstrengungen von Radiorevolutionären finden sich gar keine historischen Quellen, auch wenn es Versuche gab illegal zu senden. Dazu  Gerd Walther:

O-Ton Gerd Walther: „Hats gegeben ganz am Anfang, ist aber relativ aufwendig. Wenn ich einen Röhrensender habe dann hab ich auch entsprechend großes Gerät und von daher sind dem Grenzen gesetzt. Es gab immer wieder -  mehr im spielerischen Bereich - solche Versuche.“

In den Kreisen der Staatsumstürzler wurde – ganz im Gegensatz zu den Vermutungen der Post – die Arbeiterradiobewegung zunächst wohl eher belächelt.

Dazu sagt der Hörspielredakteur Klaus-Michael Klingsporn:

O-Ton Klaus-Michael Klingsporn: “Es war keineswegs so dass SPD und KPD das am Anfang in irgendeiner Form politisch relevant fanden. Die fanden das alles Spielerei und dummes Zeug. “

Klingsporn hatte 1988 für eine studentische Arbeit über die Arbeiterradiobewegung tief in den Archiven gegraben. Seinen damaligen Recherchen entstammt auch das folgende Zitat:

Zitat: „Man nimmt schlechthin an, die Beschäftigung mit dem Rundfunk sei eine bessere Spielerei, die sich für den klassenbewußten Arbeiter ganz und gar nicht lohnt, die ihm nur Zeit wegnimmt.„

So klagt noch 1928 ein Mitglied des  Arbeiter-Radio-Bunds Deutschland. Der hatte sich drei Jahre zuvor - zunächst unter dem Namen Arbeiter-Radio-Klub - in Abgrenzung zu bürgerlichen Funkamateuren gegründet, um zum Mindesten Einfluss auf das neue Medium zu nehmen. Tatsächlich war die Haltung der SPD nicht sehr kritisch gegenüber der Entwicklung des Rundfunks, in dem Industrie und Staat die Fäden hielten, die Arbeiterbewegung aber ausgrenzten.

Die Kommunisten hingegen neigten zu einer Propaganda des Nicht-Hörens wie Klaus-Michael Klingsporn in seiner Arbeit konstatierte, da sich „der Rundfunk in den Händen der kapitalistischen Gesellschaft“ befinde und erst nach der Revolution „restlos in den Dienst des menschlichen Fortschritts“ gestellt werde könne.

Seit den Anfängen der Arbeiter-Radiobewegung existierte die Forderung nach einem eigenen Sender. Einheitliche Pläne, wie man einen solchen nutzen wollte, gab es freilich nicht. Ein Mitglied des Arbeiter Radiobunds Österreich  - vermutlich spricht hier Otto Stöber – erinnerte sich, wie er die sozialdemokratische Parteiführung für seine Pläne gewinnen wollte. Er brachte das Argument vor, man könne im Krisenfall mit einem solchen Sender den Republikanischen Schutzbund mobilisieren - die bewaffnete Arbeiterwehr der österreichischen Sozialdemokraten:

O-Ton: „...ich habe mir ehrlich vorgestellt, wenn wir mit Unterstützung -  natürlich auch finanzieller Unterstützung - der Partei, einige solcher Sendeanlagen bekämen, dann wäre das Problem für den Schutzbund im Alarmfall gelöst, weil man brauchte ja nur in Attnang, in Steyer einen Empfänger aufstellen. Und wann der Gruber schreit ‚Hallo zu den Waffen‘, dann ist alles geschehen und die Polizei kann da nichts  abschneiden und nichts verbieten, denn die hört ja gar nichts, wenn sie nicht die richtige Welle hat.“


Unterstützung durch Parteifunktionäre der SPD gab es für solche Forderungen auch in Deutschland kaum. Der politische Kampf des Arbeiter-Radio-Klubs galt denn auch mehr und mehr der Partizipation und der Mitbestimmung der Sendeinhalte.


O-Ton Gerd Walther:  „Man ist gar nicht so weit gegangen, dass man einen eigenen Arbeitersender haben wollte, man hat eine Stunde oder drei in der Woche  Rundfunk Sendung machen wollen. Das ist natürlich abgelehnt worden, weil die Obrigkeit da ganz andere Interessen hatte und mit sozialistischen Bewegungen wahrlich wenig am Hut hatte, auch wenn das sozialdemokratisch beteiligte Regierungen waren.“

Derweil eroberte der Rundfunk trotz „mangelnder Information, wirklichkeitsferner Belehrung und seichter Muse“, wie ein Zeitgenosse rügte, die Gunst der Massen.  Mit Hilfe des neuen Mediums hielt der Jazz Einzug in die Kultur der Deutschen und KünstlerInnen wie Lilian Harvey erfüllten mit ihren Schlagern psychologische aber auch soziale Bedürfnisse des Industriezeitalters:

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Der Rundfunk sollte nach der Maßgabe des Reichs-Rundfunk-Kommissars Hans Bredow unparteiisch sein. Vorträge die unter dem Verdacht des Politischen standen, wurden kontrolliert und zensiert. Dies hinderte freilich nicht, wie die Zeitung des Arbeiter-Radio-Bunds vielfach kritisierte, dass Nationalismus und Revanchismus in den Sendungen Raum fanden. Denn was unparteiisch war, bestimmten die, die das Medium kontrollierten.  So sagt Kurt Tucholski in seinem Essy "Der politische Rundfunk":

Zitat: ...die ganze Frechheit der nationalen Kreise, die ganze Schlappheit der Opposition liegt schon in diesem Faktum, dass das, was diese Burschen »nationale Gesinnung« nennen, als selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Als selbstverständlich und normal galt dann eben, nationale Themen mit patriotischem Pathos vorzutragen.  Ein Auszug aus der Rundfunkreportage von 1930 über die „Befreiungs-Feier“ in Trier anläßlich des Abzugs der allierten Besatzungstruppen:

O-Ton: Reportage Trier 1930

Kritik tat also not und so war Kritik am bürgerlichen Rundfunk auch eine der wichtigsten Aufgaben der verschiedenen Zeitungen, die von den Organisationen der Arbeiterradio-Bewegung im Laufe der Jahre herausgegeben wurden. Kritik an den hohen Rundfunkgebühren, Kritik an rechter und religiöser Propaganda, an der mangelnden Repräsentation der ArbeiterInnen in den Sendungen, und auch am Frauenbild, wie es vom Weimarer Rundfunk reproduziert wurde.

Für Frauen sendete die „Deutsche Welle“ 1926 zwar erstmals die „Stunde der Hausfrau und Mutter“. Auch sprachen hier die Frauen selbst. Das Programm stand allerdings unter dem Einfluss konservativer Hausfrauenverbände.

So schildert Margarete Bauer 1926 in „Der neue Rundfunk“:

ZITAT: Wie die «bürgerlichen Frauenzeitschriften - von der „Eleganten Welt“ und der „Dame“ bis zur „Berliner Hausfrau“ -  so ist das Niveau der gebotenen Vorträge. Die Proletarierfrau kommt nicht zum Wort. Und auch wirklich ernsthafte und tiefer schürfende Frauenfragen werden nicht behandelt.

Wie wäre es, wenn nach „Die Frau am Teetisch“ auch einmal das Thema folgte:
„Ein Arbeiterhaushalt“, und statt des gewiß für manche Damen hochinteressanten Referates: „Kann ich mit einer Freundin reisen?“ man einen Gewerkschaftsbeamten zu einem Vortrag über „Die Lage der Heimarbeiterinnen“ aufforderte?

Manche Dame, die bequem in ihrem Gobelinsessel gelehnt ihre Radiostunde hört, würde dann vielleicht auch belehrt, daß es noch ernstere Sorgen gibt, als die, ob das Grau der Schuhe genau zu dem neuen Komplet paßt.

…..

Sicher differenzierte sich das Radioprogramm im Laufe der Jahre aus und öffnete sich in begrenztem Maß auch für die bürgerliche Frauenbewegung. Doch noch 1931 veröffentlichte die kommunistische Radio-Zeitung „Arbeitersender“ das folgende Gedicht:

ZITAT:
Das ist der Frauenfunk

Man saß gerade beim Modetee
Und sprach von dem zartrosa Frühlingskomplet
(Eine „Schöpfung“ von Herpich u. Söhnen),
Da begann der Rundfunk zu klönen.

„Entzückend!“ meinte die dicke Frau Klein.
„Man kommt uns mit Griechisch und mit Latein!
Asparagus, hör‘n Sie. heißt Spargel,
Doch wie übersetz' ich - Quargel?

„Erziehung ist alles", erklärte Frau Blunck,
„Ich bin restlos begeistert vom Frauenfunk,
Er bringt so gebildete Themen -(Möchten Sie ein Praline nehmen?)

Ich finde den Rundfunk ja einfach enorm! "Erziehung Zur Ehe und Ehereform"
War neulich ein Vortrag gewesen -
(Haben Sie Van de Velde gelesen?)"

„Na, manchmal“, gähnte die dicke Frau Klein, „Da könnten die Vorträge stilvoller sein!
Wie neulich die Fürsorgeärztin gesprochen,
Da habe ich schleunigst den Strom unterbrochen!‘

„Ich bitte Sie", protestierte Frau Blunck, „Beim Muttertag hat sich der Frauenfunk
Dagegen doch fabelhaft benommen . .
Meine Kinder sind alle mit Geschenken gekommen!"

Während dieses Frauengespräch' sich begab,
Trug man eine proletarische Mutter zu Grab.
Und die Frau, die kein Pfarrer zu Grabe trug,
Die hatte an e i n e m Geschenk genug!

Wovon die Welt mit Entsetzen spricht:
Den Frauenmord-Paragraph 218, den kennt der Rundfunk nicht!


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1929 spaltete sich die Arbeiterradiobewegung. Hintergrund waren wachsende Konflikte zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Es gab zunehmend Kritik an der hinhaltenden Politik der SPD angesichts der wachsenden Faschismusgefahr , die KPD schloss sich der gegen die SPD gerichtete Sozialfaschismustheorie an und am 1. Mai und folgenden Tagen wird in Berlin auf Anweisung des SPD-Innenministers und des sozialdemokratischen Polizeipräsidents ein Blutbad unter Demonstranten und Unbeteiligten angerichtet.  

Die Sozialdemokraten drängen die Kommunisten dem Vorstand. Nun gibt es zwei Organisationen, den eher sozialdemokratischen Arbeiterradiobund ARBD und den kommunistisch orientierten FRBD, den Freien Radio-Bund Deutschland.

O-Ton Gerd Walther: „Es gab ja auch diese Spaltung in sozialdemokratisch orientierte  und kommunistische orientierte Leute. Aber im Wesentlichen war das etwas, das von oben nach unten gekommen ist und nicht aus  der rundfunkbegeisterten Arbeiterschaft.“

meint der Historiker Gerd Walther.  

Doch zwischen den beiden Strömungen gab es bedeutende Unterschiede, was das Verhältnis zum Medium Rundfunk und seiner Organisation, die Forderungen und Nahziele anbelangte. Sozialdemokraten hatten die Forderung nach eigenen Sendern längst aufgegeben. Sie zielten auf Reformen und waren in den Kontrollgremien des späten Weimarer Rundfunks vertreten.

Die KPD jedoch war – anders als die NSDAP – während der ganzen Weimarer Republik grundsätzlich vom Rundfunk ausgeschlossen. Kein Wunder also, dass die kommunistische Arbeiterradiobewegung nicht auf Reformen hoffte, sondern Fundamentalopposition bezog. Gefordert wurden proletarische Kurzwellensender und es wurde gegen den Rundfunkfaschismus Stellung bezogen.

Auch forderte der Freie Radiobund Deutschlands (FRBD)  Arbeitersendestunden, die von der „Interessensgemeinschaft für Arbeiterkultur“ gestaltet werden sollten, sowie einen Programmaustausch zwischen Deutschen und sowjetischen Rundfunkanstalten. Dennoch dürfte der „Arbeitersender“, die Zeitschrift des FRBD nicht ernsthaft damit gerechnet haben, dass der folgende im Februar 1932 abgedruckte „Programmvorschlag“ für den 1. Mai Berücksichtigung durch  die Deutsche Welle finden würde:

Zitat:
7 Uhr Morgenmusik des proletarischen Blasorchesters Leipzig.
8 Uhr Bekanntgabe der Stellplätze für die Demonstrationsteilnehmer.
8.30 Uhr Verlesung des kommunistischen Manifestes.
9 Uhr Vortrag: Körperkultur und Lebensreform im Arbeiterstaat.
9.45 Uhr Vortrag: Esperanto im Dienste des internationalen Proletariats.
10.30 Uhr Demonstrationsübertragung und Reportage.
11.30 Uhr Ansprachen von den Sammelplätzen der Demonstrationen.
12.15 Uhr Mittagskonzert des Roten Orchesters erwerbsloser Berufsmusiker.
14.15 Uhr Vortrag: Die sozialistische Planwirtschaft.
15 Uhr Konzert des Mandolinisten-Orchesters „Frei Klang“.
15.45 Uhr Übertragung der Maifeier der Moskauer Arbeiterschaft.
16.30 Uhr Vortrag: Lenins Leben.
17 Uhr Massenchorkonzert der Volkschöre „Freiheit“ und „Rote Lyra“.
18 Uhr Gedenkrede: Der 1. Mai — der Weltfeiertag des Proletariats.
18.45 Uhr Zwiegespräch über die Bedeutung des 1. Mai zwischen einem
alten und einem jungen Arbeiter.
19.15 Uhr Proletarische Bücherschau.
20 Uhr Proletarisches Kabarett.
22 Uhr Übertragung der internationalen Sendungen des Moskauer Gewerkschaftssenders.
22.30 Uhr Proletarische Berichterstattung.

Der Freie Radiobund entwickelte in der kurzen Zeit seines Bestehens interessante Praxis-Formen. Die Idee des Zahlstreiks wurde nochmals aufgegriffen. Die Aktion richtete sich gegen den zunehmenden Einfluss der NSDAP auf den Rundfunk. „Rote Radisten“, Techniker der Arbeiterradiobewegung, bauten Verstärkeranlagen für Lautsprecherwagen. Die fuhren durch Berlin, übertrugen Agitation und spielten verbotene Lieder. Sogenannte „Abhörgemeinschaften“ wurden organisiert, in denen die politische Berichterstattung diskutiert und kritisiert werden sollten. Der „Arbeitersender“ druckte Anleitungen, ab, wie der Empfang verstärkt werden konnte, um Radio Moskau empfangen zu können.

1933 wurden beide Organisationen, der Arbeiterradiobund und der Freie Radiobund von den Nationalsozialisten verboten. Der Rundfunk wurde zum Propagandainstrument der Nazis umfunktioniert. Nicht einmal eine Dekade hatte die Arbeiterradiobewegung Zeit gehabt, um konkrete Alternativen in Sachen Rundfunk zu entwickeln.

Zu einem ernst zu nehmenden Kampf um das Medium war es nie gekommen. Der Grund, so Klaus-Michael Klingsporn: Die Analyse  der Weimarer Rundfunk-Organisation durch die Arbeiter-Radio-Bewegung habe viel zu kurz gegriffen. Während die KPD-nahen Radiofreunde die Veränderung auf nach der Revolution vertagten, wollte der SPD-Flügel einfach nur selbst in die Überwachungs- und Kontrollgremien. Das wesentliche Merkmal des Rundfunks aber war sein staatsnaher-regierungskontrollierter Charakter.  Und den habe die Arbeiter-Radio-Bewegung schlicht nicht ins Feuer ihrer Kritik genommen.

O-Ton Michael Klingsporn: "Das Problem: dass man die Struktur, die der Weimarer Rundfunk hatte, bei beiden Gruppen überhaupt nicht erkannt hat. Und diese  Regierungskontrolle, die letztlich von vornherein jede Arbeit ausschließt, die in irgendeiner Form wirklich programmverändernd  ist, haben sie bis zum Schluss nicht erkannt. Und das, was dann im Faschismus mit einem Handstreich gemacht werden konnte, indem man einfach in diesen Gesellschaften nur den Vorsitzenden austauscht und damit das Programm gleichgeschaltet hat, haben sie überhaupt nicht gesehen.    

Letztendlich haben sie gar keine Reform der Struktur angestrebt, sondern wollten einfach nur teilhaben an diesen Kontrollmechanismen. Also auch Vertreter in den Beiräten haben, aber eben nichts an den Strukturen ändern.

Das ist die grösste Kritik die man haben kann, denn sie haben einfach nicht begriffen was sie vor sich haben. Da sind sie allerdings nicht die einzigen gewesen."  

 


Die „Heinze-Frauen“ - Ein erfolgreicher Kampf um gleichen Lohn

Gelsenkirchen, 1979: In einer Dunkelkammer entsteht der Plan der Arbeiterinnen beim Fotolabor-Betrieb Heinze sich gegen Lohndiskriminierung zur Wehr zu setzen und gleichen Lohn für Männer und Frauen durchzusetzen. Mehr als zwei Jahre währte ihr Kampf, der bundesweit Aufmerksamkeit erregte und eine Welle der Solidarität auslöste.

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"Keiner schiebt uns weg". Dieses Lied, das die "Heinze-Frauen" sangen und dem immer neue Strophen hinzugefügt wurden, wurde in der ganzen Republik zur Hymne eines Kampfes für Gleichheit zwischen Frauen und Männern.

Der Fotolabor-Betrieb Heinze zahlte Männern 1,50 DM mehr Lohn. Damit verstieß er zwar gegen den geltenden Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", doch es bedurfte eines zweijährigen Kampfes der Arbeiterinnen bei Heinze, bis die Lohndiskriminierung beseitigt war.

Mit einem Blick zurück auf die Geschichte von Frauenarbeit und ihre gesellschaftliche Beurteilung gehen wir diesen Auseinandersetzungen der Heinze-Frauen nach.

Quellen

  • Das Interview: Gisela Kessler im Gespräch mit Gerd Mangelsdorf
    Leitung: Thomas Grimm, Produktion: 2001. Der Film erschien bei „Zeitzeugen TV. Film- und Fernsehproduktion GmbH“ in Berlin in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
    www.zeitzeugen-tv.de/
  • Die Schallplatte mit Buch: „Wir wollen gleiche Löhne – Keiner schiebt uns weg“
    Der Kampf der Kolleginnen bei der Firma Heinze, hrsg. von der Industriegewerkschaft Druck und Papier (IGDruPa), 1981.
  • Der Film: Pierburg – Ihr Kampf ist unser Kampf von Edith Schmidt und David Wittenberg, 1974/75
    de.labournet.tv
  • Das Buch mit DVD: Wilder Streik – das ist Revolution
    hrsg. v. Dieter Braeg, Die Buchmacherei 2012
    diebuchmacherei.de
  • LabourNet Germany, Treffpunkt der gewerkschaftlichen Linken mit und ohne Job
    www.labournet.de
  • Die CD: „... weil auch du ein Arbeiter bist“ Revolutions-, Frauen & ArbeiterInnenlieder
    von Angelika Sacher und Klaus Bergmaier erschien 2006
    www.arbeiterinnenlieder.at.tt

Danksagung

Sprecherin: Martina Fries

Sounds: The Runner (David Szesztay), Strum (Capture My Heart) (Phish Funk)


1795 bis 1847: Auf Krawall gebürstet

1795 bis 1847: Krawall, Hungerrevolte, Streik, Prekarität, Frauenmilitanz, Pöbel auf den Straßen, die Junirevolution, Facebook im Vormärz. 2017: Unruhen in Hamburg, Tumult beim Abschiebeversuch an der Berufsschule. Spazierengehen, Kaffeetrinken und plaudern mit der Zwischenfälle-Crew.

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1830 hängen in Nürnberg immer wieder Zettel an der Stadtmauer. Es wird zum Aufruhr aufgerufen. Mit "Mord und Brandt" wird gedroht, sollten Gewalt und Zwang nicht enden. 200 seien schon bewaffnet, heißt es. Die aufrührerischen Anschläge sind Ausgangspunkt für Nadja Bennewitz, Michael und Tim Liebler sich auf die Spurensuche zu machen.

Was waren die Hintergründe für zahlreiche Unruhen in der Zeit des Vormärz? Gab es wirklich eine "Eyerkuchenrevolution" in Nürnberg? Welche Rolle spielten Frauen bei "militanten Aktionen"? Und was ist von Berufsschülern zu halten, die mit Gewalt eine Abschiebung verhindern wollen?

Herzlich willkommen zum Gespräch über diese Fragen und zum Ausflug in die Nürnberger Altstadt.

Quellen

  • Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Nürnberg,. Bd. 14 Band I/II: 1830-1890, bearb. von Udo Winkel, 2001
  • Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland - Von den Anfängen bis 1914 (Ralf Hoffrogge)
  • Maschinensturm in Eupen: http://www.grenzgeschichte.eu/

Danksagung

SprecherInnen: Ingrid Artus, Ute Heine
Sounds: The Runner (David Szesztay), Backyard (David Szesztay)


Hannah Höch, die Grand Dame des DADA

Sie war eine der interessantesten Künstlerinnen der klassischen Moderne: Die Malerin, Fotomonteurin und Collagistin Hannah Höch.

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Dass nicht erst die 1920er Jahre "wild" waren, das weiß, wer sich schon mal mit Dadaismus beschäftigt hat, einer rebellischen Kunstform, die mitten im Ersten Weltkrieg entstand und sich nicht nur gegen den Krieg, sondern gegen die bürgerliche Gesellschaft als solche richete. Unter anderem um Dada geht es in unseren heutigen Zwischenfällen. Vor allem aber geht es um Hannah Höch, die einzige Frau in den Anfängen der Berliner Dadaistenszene.

Sie war Teil der antibürgerlichen Dada-Bewegung, die im Ersten Weltkrieg hervortrat und die sich als Anti-Kunst verstand. Obwohl sich Hannah Höch künstlerisch ständig weiter entwickelte, hielt sie zeitlebens fest an dem ursprünglichen Dada-Konzept des Anti-Stils.

Danksagung

  • Wir danken Bernd Baader, dem Neffen von „Oberdada“ Hannes Baader, der uns das Interview zur Verfügung stellte, das er 1977 mit Hannah Höch führte.
  • Die Aufnahmen im Germanischen Nationalmuseum entstanden anlässlich einer Führung zu Hannah Höch Mitte Dezember 2017. Danke an die beteiligten Diskutantinnen!
  • Sprecherinnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Steffi Weigel, Beate Bennewitz und Ingrid Artus
  • Mit Musik von Forty One, Lobo Loco und David Szesztay

Weitere Informationen:

  • Bernd Baader, (geb. 1937), Studium Grafik-Design und Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart; fast vier Jahrzehnte tätig als Grafiker beim SWR; Dada-Forscher; Maler; seit 1982 über 40 Ausstellungen: berndbaader.gallery
  • Das vollständige Interview von Bernd Baader mit Hannah Höch ist unter dem Titel „Bernd Baader bei Hannah Höch, Berlin-Heiligensee, 12. August 1977“ abrufbar auf Bayern 2

So, jetzt bin ich da - der Widerstand der Kuni Schwab

Die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin Kuni Schwab arbeitete als junge Frau 1933 für die illegale KPD und wurde schließlich verhaftet und verurteilt. Doch auch nach ihrer Freilassung blieb sie weiterhin als Antifaschistin aktiv.

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In der zweite Ausgabe der Serie „Zwischenfälle“, die gegenläufige Erinnerungen wachrufen und Geschichte aus einem ungewohnten Blickwinkel erzählen will, begegnen wir einer Bekannten aus der letzten Folge wieder: Kuni Schwab ist manchen älteren Nürnbergern keine Unbekannte und wird auf Wikipedia mit dem Ausspruch zitiert: „Ich wusste nicht, dass man für ein anständiges Leben einen Preis bekommt“. Mit diesem Satz kommentierte sie 1994 einen Preis, den sie „für herausragendes Engagement zur Wahrung menschenwürdiger Lebensumstände“ erhielt.

Was die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin riskierte, um ein „anständiges Leben“ zu führen, darum geht es im Beitrag  – und im O-Ton von Kuni Schwab selbst.

Quellen

Interview von Philipp Engel

Danksagung

Musik von David Szesztay, Ondrosik, Art of Escapism, FAFOOT, Gostenhofer Frauenchor.
SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Ute Heine, Philip Manthey, Ingrid Artus, Coco
 


Die Höhlendruckerei

1933 übernehmen Ludwig Göhring, Kuni Schumann-Schwab und Hannes Pickel die Aufgabe, im Raum Nürnberg für die illegale KPD eine Zeitung zu produzieren. Eine Höhle in der fränkischen Schweiz wird für kurze Zeit zur "Untergrund"-Druckerei. Dann holt der Terror der Nazis die jungen Leute ein.

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Quellen

  • "Der Höhlendrucker" - politische Lebenserinnerungen,  Ludwig Göhring
  • Das andere Nürnberg, Hermann Schirmer
  • Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Nürnberg 1933 - 1945, Helmut Beer
  • Dokument 923-D aus dem Nürnberger Kriegsverbrecherkongress vom 14 November 1945 bis 1. Oktober 1946
  • Film: "Standhalten und EIngreifen",  Ludwig Mertel

u.a.

Danksagung

Script

Atmo: Schritte im Wald, knackende Äste …

Zusammen mit einem dutzend Menschen haben wir uns heute auf Weg in den Veldensteiner Forst im Osten der Fränkischen Schweiz gemacht. Ca 1 Stunde dauert der Fußmarsch von Neuhaus durch Kiefernwald und karstige Heide vorbei an der Mysteriengrotte und durch den lichteren Mischwald unterhalb des Schelmbachsteins. Unser Ziel ist die wenig bekannte Anton-Völkl-Grotte. Ein kaum begangener schmaler und steiler Pfad führt uns zu einem unscheinbaren Loch im Fels. Ein aus dem Boden ragender Felsbrocken verdeckt die Sicht ins Innere. Dahinter scheint auf den flüchtigen Blick nur ein halber Meter Raum zu sein.

Auf Bitten des Nürnberger Antifaschistischen Aktionsbündnisses hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN diese Exkursion organisiert. Gustl Ballin, VVN-Mitglied und Vorsitzender der nordbayerischen DKP hat uns hierher geführt:

Gustl Ballin: Das ist jetzt keine besonders große Höhle. Es gibt auch keine Tropfsteine. Hier hat ein illegaler junger Erwachsener 1933 im Frühsommer eine illegale Zeitung gedruckt„

Gemeint ist Ludwig Göhring. Der damals 22jährige war Mitglied der KJVD, der Jugendorganisation der KPD gewesen. Nach der Machtübernahme der Nazis mussten sich die Kommunisten in der Illegalität organisieren.

Gustl Ballin: „Januar 33 haben die Faschisten die Macht übernommen. Und dann ging das Schlag auf Schlag. Es gab Razzien. Man hatte Schwarze Listen. Die KPD wurde verboten. Später auch die SPD. Es ging Schlag auf Schlag und schnelle. Von Seiten der der KPD wurde überlegt, wie kann man sich äußern, und so hat man eine Zeitung gemacht mit einer Auflage von 2000.“

Bei einem konspirativen Treffen im Mai 1933 in einem Waldstück bei Nürnberg wird Ludwig beauftragt die Herstellung der Zeitung zu übernehmen: die „Blätter der sozialistischen Freiheitsaktion“ .

Mit im Team sind Kuni Schumann-Schwab und Ludwigs Freund Hannes Pickel.

  • Hannes ist Mechaniker, besorgt für die KPD Deckadressen, Verstecke und Druckmaterialien.
  • Die 22jährige kaufmännische Angestellte Kuni ist als Schreibkraft für Parlamentarier der KPD tätig.
  • Der 22jährige arbeitslose Klempner Ludwig Göhring stammt aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Seit Sommer 1932 ist er in Nürnberg für die KPD und den kommunistischen Jugendverband KJVD aktiv.

Alle drei kennen sich bereits aus der SAJ, der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend. Unter den zugespitzten politischen Verhältnissen hatten sie sich den Kommunisten zugewandt.

Ludwig und Hannes richten für die Herstellung der „sozialistischen Freiheitsaktion“ einen Schuppen in der Nürnberger Gartenstadt ein. Hannes und Kuni übernehmen die redaktionelle Arbeit bei der sie Artikel der Roten Fahne verarbeiten, Göhring zeichnet den Zeitungskopf. Zum Vervielfältigen wird ein Matritzen-Abzugsgerät verwendet. Ludwigs spätere Frau Irma Göhring erinnert sich:

Irma Göhring: „So a Abziehmaschiene Ham sie a ahnung was des is. Des is wie a große Schreibmaschine Da hat mer kurbelt und auf der andern Seite is des Papier rauskommen. … „No hat mer da immer wieder Farbe nachtun müssen damit es auch richtig gedruckt war. „

Vor allem aber macht der Apparat einen Riesenlärm. Man fürchtet die Entdeckung und so sucht man für die 2. Auflage nach einem neuen Ort.

Gustl Ballin: Jemand der nicht namentlich bekannt ist kannte diese Höhle und hat sie den Genossen von der KPD gezeigt. Und weil sie ja so unscheinbar ist hat sie sich gut geeignet. Es wird erst mal sehr eng, kann nicht einfach jemand reinspazieren.“

So eng ist es, dass nicht jeder aus unserer Gruppe durchpasst. Mir selbst wird abgeraten. Mein Kollege Marco Lehner nimmt das Mikrofon mit in die Tiefe.

Marco Lehner: „Ich bin jetzt hier an einem Seil angehangen und schieb mich durch einen mittlerweile nur noch 20 cm langen Gang. Also hier jetzt diesen Schacht runter. Ich brauch ein bisschen mehr Seil. (Steine rieseln) Achtung Steine!!!  Ist euch was passiert.... Also ab.“

Organisierung in der Illegalität

Verbot und Illegalität kommen zwar nicht völlig überraschend für die KPD. Die Partei hatte 1932 auch Maßnahmen eingeleitet, die die Arbeit in der Illegalität ermöglichen sollte.

Das betrifft vor allem die Aufrechterhaltung der Leitungsstruktur und die Weiterverbreitung der Parteizeitungen. So sollen Kuriere den Kontakt zwischen der Bezirksleitung und den Stadtteilleitungen aufrecht erhalten.

Wie lange allerdings der faschistische Terror anhalten und welches Ausmaß er annehmen wird, kann man sich 1933 noch nicht vorstellen.

Gustl Ballin:Die KPD war schon zeitweilig mal verboten und ihre Zeitung verboten. Das war alles gar nicht so tragisch sag ich mal. Man konnte sich praktisch vor 33 so vorstellen den Faschismus im Rückblick wie wir das heute so kennen. Die Leute die dann Antifaschisten waren war gar nicht so einfach sich in Situation hinein zu denken. Deswegen sind ja so viele auch verhaftet worden und sind umgekommen.“

Die Verbreitung von Publikationen aus der Illegalität ist natürlich eine wichtige Aufgabe. Vor dem Reichstagsbrand am 27. Februar 33 und dem folgenden Verbot der KPD gab es in Nürnberg ein knappes Dutzend kommunistische Stadtteilzeitungen mit Namen wie Rotes Sprachrohr oder Sturmfahne. Der „Rote Sandberg“ aus Johannis gehört zu den bedeutendsten. Trotz Verbot kann er – vermutlich noch bis Frühsommer 33 – mit einer Auflage von bis zu 2000 Stück zu einem Preis von 10 Pfennig herausgegeben werden.

Als Ludwig Göhring, Kuni Schumann-Schwab und Hannes Pickel im Juni mit der Herstellung der „Sozialistischen Freiheitsaktion“ beginnen, haben erste Verhaftungswellen im März und April bereits beträchtliche Lücken in die Führungsebene der KPD geschlagen, während der kommunistische Jugendverband in Nürnberg noch relativ intakt ist. Es gibt zu dieser Zeit in Nürnberg wohl etwa 300 kommunistisch organisierte Jugendliche.

Vor diesem Hintergrund wird die bis dahin eigenständig agierende Jugendorganisation stärker in die illegale Parteiarbeit der KPD einbezogen. Aus Berichten der politischen Polizei geht denn auch hervor, dass die Aktivitäten der kommunistischen Jugend seit März zugenommen haben. Man verteilt Flugblätter und Zeitungen, wie den „Roten Jungsturm“, hilft beim Einschmuggeln von politischem Material aus dem Ausland und übernimmt Kurierdienste.

Marco Lehner: „Ich bin jetzt hier im Hauptraum der Höhle, Das ist ein etwa 10 auf 20 Meter großer Raum....“

Nachdem der geeignete Ort gefunden ist, muss die Gruppe möglichst unauffällig das große Matritzenabzugsgerät dort hin schaffen.

Irma Göring erinnert sich:

Irma Göhring: „Erst hat er sichs an'gschaut. Dann sind sie raus mit dem Motorrad...

Auch eine Strickleiter besorgt sich Ludwig Göhring. Gefertigt wird sie von einem Freund der drei, Kunis Schwager Oskar Pflaumer. Oskar fragt nicht groß nach, wofür die Leiter gebraucht wird, stellt sie laut späterem Polizeibericht aus Stahlkabeln und Eisenstäben her. Nachdem Transport und Zusammensetzen des Apparats geglückt sind, macht sich Ludwig noch zweimal auf den Weg zur Anton-Völkl-Grotte. Über Nacht, beim Schein einer Karbidlampe stellt er die zweite Ausgabe der Zeitung her. Diesmal geht noch alles glatt.

Auch eine dritte Ausgabe kann er in einer Augustnacht in mühevoller Arbeit vervielfältigen. Doch am Morgen, zurück in Nürnberg, scheitert dann der Versuch der Übergabe des fertigen Materials zur Weiterverteilung am Nürnberger Ostbahnhof.

Gustl Ballin: „Dann kam der Zeitpunkt, dass man sich auf diese illegale Tätigkeit noch nicht eingestellt hat. Es gibt 2 Minuten Karenzzeit wenn jemand nicht kommt. ...„

Ludwig wird in die Folterkeller der SA verschleppt. Erst ins Nebenzimmer eines Wirtshauses, dann ins SA-Hauptquartier, danach in die SA-Wache in der Fürther Straße und dann in die Samariter-Wache am Kornmarkt. Er wird bis zur Bewußtlosigkeit geprügelt. Schließlich gibt er den Standort der Höhle preis.

Die Methoden der SA sind bestialisch. Man schlägt den Gefangenen wie in der orientalischen Bastonade die Fußsohlen blutig, man pumpt ihnen den Magen auf, man hängt sie kopfüber an der sogenannten Schaukel auf, wo sie in entwürdigender Haltung geprügelt werden.

Jahrzehnte später wird Ludwig sich erinnern:

O-Ton Ludwig Göhring: Auf einer Stahltragbare war ich festgebunden mit dem Rücken nach oben. Über mir saß erhöht auf einem Stuhl der Vernehmungsführer: Er kommandierte nur: 20 weil er lügt. Ein anderer stellte die Fragen: Wer war dein Auftraggeber. Wer hat das Papier. Wo wurde gedruckt. So ging es 1,1/2 Stunden. Auf dem Boden neben der Tragbahre konnte man Blutspuren sehen. Sie beendeten dann nachdem ich den Standort der Höhle genannt hatte.“

Auch in einem Untersuchungsbericht vom Dezember 1933 ist zu lesen:

Zitat: „G. (Göhring) wurde dann auf eine bereitstehende Tragbahre gebunden und von zwei SA-Leuten mit einer Ochsensehne und einem Gummiknüttel auf Gesäß und Fußsohlen geschlagen. Dann wurde er auf den Abort gefiihrt. Nach 10 Minuten wurde er wieder geholt und mußte durch ein Schlüsselloch in den Raum sehen, in dem er vorher vernommen worden war.“

Dort sieht er seinen Freund Oskar Pflaumer beim Verhör. Zwei Tage nach seiner eigenen Verhaftung war dieser im Rahmen einer Großrazzia des Nürnberger Gestapochefs Otto festgenommen worden Nun wirft man ihm die Herstellung der Leiter vor. Auch Oskar Pflaumer wird bestialisch gefoltert. Die Folter überlebt er nicht. Er stirbt an den Folgen seiner Verletzungen. Haupttäter sind die SA-Männer Eugen Korn und Hans Stark.

Der Mord an Oskar Pflaumer kann nicht völlig unter den Tisch gekehrt werden. Auf den Druck der Verwandten kommt es zu einer Untersuchung:

Zitat: „Die am 18. August 1933 vorgenommene gerichtliche Leichenöffnung hat ergeben, daß an der Leiche die Haut des Gesäßes und der Oberschenkel in Form des Reithoseneinsatzes tief blaurot verfärbt war. Die Haut der Fußsohlen war von dem massenhaft darunter angesammelten Blut vorgewölbt, sodaß sich beim Einschneiden nach Ablaufen des Blutes fast faustgroße Taschen ergaben. Der Landgerichtsarzt hat noch berichtet, daß nach seinem Befund Pflaumer in grausamster, qualvoller Weise mit stumpfen Gegenständen zu Tode gepriigelt worden sei.„

Doch die SA-Führung und willfährige Stellen in Justiz und Polizei verhindern die Verurteilung der Mörder. Obwohl schwerlich Zweifel an der Täterschaft von Korn und Stark bestehen können, wird das Verfahren gegen sie niedergeschlagen, mit der Begründung:

Zitat: „...würde das Ansehen der SA, der Partei, der Polizei und des nationalsozialistischen Staates überhaupt in schwerster Weise geschädigt und erschüttert. Noch größer aber wäre der Schaden für das Deutsche Reich, der dadurch entstehen wurde, dass - wie bestimmt anzunehmen ist – das Ausland von den Vorgängen Kenntnis erhielte.“

Epilog

Im November 34 wird Göhring mit anderen Kommunisten in München wegen Hochverrats zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Haftstrafen reichen jedoch den Nazis nicht aus. Nach der Haft kommt er wie viele andere zunächst ins KZ Dachau, nach einem Zwischenaufenthalt im KZ Flossenbürg zum brutalen Arbeitseinsatz bei Erdarbeiten und im Steinbruch wieder zurück nach Dachau. Weil er sich an einer Solidaritätsaktion beteiligt, wird er ausgepeitscht und zu einem Jahr Strafkolonie verurteilt. 1944 wird er ins KZ Neuengamme verlegt und dort zur berüchtigten SS-Sturmbrigade Dirlewanger gepresst, die angesichts hoher Verluste zum Kriegsende hin viele KZ-Häftlinge rekrutiert. An der Front desertieren Hunderte von ihnen zur Roten Armee, unter ihnen auch Ludwig Göhring.

Nach der Machtergreifung der Nazis gelingt es der Nürnberger KPD nur ein einziges Jahr lang in der Illegalität organisiert zu überleben. Immer stärker werden die Aktiven von immer neuen Verhaftungswellen dezimiert. Nachdem Ende Januar die 3. Bezirksleitung zerschlagen wird, ist eine Organisierung im echten Sinne nicht mehr möglich. In München werden im Juni 1934 gegen 29 Angeklagte 12 ½ Jahre Zuchthaus und 25 Jahre Gefängnis verhängt. Für die Verurteilten ist nach der Haft meist der Leidensweg nicht zu Ende. Sie werden in KZ‘s verschleppt, wo viele von ihnen ermordet werden.

Etwas länger kann die Rote Hilfe standhalten, in der auch Nicht-Kommunisten aktiv sind. Doch obwohl die Organisationen zerschlagen sind - ZeitzeugInnen und zahlreiche Gerichtsakten belegen: Bis zum Kriegsende leisten Nürnberger Kommunisten, Sozialdemokraten und Antifaschisten als Einzelpersonen und in Gruppen auf vielfältige Weise Widerstand.

Marco Lehner: „All right ich bin unten. …. „

Teilnehmer: Ich bin heute hier weil mich das interessiert, weil ich glaube Illegalität ist schon eine schwierige Sache....“

  • Hannes Pickel gelingt als einzigem des Höhlendruckerteams die Flucht. Er taucht wohl zunächst in Nürnberg unter, lebt dann in Berlin steckbrieflich gesucht 1 Jahr lang in der Illegalität und gelangt schließlich ins Exil im Ausland.
  • Kuni Schumann-Schwab wird am 21. August 1933 mit anderen GenossInnen verhaftet, wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilt und sitzt bis August 1934 im Gefängnis Aichach ein. Monate lang muss sie in Einzelhaft verbringen. Nach dem Krieg wird sie Vizepräsidentin der Verfassungsgebenden Landesversammlung und ist bis zum neuerlichen KPD-Verbot 1956 Stadträtin in Nürnberg.
  • Ludwig Göhring kann 1945 nach Nürnberg zurückkehren. Nach 12 Jahren Gefängnis und KZ. Er wird Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des NS-Regimes. Ludwig Göhring stirbt im Sommer 1999.