Der Streik der Glasperlenzieherinnen von Venedig

Das Glasperlenziehen gehörte noch Anfang des 20. Jahrhunderts zum Stadtbild Venedigs. Frauen saßen auf den Gassen mit Körben voller Perlen, die sie auf Fäden aufzogen. Die "Zwischenfälle" berichten über das harte Leben und den Kampf der ArbeiterInnen in Venedig.

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"Die meisten Frauen bringen es für den Tag kaum auf einen halben Papierfranken, und die kirchlichen Fastengesetze sind ihnen gegenüber leider völlig überflüssig. Selbst die Polenta, jenes frugale italienische Nationalgericht, ist für sie nur ein Sonntagsmahl; in der Woche hat ihnen der Himmel den Tisch nur mit Feldrüben gedeckt, wie man sie in den Gassen Venedigs auf offenem Herd zu ganzen Bergen kochen und an Ort und Stelle verzehren sieht.

Und doch bereiten diese Leutchen der Welt so vieles Vergnügen! – Aber ein altdeutsches Volkswort sagt schon:

'Dem Einen die Mühe, Dem Andern die Brühe!'"

So berichtete Theodor Gampel 1880 über die Produktion von Glasperlen in Venedig. 1904 platzte den venezianischen Glasperlenzieherinnen schließlich der Kragen. Es kam zum Streik.
 

Quellen

  • Das Interview mit Maria Teresa Sega führte die Filmemacherin Annette von Zitzewitz für ihren Film „Venezia - una donna“ (dt. Titel: Venedig, eine Frauengeschichte), 2008.
    Link: www.trustnelnomedelladonna.org
  • Die Historikerin Maria Teresa Sega ist Präsidentin von „REsistenze“, einer Assoziation, die die Zielsetzung verfolgt, die Geschichte von Frauen des Veneto zu erforschen und zu bewahren, im besonderen soziale Bewegungen und Formen des zivilen Widerstands.
    Link:www.resistenzeveneto.it
  • Das Lied "Semo Tute Impiraresse“ über die Perlelnzieherinnen und ihren Protest ist von Luisa Ronchini (1933-2001) und Emanuela Magro der Platte "La donna nella tradizione popolare“ von 1978 entnommen.
    Link: www.antiwarsongs.org
  • Das Lied „La Lega - Sebben che siamo donne“ ist ein sozialistisches Volkslied, gesungen vorrangig von den Reisarbeiterinnen, entstanden zwischen 1890 und 1914, Text und Musik sind anonym überliefert.
    Link: www.antiwarsongs.org
  • Die Fotos sind dem Band entnommen:
    Perle e impiraperle. Un lavoro di donne a Venezia tra 800 e 900. Arsenale Editrice 1990

Danksagung

SprecherInnen:
Hilal Babus, Barkin Glaßner, Vivienne Wendler  


Carlo Abbamagal - ein Afrikaner in der italienischen Resistenza

Carlo Abbamagal beteiligte sich neben anderen Äthiopiern am Kampf gegen den Faschismus in der italienischen Resistenza. Die Zwischenfälle zeichnen seine Geschichte nach.

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Die italienische Resistenza war vielfältig. Es kämpften dort Frauen und Männer verschiedenster Schichten, aber auch unterschiedlicher Herkunft. Wenig bekannt ist, dass sich den Partisanen auch Menschen aus Afrika angeschlossen haben. In unserem Beitrag aus der historischen Reihe „Zwischenfälle“ wird heute die Geschichte einer Gruppe nach Italien verschleppter Äthiopier erzählt, die sich befreien konnten und sich einem Partisanen-Bataillon in den Marken anschlossen. Einer von ihnen: Carlo Abbamagal. Er schloss sich der Banda Roti an, eine der ersten Partisanen-Formationen Italiens, die an den Hängen des Monte San Vicino, in der Provinz Macerata gegen die Faschisten kämpften.

Quellen

Danksagung

SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Martina Fries, Ingrid Artus, Philip Cichon u.a,

Musik von: David Szesztay, Art Of Escapism, Ask Again, David Hilowitz, Doctor Turtle, Jahzzar


Renitente Nonnen des Mittelalters

An der Schwelle vom 15. zum 16. Jahrhundert legen Nonnen unerwartete Renitenz an den Tag: Eine Reform und strenge Klausurvorschriften wollen sie sich nicht gefallen lassen! Es kommt gar zu Handgreiflichkeiten.

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Zwar innerhalb kirchlicher Hierarchien stellten im Mittelalter die Frauenklöster eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen - in der Regel aus den höheren Schichten - dar, sich selbst zu verwalten und Bildung zu erlangen. Die Geschichte des Dominikanerinnenklosters St. Katharina in Nürnberg zeigt, dass sich Nonnen durchaus zu Wehr setzten gegen Disziplinierungsversuche - manchmal mit Erfolg.

Danksagung

  • Wir danken Frau Dr. Christine Sauer, Leiterin der Historisch-Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in Nürnberg, für das Gespräch, das am 29.08.18 geführt wurde.
  • Die Musik mit Gesang ist der CD von Ulrike Bergmann entnommen: „Pater, vide, vulnera mea Hildegard von Bingen (1098 - 1179)“ von Ulrike Bergmann (Gesang und Bass-Drehleier).Wir danken für die freundliche Überlassung! Historische Musik aus acht Jahrhunderten: http://www.ulrikebergmann.de/
  • Sprecher_innen: Susanne Breithaupt, Tim Liebler
  • Weitere Musik von: David Szesztay, James Kibbie, The Tudor Consort, Me afeite la barba en los ochenta

"Ins Räderwerk des Nationalsozialismus geraten"

Zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Eva Rössner 7 Jahre alt. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens.

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Eva Rössner, geb. 1926, stammte aus einer Arbeiterfamilie und wuchs in der Nürnberger Südstadt auf. Ihre Eltern waren kommunistische Oppositionelle. Der Vater Walter Jakob, zudem jüdischer Herkunft, stand sofort im Fokus der nationalsozialistischen Verfolgung und musste ins Exil. Ihre Mutter Margarethe wurde daraufhin verhaftet und kam als Geisel „für den Juden Jakob“ in Schutzhaft ins Frauengefängnis Aichach. Eva wuchs mit ihrem jüngeren Bruder als „Halbjüdin“ bei den Großeltern mütterlicherseits auf. Hausdurchsuchungen, Überwachung, Zwangsscheidung der Eltern und Deportation der Verwandten prägten den Alltag des Mädchens.

Danksagung

  • Sprecherin: Michaela Baetz
  • Musik: a.s.h.r.
  • Der Beitrag ist der CD „Alltag, Verfolgung und Widerstand. Nürnbergerinnen im Nationalsozialismus“ entnommen, einem Projekt von Forum Frauengeschichte.

Aufstand im Wackerland

Den Bau der WAA Wackersdorf wollte der Staat in den 1980er Jahren mit aller Macht durchdrücken. Doch die Atommüllfabrik scheiterte am massiven Widerstand der Oberpfälzer Bevölkerung und der Solidarität einer bundesweiten Anti-Atom-Bewegung.

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Gegen den Plan eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage im Kreis Lüchow-Dannenberg zu errichten, kommt es zu unerwartet heftigem Widerstand der Bevölkerung. 1980/81 verdichten sich dann die Gerüchte, dass die Oberpfalz als neuer Standort vorgesehen ist. Franz-Josef Strauß verspricht der Atomindustrie das blaue vom Himmel herunter, um die WAA nach Bayern zu holen. Den OberpfälzerInnen werden Arbeitsplätze versprochen und man rechnet nicht mit erheblichem Gegenwind. Doch schon bald entstehen zahlreiche Bürgerinitiativen, AktivistInnen der Anti-AKW-Bewegung und der Autonomen beteiligen sich an den Protesten und als 1985 die Rodung des Taxölderner Forsts bei Wackersdorf beginnt, wo die Atommüllfabrik errichtet werden soll, wird der Bauplatz besetzt.

Die Beteiligten der Kämpfe um die WAA kommen in unserem Feature zu Wort.

 

Danksagung

  • Wir danken der Medienwerkstatt Franken, die uns O-Töne aus ihrem Film „18 Tage freies Wackerland“ zu Verfügung gestellt hat.
  • SprecherInnen: Tobias Brunner und Martina Fries
  • Mit Sounds von Jason Shaw, Josh Woodward, Visager und David Szesztay

Konsequent, politisch, sozial: Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky

Margarete Schütte-Lihotzky war die erste weibliche Architektin Österreichs. Ihr Schaffen war von sozialen Gesichtspunkten geprägt, sie forderte ein "Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle" und schloss sich dem kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus an.

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Margarete Schütte-Lihotzky wurde 1897 geboren und erwarb als erste Frau Österreich ein Diplom als Architektin. Bereits als Studentin erhielt sie einen Preis für den Entwurf einer ArbeiterInnenwohnung. Für ihre Arbeit hatte sie sich die elenden  Wohn-Verhältnisse der Wiener ArbeiterInnenklasse mit eigenen Augen angesehen. Dies prägte nachhaltig den sozialen Blick, den ihr Lebenswerk kennzeichnet.

So forderte sie ein "Grundrecht auf menschenwürdiges Wohnen für alle". In ihren Arbeiten war sie Pragmatikerin. Eine Ästhetisierung der Armut lehnte sie ab und orientierte sich vielmehr an den praktischen Bedürfnissen derjenigen, für die sie ihre Tätigkeit als Architektin ausübte.

Sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus anzuschließen galt ihr 1940 als Selbstverständlichkeit. Sie hätte es beinahe - wie andere aus ihrer kommunistischen Zelle - mit dem Leben bezahlt und entkam dem Todesurteil nur durch einen Trick.

Wegen ihrer Mitgliedschaft in der KPÖ erhielt sie - trotz internationaler Anerkennung - kaum öffentliche Aufträge. Erst in den 1970er Jahren erhielt sie auch in ihrem Heimatland die ihr zukommende Aufmerksamkeit für ein bemerkenswertes Lebenswerk.

Danksagung


Suffragetten und berufslose Agitatorinnen? Kampf ums Frauenstimmrecht!

Über den langen und harten Kampf für das Stimmrecht für Frauen. Von der "Erklärung der Rechte der Frauen und Bürgerinnen" durch Olympe de Gouges bis zur Durchsetzung des Wahlrechts für Frauen durch die Revolution 1918

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"Suffragetten", "berufslose Agitatorinnen", "hysterische Weiber, die an die Kette gelegt werden sollten". Das sind nur einige der Bezeichnungen für die Frauen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert gegen alle Verbote und gesetzlichen Maßnahmen organisierten und für ihre Rechte eintraten. Wir zeichnen diesen Kampf in den Zwischenfällen nach und lassen die Akteurinnen zu Wort kommen.

Danksagung

SprecherInnen: Jutta Klawuhn, Juliane Schröter, Martina Fries, Ingrid Artus, Tim Liebler


Rote Radisten – Die Arbeiterradiobewegung der Weimarer Republik

Eigene Radiosender oder wenigstens die Beteiligung am Rundfunkprogramm forderte die Arbeiterradiobewegung der 1920er Jahre. Doch bei der Geburt des staatlich kontrollierten Weimarer Rundfunks hatte die Angst vor den revolutionären Massen Pate gestanden.

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Das neue Medium Rundfunk begeisterte die Menschen Mitte der 20er Jahre. Sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter schlossen sich im Arbeiter-Radio-Klub Deutschland zusammen, bastelten sich selbst Empfänger, weil sich ArbeiterInnen die teuren Geräte nicht leisten konnten, und stellten politische Forderungen.

Doch Reichspost und Innenministerium sorgten für strenge Kontrolle und Zensur und schlossen vor allem Kommunisten konsequent vom Rundfunk aus. Die Arbeiterradiobewegung entwickelte eine lebendige Kultur der Kritik, bis die Nationalsozialisten den Rundfunk mühelos und im Handstreich zu ihrem eigenen Propagandainstrument umfunktionierten.

Quellen

Danksagung

  • SprecherInnen: Martina Fries, Alexandra Sommer
  • Interviews: Gerd Walther, Klaus-Michael Klingsporn
  • Musik: The Runner (David Szesztay), Kvaleoun

Script

Heute: Rote Radisten – Über die Arbeiterradiobewegung der Weimarer Republik

O-Ton Gerd Walther: „Es ist ein sehr schönes Kästchen, das seine Innereien versteckt, und durch eine Klappe lässt es sich öffnen, hat eine Metallverzierung. Das heißt für den, der es gebastelt hat, war das ein hoher Wert“

Ein Detektorgerät, mit viel Liebe selbstgebaut von einem Mitglied der Arbeiterradiobund-Ortsgruppe Fürth. Heute steht es, sorgfältig wieder hergerichtet, im Fürther Rundfunkmuseum. Sendungen hören konnte man damit nur in der Nähe einer Sendestation und von heutigen Hifi-Ansprüchen waren die Töne aus dem kleinen Kasten natürlich weit entfernt. Trotzdem, so betont der Historiker Gerd Walther, der uns 2011 als Museumsleiter durch die Ausstellung führte, gings beim Basteln nicht nur um den Spaß, sondern auch darum den ArbeiterInnen das Radiohören zu ermöglichen:

O-Ton Gerd Walther: „Ein komplettes Radio 1924/25 lag so zwischen 400-600 Reichsmark, ein Facharbeiterlohn bei 180-200 Mark, das heißt für einen Arbeiter  war es unerschwinglich“

Dass es sich bei der Radiobastelei nicht nur um eine Randerscheinung handelte belegen auch Erhebungen der Reichspost. Danach waren im Jahr 1925 von einer Millionen angemeldeter Rundfunkempfänger die Hälfte selbst gebaut.

So erinnerte sich auch Karl Schönfelder, der in den 20er Jahren in der Arbeiterradiobewegung Österreichs aktiv war:

O-Ton Schönfelder: „Normalerweise war es natürlich so dass die Leute, der Arbeiter, die Angestellten, ein Interesse gehabt haben für das neue Medium. Nur ham die natürlich kein Geld gehabt sich irgend einen Apparat. Jetzt ham wir begonnen  natürlich mit den einfachsten Sachen: Detektorapparat, eine Walzenspule, dann sind wir hergegangen haben wir (unverständlich ) ... und Detektorapparat und haben angefangt zum Basteln“                

Das Basteln und zunächst sogar das Hören waren freilich fast ausschließlich Männerdomäne. Angela Dinghaus zitiert und analysiert 2002 zeitgenössische Veröffentlichungen in ihrer Doktorarbeit „Frauenfunk und Jungmädchenstunde“ - nicht ohne eine gehörige Portion Ironie:

Zitat: Experimente wurden nicht nur "im stillen Kämmerlein des Bastlers" betrieben, das technische "Ungetüm" okkupierte den Arbeitsplatz der Frau und störte mit einem "Durcheinander von Drähten und Leitungen" die häusliche Routine. "Akkumulatoren, mit beißender Säure gefüllt", verunstalteten das Mobiliar und Interieur; die giftigen Ingredienzien bildeten sogar eine neue Gefahrenquelle im Haushalt. Männliche Radiomanien und männlicher Bastelwahn taten ein Übriges, das Ehe- und Familienleben zu beeinträchtigen. Auch das Hören, in der Frühzeit des Rundfunks wohl mehr eine exklusive technische Spielerei mit Kopfhörern, scheint zunächst funkbegeisterten Männern vorbehalten gewesen zu sein.

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Bis zur Räterevolution nach dem 1. Weltkrieg wurde die Rundfunktechnik vorwiegend vom Militär genutzt. Hans Bredow, der spätere „Rundfunk-Kommissar“ des deutschen Reiches, hatte zwar 1917 schon mal Musik an die Front gesendet, um einen Röhrensender zu erproben. Sieht man von diesem Test ab, kann der berühmte Rundspruch revolutionärer Arbeiter und Soldaten „An Alle“  vom November 1918 als erste „echte“ Rundfunksendung in Deutschland betrachtet werden . „Alle“ waren zu diesem Zeitpunkt nur diejenigen die ein Funkgerät besaßen und es bedienen konnten.  Wenige waren das trotzdem nicht.

O-Ton Gerd Walther: „Man muß ja bedenken es hat sehr viele Leute gegeben, die mit dem Funk vertraut waren. Im ersten Weltkrieg hat Funk eine sehr große Rolle gespielt und diese Funker waren die erste Massenbasis von Radiohörern“  

Knapp 200 000 an Funkgeräten ausgebildete Soldaten waren aus dem Krieg heimgekehrt.  Nur vier Wochen lang waren die im Reich verstreuten Funkstationen in der Hand der Revolutionäre. Doch das mag prägend gewesen sein für das hohe Kontrollbedürfnis, das in Deutschland beim Aufbau des Rundfunks ab 1922 bestand:

O-Ton Gerd Walther: „Es hat ja verschiedene Strömungen gegeben, zum einen gab es eine Revolution nach dem verlorenen Krieg, das heißt die Obrigkeit war gegenüber dem Funkwesen sehr skeptisch“.

Eine Forschungsmeinung geht davon aus, die Angst vor der Masse habe mit Pate gestanden bei der Gründung des Rundfunks in Deutschland. Hans Bredow, der von der Reichsregierung damit beauftragt wurde, nannte seine Rundfunkgesellschaft 1922 „Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung“. Der Name war Programm. Zu hören waren vorwiegend Konzerte, Politik kam zunächst nicht vor: Ausgewogen und neutral sollte alles nach außen sein – und die Reichspost kontrollierte, wer senden durfte und wer nicht.

Der Berliner Börsen-Courier erklärte im Oktober 1923 seinen Lesern, warum dies so sein musste  und nicht anders sein durfte:

Zitat: „Durch die behördliche Überwachung soll den Radioamateuren das Handwerk gelegt werden. Durch den militärischen Zusammenbruch und die in seinem Gefolge auftretenden Plünderungen von Heereseigentum im Jahre 1918 sind viele unbefugterweise in den Besitz von Rundfunkgerät gekommen. Wenn die Postbehörde jetzt nicht jede Aufstellung derartiger Geräte von der Einholung einer staatlichen Genehmigung abhängig machen würde, dann würde nachträglich der Diebstahl von Staatseigentum gewissermaßen sanktioniert werden“

Wohlgemerkt sollte auch das Empfangen reglementiert werden, wenn auch das – in Herrschaftssprache „geplünderte Heereseigentum“ - senden und empfangen konnte. Weil -O-Ton - die Schaffung eines Nachrichtennetzes durch staatsumstürzlerische Kreise befürchtet werde, wurden 1924 zeitweise die Bestimmungen verschärft. Es konnten Wohnungen ohne richterlichen Beschluss durchsucht werden und Strafen von bis zu 100000 Goldmark oder gar Gefängnis sollten verhängt werden können.

Doch für die an die Wand gemalten staatsumstürzlerische Anstrengungen von Radiorevolutionären finden sich gar keine historischen Quellen, auch wenn es Versuche gab illegal zu senden. Dazu  Gerd Walther:

O-Ton Gerd Walther: „Hats gegeben ganz am Anfang, ist aber relativ aufwendig. Wenn ich einen Röhrensender habe dann hab ich auch entsprechend großes Gerät und von daher sind dem Grenzen gesetzt. Es gab immer wieder -  mehr im spielerischen Bereich - solche Versuche.“

In den Kreisen der Staatsumstürzler wurde – ganz im Gegensatz zu den Vermutungen der Post – die Arbeiterradiobewegung zunächst wohl eher belächelt.

Dazu sagt der Hörspielredakteur Klaus-Michael Klingsporn:

O-Ton Klaus-Michael Klingsporn: “Es war keineswegs so dass SPD und KPD das am Anfang in irgendeiner Form politisch relevant fanden. Die fanden das alles Spielerei und dummes Zeug. “

Klingsporn hatte 1988 für eine studentische Arbeit über die Arbeiterradiobewegung tief in den Archiven gegraben. Seinen damaligen Recherchen entstammt auch das folgende Zitat:

Zitat: „Man nimmt schlechthin an, die Beschäftigung mit dem Rundfunk sei eine bessere Spielerei, die sich für den klassenbewußten Arbeiter ganz und gar nicht lohnt, die ihm nur Zeit wegnimmt.„

So klagt noch 1928 ein Mitglied des  Arbeiter-Radio-Bunds Deutschland. Der hatte sich drei Jahre zuvor - zunächst unter dem Namen Arbeiter-Radio-Klub - in Abgrenzung zu bürgerlichen Funkamateuren gegründet, um zum Mindesten Einfluss auf das neue Medium zu nehmen. Tatsächlich war die Haltung der SPD nicht sehr kritisch gegenüber der Entwicklung des Rundfunks, in dem Industrie und Staat die Fäden hielten, die Arbeiterbewegung aber ausgrenzten.

Die Kommunisten hingegen neigten zu einer Propaganda des Nicht-Hörens wie Klaus-Michael Klingsporn in seiner Arbeit konstatierte, da sich „der Rundfunk in den Händen der kapitalistischen Gesellschaft“ befinde und erst nach der Revolution „restlos in den Dienst des menschlichen Fortschritts“ gestellt werde könne.

Seit den Anfängen der Arbeiter-Radiobewegung existierte die Forderung nach einem eigenen Sender. Einheitliche Pläne, wie man einen solchen nutzen wollte, gab es freilich nicht. Ein Mitglied des Arbeiter Radiobunds Österreich  - vermutlich spricht hier Otto Stöber – erinnerte sich, wie er die sozialdemokratische Parteiführung für seine Pläne gewinnen wollte. Er brachte das Argument vor, man könne im Krisenfall mit einem solchen Sender den Republikanischen Schutzbund mobilisieren - die bewaffnete Arbeiterwehr der österreichischen Sozialdemokraten:

O-Ton: „...ich habe mir ehrlich vorgestellt, wenn wir mit Unterstützung -  natürlich auch finanzieller Unterstützung - der Partei, einige solcher Sendeanlagen bekämen, dann wäre das Problem für den Schutzbund im Alarmfall gelöst, weil man brauchte ja nur in Attnang, in Steyer einen Empfänger aufstellen. Und wann der Gruber schreit ‚Hallo zu den Waffen‘, dann ist alles geschehen und die Polizei kann da nichts  abschneiden und nichts verbieten, denn die hört ja gar nichts, wenn sie nicht die richtige Welle hat.“


Unterstützung durch Parteifunktionäre der SPD gab es für solche Forderungen auch in Deutschland kaum. Der politische Kampf des Arbeiter-Radio-Klubs galt denn auch mehr und mehr der Partizipation und der Mitbestimmung der Sendeinhalte.


O-Ton Gerd Walther:  „Man ist gar nicht so weit gegangen, dass man einen eigenen Arbeitersender haben wollte, man hat eine Stunde oder drei in der Woche  Rundfunk Sendung machen wollen. Das ist natürlich abgelehnt worden, weil die Obrigkeit da ganz andere Interessen hatte und mit sozialistischen Bewegungen wahrlich wenig am Hut hatte, auch wenn das sozialdemokratisch beteiligte Regierungen waren.“

Derweil eroberte der Rundfunk trotz „mangelnder Information, wirklichkeitsferner Belehrung und seichter Muse“, wie ein Zeitgenosse rügte, die Gunst der Massen.  Mit Hilfe des neuen Mediums hielt der Jazz Einzug in die Kultur der Deutschen und KünstlerInnen wie Lilian Harvey erfüllten mit ihren Schlagern psychologische aber auch soziale Bedürfnisse des Industriezeitalters:

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Der Rundfunk sollte nach der Maßgabe des Reichs-Rundfunk-Kommissars Hans Bredow unparteiisch sein. Vorträge die unter dem Verdacht des Politischen standen, wurden kontrolliert und zensiert. Dies hinderte freilich nicht, wie die Zeitung des Arbeiter-Radio-Bunds vielfach kritisierte, dass Nationalismus und Revanchismus in den Sendungen Raum fanden. Denn was unparteiisch war, bestimmten die, die das Medium kontrollierten.  So sagt Kurt Tucholski in seinem Essy "Der politische Rundfunk":

Zitat: ...die ganze Frechheit der nationalen Kreise, die ganze Schlappheit der Opposition liegt schon in diesem Faktum, dass das, was diese Burschen »nationale Gesinnung« nennen, als selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Als selbstverständlich und normal galt dann eben, nationale Themen mit patriotischem Pathos vorzutragen.  Ein Auszug aus der Rundfunkreportage von 1930 über die „Befreiungs-Feier“ in Trier anläßlich des Abzugs der allierten Besatzungstruppen:

O-Ton: Reportage Trier 1930

Kritik tat also not und so war Kritik am bürgerlichen Rundfunk auch eine der wichtigsten Aufgaben der verschiedenen Zeitungen, die von den Organisationen der Arbeiterradio-Bewegung im Laufe der Jahre herausgegeben wurden. Kritik an den hohen Rundfunkgebühren, Kritik an rechter und religiöser Propaganda, an der mangelnden Repräsentation der ArbeiterInnen in den Sendungen, und auch am Frauenbild, wie es vom Weimarer Rundfunk reproduziert wurde.

Für Frauen sendete die „Deutsche Welle“ 1926 zwar erstmals die „Stunde der Hausfrau und Mutter“. Auch sprachen hier die Frauen selbst. Das Programm stand allerdings unter dem Einfluss konservativer Hausfrauenverbände.

So schildert Margarete Bauer 1926 in „Der neue Rundfunk“:

ZITAT: Wie die «bürgerlichen Frauenzeitschriften - von der „Eleganten Welt“ und der „Dame“ bis zur „Berliner Hausfrau“ -  so ist das Niveau der gebotenen Vorträge. Die Proletarierfrau kommt nicht zum Wort. Und auch wirklich ernsthafte und tiefer schürfende Frauenfragen werden nicht behandelt.

Wie wäre es, wenn nach „Die Frau am Teetisch“ auch einmal das Thema folgte:
„Ein Arbeiterhaushalt“, und statt des gewiß für manche Damen hochinteressanten Referates: „Kann ich mit einer Freundin reisen?“ man einen Gewerkschaftsbeamten zu einem Vortrag über „Die Lage der Heimarbeiterinnen“ aufforderte?

Manche Dame, die bequem in ihrem Gobelinsessel gelehnt ihre Radiostunde hört, würde dann vielleicht auch belehrt, daß es noch ernstere Sorgen gibt, als die, ob das Grau der Schuhe genau zu dem neuen Komplet paßt.

…..

Sicher differenzierte sich das Radioprogramm im Laufe der Jahre aus und öffnete sich in begrenztem Maß auch für die bürgerliche Frauenbewegung. Doch noch 1931 veröffentlichte die kommunistische Radio-Zeitung „Arbeitersender“ das folgende Gedicht:

ZITAT:
Das ist der Frauenfunk

Man saß gerade beim Modetee
Und sprach von dem zartrosa Frühlingskomplet
(Eine „Schöpfung“ von Herpich u. Söhnen),
Da begann der Rundfunk zu klönen.

„Entzückend!“ meinte die dicke Frau Klein.
„Man kommt uns mit Griechisch und mit Latein!
Asparagus, hör‘n Sie. heißt Spargel,
Doch wie übersetz' ich - Quargel?

„Erziehung ist alles", erklärte Frau Blunck,
„Ich bin restlos begeistert vom Frauenfunk,
Er bringt so gebildete Themen -(Möchten Sie ein Praline nehmen?)

Ich finde den Rundfunk ja einfach enorm! "Erziehung Zur Ehe und Ehereform"
War neulich ein Vortrag gewesen -
(Haben Sie Van de Velde gelesen?)"

„Na, manchmal“, gähnte die dicke Frau Klein, „Da könnten die Vorträge stilvoller sein!
Wie neulich die Fürsorgeärztin gesprochen,
Da habe ich schleunigst den Strom unterbrochen!‘

„Ich bitte Sie", protestierte Frau Blunck, „Beim Muttertag hat sich der Frauenfunk
Dagegen doch fabelhaft benommen . .
Meine Kinder sind alle mit Geschenken gekommen!"

Während dieses Frauengespräch' sich begab,
Trug man eine proletarische Mutter zu Grab.
Und die Frau, die kein Pfarrer zu Grabe trug,
Die hatte an e i n e m Geschenk genug!

Wovon die Welt mit Entsetzen spricht:
Den Frauenmord-Paragraph 218, den kennt der Rundfunk nicht!


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1929 spaltete sich die Arbeiterradiobewegung. Hintergrund waren wachsende Konflikte zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Es gab zunehmend Kritik an der hinhaltenden Politik der SPD angesichts der wachsenden Faschismusgefahr , die KPD schloss sich der gegen die SPD gerichtete Sozialfaschismustheorie an und am 1. Mai und folgenden Tagen wird in Berlin auf Anweisung des SPD-Innenministers und des sozialdemokratischen Polizeipräsidents ein Blutbad unter Demonstranten und Unbeteiligten angerichtet.  

Die Sozialdemokraten drängen die Kommunisten dem Vorstand. Nun gibt es zwei Organisationen, den eher sozialdemokratischen Arbeiterradiobund ARBD und den kommunistisch orientierten FRBD, den Freien Radio-Bund Deutschland.

O-Ton Gerd Walther: „Es gab ja auch diese Spaltung in sozialdemokratisch orientierte  und kommunistische orientierte Leute. Aber im Wesentlichen war das etwas, das von oben nach unten gekommen ist und nicht aus  der rundfunkbegeisterten Arbeiterschaft.“

meint der Historiker Gerd Walther.  

Doch zwischen den beiden Strömungen gab es bedeutende Unterschiede, was das Verhältnis zum Medium Rundfunk und seiner Organisation, die Forderungen und Nahziele anbelangte. Sozialdemokraten hatten die Forderung nach eigenen Sendern längst aufgegeben. Sie zielten auf Reformen und waren in den Kontrollgremien des späten Weimarer Rundfunks vertreten.

Die KPD jedoch war – anders als die NSDAP – während der ganzen Weimarer Republik grundsätzlich vom Rundfunk ausgeschlossen. Kein Wunder also, dass die kommunistische Arbeiterradiobewegung nicht auf Reformen hoffte, sondern Fundamentalopposition bezog. Gefordert wurden proletarische Kurzwellensender und es wurde gegen den Rundfunkfaschismus Stellung bezogen.

Auch forderte der Freie Radiobund Deutschlands (FRBD)  Arbeitersendestunden, die von der „Interessensgemeinschaft für Arbeiterkultur“ gestaltet werden sollten, sowie einen Programmaustausch zwischen Deutschen und sowjetischen Rundfunkanstalten. Dennoch dürfte der „Arbeitersender“, die Zeitschrift des FRBD nicht ernsthaft damit gerechnet haben, dass der folgende im Februar 1932 abgedruckte „Programmvorschlag“ für den 1. Mai Berücksichtigung durch  die Deutsche Welle finden würde:

Zitat:
7 Uhr Morgenmusik des proletarischen Blasorchesters Leipzig.
8 Uhr Bekanntgabe der Stellplätze für die Demonstrationsteilnehmer.
8.30 Uhr Verlesung des kommunistischen Manifestes.
9 Uhr Vortrag: Körperkultur und Lebensreform im Arbeiterstaat.
9.45 Uhr Vortrag: Esperanto im Dienste des internationalen Proletariats.
10.30 Uhr Demonstrationsübertragung und Reportage.
11.30 Uhr Ansprachen von den Sammelplätzen der Demonstrationen.
12.15 Uhr Mittagskonzert des Roten Orchesters erwerbsloser Berufsmusiker.
14.15 Uhr Vortrag: Die sozialistische Planwirtschaft.
15 Uhr Konzert des Mandolinisten-Orchesters „Frei Klang“.
15.45 Uhr Übertragung der Maifeier der Moskauer Arbeiterschaft.
16.30 Uhr Vortrag: Lenins Leben.
17 Uhr Massenchorkonzert der Volkschöre „Freiheit“ und „Rote Lyra“.
18 Uhr Gedenkrede: Der 1. Mai — der Weltfeiertag des Proletariats.
18.45 Uhr Zwiegespräch über die Bedeutung des 1. Mai zwischen einem
alten und einem jungen Arbeiter.
19.15 Uhr Proletarische Bücherschau.
20 Uhr Proletarisches Kabarett.
22 Uhr Übertragung der internationalen Sendungen des Moskauer Gewerkschaftssenders.
22.30 Uhr Proletarische Berichterstattung.

Der Freie Radiobund entwickelte in der kurzen Zeit seines Bestehens interessante Praxis-Formen. Die Idee des Zahlstreiks wurde nochmals aufgegriffen. Die Aktion richtete sich gegen den zunehmenden Einfluss der NSDAP auf den Rundfunk. „Rote Radisten“, Techniker der Arbeiterradiobewegung, bauten Verstärkeranlagen für Lautsprecherwagen. Die fuhren durch Berlin, übertrugen Agitation und spielten verbotene Lieder. Sogenannte „Abhörgemeinschaften“ wurden organisiert, in denen die politische Berichterstattung diskutiert und kritisiert werden sollten. Der „Arbeitersender“ druckte Anleitungen, ab, wie der Empfang verstärkt werden konnte, um Radio Moskau empfangen zu können.

1933 wurden beide Organisationen, der Arbeiterradiobund und der Freie Radiobund von den Nationalsozialisten verboten. Der Rundfunk wurde zum Propagandainstrument der Nazis umfunktioniert. Nicht einmal eine Dekade hatte die Arbeiterradiobewegung Zeit gehabt, um konkrete Alternativen in Sachen Rundfunk zu entwickeln.

Zu einem ernst zu nehmenden Kampf um das Medium war es nie gekommen. Der Grund, so Klaus-Michael Klingsporn: Die Analyse  der Weimarer Rundfunk-Organisation durch die Arbeiter-Radio-Bewegung habe viel zu kurz gegriffen. Während die KPD-nahen Radiofreunde die Veränderung auf nach der Revolution vertagten, wollte der SPD-Flügel einfach nur selbst in die Überwachungs- und Kontrollgremien. Das wesentliche Merkmal des Rundfunks aber war sein staatsnaher-regierungskontrollierter Charakter.  Und den habe die Arbeiter-Radio-Bewegung schlicht nicht ins Feuer ihrer Kritik genommen.

O-Ton Michael Klingsporn: "Das Problem: dass man die Struktur, die der Weimarer Rundfunk hatte, bei beiden Gruppen überhaupt nicht erkannt hat. Und diese  Regierungskontrolle, die letztlich von vornherein jede Arbeit ausschließt, die in irgendeiner Form wirklich programmverändernd  ist, haben sie bis zum Schluss nicht erkannt. Und das, was dann im Faschismus mit einem Handstreich gemacht werden konnte, indem man einfach in diesen Gesellschaften nur den Vorsitzenden austauscht und damit das Programm gleichgeschaltet hat, haben sie überhaupt nicht gesehen.    

Letztendlich haben sie gar keine Reform der Struktur angestrebt, sondern wollten einfach nur teilhaben an diesen Kontrollmechanismen. Also auch Vertreter in den Beiräten haben, aber eben nichts an den Strukturen ändern.

Das ist die grösste Kritik die man haben kann, denn sie haben einfach nicht begriffen was sie vor sich haben. Da sind sie allerdings nicht die einzigen gewesen."  

 


Die „Heinze-Frauen“ - Ein erfolgreicher Kampf um gleichen Lohn

Gelsenkirchen, 1979: In einer Dunkelkammer entsteht der Plan der Arbeiterinnen beim Fotolabor-Betrieb Heinze sich gegen Lohndiskriminierung zur Wehr zu setzen und gleichen Lohn für Männer und Frauen durchzusetzen. Mehr als zwei Jahre währte ihr Kampf, der bundesweit Aufmerksamkeit erregte und eine Welle der Solidarität auslöste.

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"Keiner schiebt uns weg". Dieses Lied, das die "Heinze-Frauen" sangen und dem immer neue Strophen hinzugefügt wurden, wurde in der ganzen Republik zur Hymne eines Kampfes für Gleichheit zwischen Frauen und Männern.

Der Fotolabor-Betrieb Heinze zahlte Männern 1,50 DM mehr Lohn. Damit verstieß er zwar gegen den geltenden Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", doch es bedurfte eines zweijährigen Kampfes der Arbeiterinnen bei Heinze, bis die Lohndiskriminierung beseitigt war.

Mit einem Blick zurück auf die Geschichte von Frauenarbeit und ihre gesellschaftliche Beurteilung gehen wir diesen Auseinandersetzungen der Heinze-Frauen nach.

Quellen

  • Das Interview: Gisela Kessler im Gespräch mit Gerd Mangelsdorf
    Leitung: Thomas Grimm, Produktion: 2001. Der Film erschien bei „Zeitzeugen TV. Film- und Fernsehproduktion GmbH“ in Berlin in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
    www.zeitzeugen-tv.de/
  • Die Schallplatte mit Buch: „Wir wollen gleiche Löhne – Keiner schiebt uns weg“
    Der Kampf der Kolleginnen bei der Firma Heinze, hrsg. von der Industriegewerkschaft Druck und Papier (IGDruPa), 1981.
  • Der Film: Pierburg – Ihr Kampf ist unser Kampf von Edith Schmidt und David Wittenberg, 1974/75
    de.labournet.tv
  • Das Buch mit DVD: Wilder Streik – das ist Revolution
    hrsg. v. Dieter Braeg, Die Buchmacherei 2012
    diebuchmacherei.de
  • LabourNet Germany, Treffpunkt der gewerkschaftlichen Linken mit und ohne Job
    www.labournet.de
  • Die CD: „... weil auch du ein Arbeiter bist“ Revolutions-, Frauen & ArbeiterInnenlieder
    von Angelika Sacher und Klaus Bergmaier erschien 2006
    www.arbeiterinnenlieder.at.tt

Danksagung

Sprecherin: Martina Fries

Sounds: The Runner (David Szesztay), Strum (Capture My Heart) (Phish Funk)


1795 bis 1847: Auf Krawall gebürstet

1795 bis 1847: Krawall, Hungerrevolte, Streik, Prekarität, Frauenmilitanz, Pöbel auf den Straßen, die Junirevolution, Facebook im Vormärz. 2017: Unruhen in Hamburg, Tumult beim Abschiebeversuch an der Berufsschule. Spazierengehen, Kaffeetrinken und plaudern mit der Zwischenfälle-Crew.

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1830 hängen in Nürnberg immer wieder Zettel an der Stadtmauer. Es wird zum Aufruhr aufgerufen. Mit "Mord und Brandt" wird gedroht, sollten Gewalt und Zwang nicht enden. 200 seien schon bewaffnet, heißt es. Die aufrührerischen Anschläge sind Ausgangspunkt für Nadja Bennewitz, Michael und Tim Liebler sich auf die Spurensuche zu machen.

Was waren die Hintergründe für zahlreiche Unruhen in der Zeit des Vormärz? Gab es wirklich eine "Eyerkuchenrevolution" in Nürnberg? Welche Rolle spielten Frauen bei "militanten Aktionen"? Und was ist von Berufsschülern zu halten, die mit Gewalt eine Abschiebung verhindern wollen?

Herzlich willkommen zum Gespräch über diese Fragen und zum Ausflug in die Nürnberger Altstadt.

Quellen

  • Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Nürnberg,. Bd. 14 Band I/II: 1830-1890, bearb. von Udo Winkel, 2001
  • Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland - Von den Anfängen bis 1914 (Ralf Hoffrogge)
  • Maschinensturm in Eupen: http://www.grenzgeschichte.eu/

Danksagung

SprecherInnen: Ingrid Artus, Ute Heine
Sounds: The Runner (David Szesztay), Backyard (David Szesztay)


Hannah Höch, die Grand Dame des DADA

Sie war eine der interessantesten Künstlerinnen der klassischen Moderne: Die Malerin, Fotomonteurin und Collagistin Hannah Höch.

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Dass nicht erst die 1920er Jahre "wild" waren, das weiß, wer sich schon mal mit Dadaismus beschäftigt hat, einer rebellischen Kunstform, die mitten im Ersten Weltkrieg entstand und sich nicht nur gegen den Krieg, sondern gegen die bürgerliche Gesellschaft als solche richete. Unter anderem um Dada geht es in unseren heutigen Zwischenfällen. Vor allem aber geht es um Hannah Höch, die einzige Frau in den Anfängen der Berliner Dadaistenszene.

Sie war Teil der antibürgerlichen Dada-Bewegung, die im Ersten Weltkrieg hervortrat und die sich als Anti-Kunst verstand. Obwohl sich Hannah Höch künstlerisch ständig weiter entwickelte, hielt sie zeitlebens fest an dem ursprünglichen Dada-Konzept des Anti-Stils.

Danksagung

  • Wir danken Bernd Baader, dem Neffen von „Oberdada“ Hannes Baader, der uns das Interview zur Verfügung stellte, das er 1977 mit Hannah Höch führte.
  • Die Aufnahmen im Germanischen Nationalmuseum entstanden anlässlich einer Führung zu Hannah Höch Mitte Dezember 2017. Danke an die beteiligten Diskutantinnen!
  • Sprecherinnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Steffi Weigel, Beate Bennewitz und Ingrid Artus
  • Mit Musik von Forty One, Lobo Loco und David Szesztay

Weitere Informationen:

  • Bernd Baader, (geb. 1937), Studium Grafik-Design und Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart; fast vier Jahrzehnte tätig als Grafiker beim SWR; Dada-Forscher; Maler; seit 1982 über 40 Ausstellungen: berndbaader.gallery
  • Das vollständige Interview von Bernd Baader mit Hannah Höch ist unter dem Titel „Bernd Baader bei Hannah Höch, Berlin-Heiligensee, 12. August 1977“ abrufbar auf Bayern 2

So, jetzt bin ich da - der Widerstand der Kuni Schwab

Die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin Kuni Schwab arbeitete als junge Frau 1933 für die illegale KPD und wurde schließlich verhaftet und verurteilt. Doch auch nach ihrer Freilassung blieb sie weiterhin als Antifaschistin aktiv.

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In der zweite Ausgabe der Serie „Zwischenfälle“, die gegenläufige Erinnerungen wachrufen und Geschichte aus einem ungewohnten Blickwinkel erzählen will, begegnen wir einer Bekannten aus der letzten Folge wieder: Kuni Schwab ist manchen älteren Nürnbergern keine Unbekannte und wird auf Wikipedia mit dem Ausspruch zitiert: „Ich wusste nicht, dass man für ein anständiges Leben einen Preis bekommt“. Mit diesem Satz kommentierte sie 1994 einen Preis, den sie „für herausragendes Engagement zur Wahrung menschenwürdiger Lebensumstände“ erhielt.

Was die Nürnberger Kommunistin und Friedensaktivistin riskierte, um ein „anständiges Leben“ zu führen, darum geht es im Beitrag  – und im O-Ton von Kuni Schwab selbst.

Quellen

Interview von Philipp Engel

Danksagung

Musik von David Szesztay, Ondrosik, Art of Escapism, FAFOOT, Gostenhofer Frauenchor.
SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Ute Heine, Philip Manthey, Ingrid Artus, Coco
 


Die Höhlendruckerei

1933 übernehmen Ludwig Göhring, Kuni Schumann-Schwab und Hannes Pickel die Aufgabe, im Raum Nürnberg für die illegale KPD eine Zeitung zu produzieren. Eine Höhle in der fränkischen Schweiz wird für kurze Zeit zur "Untergrund"-Druckerei. Dann holt der Terror der Nazis die jungen Leute ein.

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Quellen

  • "Der Höhlendrucker" - politische Lebenserinnerungen,  Ludwig Göhring
  • Das andere Nürnberg, Hermann Schirmer
  • Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Nürnberg 1933 - 1945, Helmut Beer
  • Dokument 923-D aus dem Nürnberger Kriegsverbrecherkongress vom 14 November 1945 bis 1. Oktober 1946
  • Film: "Standhalten und EIngreifen",  Ludwig Mertel

u.a.

Danksagung

Script

Atmo: Schritte im Wald, knackende Äste …

Zusammen mit einem dutzend Menschen haben wir uns heute auf Weg in den Veldensteiner Forst im Osten der Fränkischen Schweiz gemacht. Ca 1 Stunde dauert der Fußmarsch von Neuhaus durch Kiefernwald und karstige Heide vorbei an der Mysteriengrotte und durch den lichteren Mischwald unterhalb des Schelmbachsteins. Unser Ziel ist die wenig bekannte Anton-Völkl-Grotte. Ein kaum begangener schmaler und steiler Pfad führt uns zu einem unscheinbaren Loch im Fels. Ein aus dem Boden ragender Felsbrocken verdeckt die Sicht ins Innere. Dahinter scheint auf den flüchtigen Blick nur ein halber Meter Raum zu sein.

Auf Bitten des Nürnberger Antifaschistischen Aktionsbündnisses hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN diese Exkursion organisiert. Gustl Ballin, VVN-Mitglied und Vorsitzender der nordbayerischen DKP hat uns hierher geführt:

Gustl Ballin: Das ist jetzt keine besonders große Höhle. Es gibt auch keine Tropfsteine. Hier hat ein illegaler junger Erwachsener 1933 im Frühsommer eine illegale Zeitung gedruckt„

Gemeint ist Ludwig Göhring. Der damals 22jährige war Mitglied der KJVD, der Jugendorganisation der KPD gewesen. Nach der Machtübernahme der Nazis mussten sich die Kommunisten in der Illegalität organisieren.

Gustl Ballin: „Januar 33 haben die Faschisten die Macht übernommen. Und dann ging das Schlag auf Schlag. Es gab Razzien. Man hatte Schwarze Listen. Die KPD wurde verboten. Später auch die SPD. Es ging Schlag auf Schlag und schnelle. Von Seiten der der KPD wurde überlegt, wie kann man sich äußern, und so hat man eine Zeitung gemacht mit einer Auflage von 2000.“

Bei einem konspirativen Treffen im Mai 1933 in einem Waldstück bei Nürnberg wird Ludwig beauftragt die Herstellung der Zeitung zu übernehmen: die „Blätter der sozialistischen Freiheitsaktion“ .

Mit im Team sind Kuni Schumann-Schwab und Ludwigs Freund Hannes Pickel.

  • Hannes ist Mechaniker, besorgt für die KPD Deckadressen, Verstecke und Druckmaterialien.
  • Die 22jährige kaufmännische Angestellte Kuni ist als Schreibkraft für Parlamentarier der KPD tätig.
  • Der 22jährige arbeitslose Klempner Ludwig Göhring stammt aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Seit Sommer 1932 ist er in Nürnberg für die KPD und den kommunistischen Jugendverband KJVD aktiv.

Alle drei kennen sich bereits aus der SAJ, der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend. Unter den zugespitzten politischen Verhältnissen hatten sie sich den Kommunisten zugewandt.

Ludwig und Hannes richten für die Herstellung der „sozialistischen Freiheitsaktion“ einen Schuppen in der Nürnberger Gartenstadt ein. Hannes und Kuni übernehmen die redaktionelle Arbeit bei der sie Artikel der Roten Fahne verarbeiten, Göhring zeichnet den Zeitungskopf. Zum Vervielfältigen wird ein Matritzen-Abzugsgerät verwendet. Ludwigs spätere Frau Irma Göhring erinnert sich:

Irma Göhring: „So a Abziehmaschiene Ham sie a ahnung was des is. Des is wie a große Schreibmaschine Da hat mer kurbelt und auf der andern Seite is des Papier rauskommen. … „No hat mer da immer wieder Farbe nachtun müssen damit es auch richtig gedruckt war. „

Vor allem aber macht der Apparat einen Riesenlärm. Man fürchtet die Entdeckung und so sucht man für die 2. Auflage nach einem neuen Ort.

Gustl Ballin: Jemand der nicht namentlich bekannt ist kannte diese Höhle und hat sie den Genossen von der KPD gezeigt. Und weil sie ja so unscheinbar ist hat sie sich gut geeignet. Es wird erst mal sehr eng, kann nicht einfach jemand reinspazieren.“

So eng ist es, dass nicht jeder aus unserer Gruppe durchpasst. Mir selbst wird abgeraten. Mein Kollege Marco Lehner nimmt das Mikrofon mit in die Tiefe.

Marco Lehner: „Ich bin jetzt hier an einem Seil angehangen und schieb mich durch einen mittlerweile nur noch 20 cm langen Gang. Also hier jetzt diesen Schacht runter. Ich brauch ein bisschen mehr Seil. (Steine rieseln) Achtung Steine!!!  Ist euch was passiert.... Also ab.“

Organisierung in der Illegalität

Verbot und Illegalität kommen zwar nicht völlig überraschend für die KPD. Die Partei hatte 1932 auch Maßnahmen eingeleitet, die die Arbeit in der Illegalität ermöglichen sollte.

Das betrifft vor allem die Aufrechterhaltung der Leitungsstruktur und die Weiterverbreitung der Parteizeitungen. So sollen Kuriere den Kontakt zwischen der Bezirksleitung und den Stadtteilleitungen aufrecht erhalten.

Wie lange allerdings der faschistische Terror anhalten und welches Ausmaß er annehmen wird, kann man sich 1933 noch nicht vorstellen.

Gustl Ballin:Die KPD war schon zeitweilig mal verboten und ihre Zeitung verboten. Das war alles gar nicht so tragisch sag ich mal. Man konnte sich praktisch vor 33 so vorstellen den Faschismus im Rückblick wie wir das heute so kennen. Die Leute die dann Antifaschisten waren war gar nicht so einfach sich in Situation hinein zu denken. Deswegen sind ja so viele auch verhaftet worden und sind umgekommen.“

Die Verbreitung von Publikationen aus der Illegalität ist natürlich eine wichtige Aufgabe. Vor dem Reichstagsbrand am 27. Februar 33 und dem folgenden Verbot der KPD gab es in Nürnberg ein knappes Dutzend kommunistische Stadtteilzeitungen mit Namen wie Rotes Sprachrohr oder Sturmfahne. Der „Rote Sandberg“ aus Johannis gehört zu den bedeutendsten. Trotz Verbot kann er – vermutlich noch bis Frühsommer 33 – mit einer Auflage von bis zu 2000 Stück zu einem Preis von 10 Pfennig herausgegeben werden.

Als Ludwig Göhring, Kuni Schumann-Schwab und Hannes Pickel im Juni mit der Herstellung der „Sozialistischen Freiheitsaktion“ beginnen, haben erste Verhaftungswellen im März und April bereits beträchtliche Lücken in die Führungsebene der KPD geschlagen, während der kommunistische Jugendverband in Nürnberg noch relativ intakt ist. Es gibt zu dieser Zeit in Nürnberg wohl etwa 300 kommunistisch organisierte Jugendliche.

Vor diesem Hintergrund wird die bis dahin eigenständig agierende Jugendorganisation stärker in die illegale Parteiarbeit der KPD einbezogen. Aus Berichten der politischen Polizei geht denn auch hervor, dass die Aktivitäten der kommunistischen Jugend seit März zugenommen haben. Man verteilt Flugblätter und Zeitungen, wie den „Roten Jungsturm“, hilft beim Einschmuggeln von politischem Material aus dem Ausland und übernimmt Kurierdienste.

Marco Lehner: „Ich bin jetzt hier im Hauptraum der Höhle, Das ist ein etwa 10 auf 20 Meter großer Raum....“

Nachdem der geeignete Ort gefunden ist, muss die Gruppe möglichst unauffällig das große Matritzenabzugsgerät dort hin schaffen.

Irma Göring erinnert sich:

Irma Göhring: „Erst hat er sichs an'gschaut. Dann sind sie raus mit dem Motorrad...

Auch eine Strickleiter besorgt sich Ludwig Göhring. Gefertigt wird sie von einem Freund der drei, Kunis Schwager Oskar Pflaumer. Oskar fragt nicht groß nach, wofür die Leiter gebraucht wird, stellt sie laut späterem Polizeibericht aus Stahlkabeln und Eisenstäben her. Nachdem Transport und Zusammensetzen des Apparats geglückt sind, macht sich Ludwig noch zweimal auf den Weg zur Anton-Völkl-Grotte. Über Nacht, beim Schein einer Karbidlampe stellt er die zweite Ausgabe der Zeitung her. Diesmal geht noch alles glatt.

Auch eine dritte Ausgabe kann er in einer Augustnacht in mühevoller Arbeit vervielfältigen. Doch am Morgen, zurück in Nürnberg, scheitert dann der Versuch der Übergabe des fertigen Materials zur Weiterverteilung am Nürnberger Ostbahnhof.

Gustl Ballin: „Dann kam der Zeitpunkt, dass man sich auf diese illegale Tätigkeit noch nicht eingestellt hat. Es gibt 2 Minuten Karenzzeit wenn jemand nicht kommt. ...„

Ludwig wird in die Folterkeller der SA verschleppt. Erst ins Nebenzimmer eines Wirtshauses, dann ins SA-Hauptquartier, danach in die SA-Wache in der Fürther Straße und dann in die Samariter-Wache am Kornmarkt. Er wird bis zur Bewußtlosigkeit geprügelt. Schließlich gibt er den Standort der Höhle preis.

Die Methoden der SA sind bestialisch. Man schlägt den Gefangenen wie in der orientalischen Bastonade die Fußsohlen blutig, man pumpt ihnen den Magen auf, man hängt sie kopfüber an der sogenannten Schaukel auf, wo sie in entwürdigender Haltung geprügelt werden.

Jahrzehnte später wird Ludwig sich erinnern:

O-Ton Ludwig Göhring: Auf einer Stahltragbare war ich festgebunden mit dem Rücken nach oben. Über mir saß erhöht auf einem Stuhl der Vernehmungsführer: Er kommandierte nur: 20 weil er lügt. Ein anderer stellte die Fragen: Wer war dein Auftraggeber. Wer hat das Papier. Wo wurde gedruckt. So ging es 1,1/2 Stunden. Auf dem Boden neben der Tragbahre konnte man Blutspuren sehen. Sie beendeten dann nachdem ich den Standort der Höhle genannt hatte.“

Auch in einem Untersuchungsbericht vom Dezember 1933 ist zu lesen:

Zitat: „G. (Göhring) wurde dann auf eine bereitstehende Tragbahre gebunden und von zwei SA-Leuten mit einer Ochsensehne und einem Gummiknüttel auf Gesäß und Fußsohlen geschlagen. Dann wurde er auf den Abort gefiihrt. Nach 10 Minuten wurde er wieder geholt und mußte durch ein Schlüsselloch in den Raum sehen, in dem er vorher vernommen worden war.“

Dort sieht er seinen Freund Oskar Pflaumer beim Verhör. Zwei Tage nach seiner eigenen Verhaftung war dieser im Rahmen einer Großrazzia des Nürnberger Gestapochefs Otto festgenommen worden Nun wirft man ihm die Herstellung der Leiter vor. Auch Oskar Pflaumer wird bestialisch gefoltert. Die Folter überlebt er nicht. Er stirbt an den Folgen seiner Verletzungen. Haupttäter sind die SA-Männer Eugen Korn und Hans Stark.

Der Mord an Oskar Pflaumer kann nicht völlig unter den Tisch gekehrt werden. Auf den Druck der Verwandten kommt es zu einer Untersuchung:

Zitat: „Die am 18. August 1933 vorgenommene gerichtliche Leichenöffnung hat ergeben, daß an der Leiche die Haut des Gesäßes und der Oberschenkel in Form des Reithoseneinsatzes tief blaurot verfärbt war. Die Haut der Fußsohlen war von dem massenhaft darunter angesammelten Blut vorgewölbt, sodaß sich beim Einschneiden nach Ablaufen des Blutes fast faustgroße Taschen ergaben. Der Landgerichtsarzt hat noch berichtet, daß nach seinem Befund Pflaumer in grausamster, qualvoller Weise mit stumpfen Gegenständen zu Tode gepriigelt worden sei.„

Doch die SA-Führung und willfährige Stellen in Justiz und Polizei verhindern die Verurteilung der Mörder. Obwohl schwerlich Zweifel an der Täterschaft von Korn und Stark bestehen können, wird das Verfahren gegen sie niedergeschlagen, mit der Begründung:

Zitat: „...würde das Ansehen der SA, der Partei, der Polizei und des nationalsozialistischen Staates überhaupt in schwerster Weise geschädigt und erschüttert. Noch größer aber wäre der Schaden für das Deutsche Reich, der dadurch entstehen wurde, dass - wie bestimmt anzunehmen ist – das Ausland von den Vorgängen Kenntnis erhielte.“

Epilog

Im November 34 wird Göhring mit anderen Kommunisten in München wegen Hochverrats zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Haftstrafen reichen jedoch den Nazis nicht aus. Nach der Haft kommt er wie viele andere zunächst ins KZ Dachau, nach einem Zwischenaufenthalt im KZ Flossenbürg zum brutalen Arbeitseinsatz bei Erdarbeiten und im Steinbruch wieder zurück nach Dachau. Weil er sich an einer Solidaritätsaktion beteiligt, wird er ausgepeitscht und zu einem Jahr Strafkolonie verurteilt. 1944 wird er ins KZ Neuengamme verlegt und dort zur berüchtigten SS-Sturmbrigade Dirlewanger gepresst, die angesichts hoher Verluste zum Kriegsende hin viele KZ-Häftlinge rekrutiert. An der Front desertieren Hunderte von ihnen zur Roten Armee, unter ihnen auch Ludwig Göhring.

Nach der Machtergreifung der Nazis gelingt es der Nürnberger KPD nur ein einziges Jahr lang in der Illegalität organisiert zu überleben. Immer stärker werden die Aktiven von immer neuen Verhaftungswellen dezimiert. Nachdem Ende Januar die 3. Bezirksleitung zerschlagen wird, ist eine Organisierung im echten Sinne nicht mehr möglich. In München werden im Juni 1934 gegen 29 Angeklagte 12 ½ Jahre Zuchthaus und 25 Jahre Gefängnis verhängt. Für die Verurteilten ist nach der Haft meist der Leidensweg nicht zu Ende. Sie werden in KZ‘s verschleppt, wo viele von ihnen ermordet werden.

Etwas länger kann die Rote Hilfe standhalten, in der auch Nicht-Kommunisten aktiv sind. Doch obwohl die Organisationen zerschlagen sind - ZeitzeugInnen und zahlreiche Gerichtsakten belegen: Bis zum Kriegsende leisten Nürnberger Kommunisten, Sozialdemokraten und Antifaschisten als Einzelpersonen und in Gruppen auf vielfältige Weise Widerstand.

Marco Lehner: „All right ich bin unten. …. „

Teilnehmer: Ich bin heute hier weil mich das interessiert, weil ich glaube Illegalität ist schon eine schwierige Sache....“

  • Hannes Pickel gelingt als einzigem des Höhlendruckerteams die Flucht. Er taucht wohl zunächst in Nürnberg unter, lebt dann in Berlin steckbrieflich gesucht 1 Jahr lang in der Illegalität und gelangt schließlich ins Exil im Ausland.
  • Kuni Schumann-Schwab wird am 21. August 1933 mit anderen GenossInnen verhaftet, wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilt und sitzt bis August 1934 im Gefängnis Aichach ein. Monate lang muss sie in Einzelhaft verbringen. Nach dem Krieg wird sie Vizepräsidentin der Verfassungsgebenden Landesversammlung und ist bis zum neuerlichen KPD-Verbot 1956 Stadträtin in Nürnberg.
  • Ludwig Göhring kann 1945 nach Nürnberg zurückkehren. Nach 12 Jahren Gefängnis und KZ. Er wird Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des NS-Regimes. Ludwig Göhring stirbt im Sommer 1999.