Streik

Ohne Streik geht nix. Diese Erfahrung machte die ArbeiterInnenbewegung in ihrer Geschichte. Über streikende Handwerkergesellen, die ersten Gewerkschaften und rebellische HafenarbeiterInnen in Hamburg.

Schon im alten Ägypten streikten Arbeiter, die die Pharaonengräber errichten mussten. Streiks von Handwerkergesellen sind erstmals für das 14. Jahrhundert belegt. Im 18. Jahrhundert sind in Deutschland bereits 500 Gesellenstreiks nachgewiesen, vor allem zur Zeit der Französischen Revolution. 

In den Anfängen der Industrialisierung werden die Organisations-Erfahrungen im Handwerk von der ArbeiterInnenbewegung aufgegriffen, denn die ehemaligen Handwerker finden nun Arbeit in den Fabriken. Sie sind stolz auf ihre Berufstradition. Die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse und -bedingungen empfinden sie als degradierend und als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte. Ihre qualifizierte Arbeit wird abgewertet und in der maschinellen Fertigung zerstückelt. Die Abhängigkeit, die früher durch den Aufstieg zum Meister enden konnte, soll nun lebenslang fortbestehen.

Gegen die oft drückende Not, gegen Arbeitszeiten bis zu 17 Stunden und die Willkür der Unternehmer wehren sie sich mit ihrer stärksten Waffe: Dem Streik.

 

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Quellen

 

Danksagung

  • SprecherInnen: Nadja Bennewitz, Michael Liebler, Wally Geyermann, Adrian Wolf, Klaus Riemer, Philip Cichon, Tim Liebler und Ingrid Artus
  • Das Arbeiterlied "Empor zum Licht" stammt aus dem Film „Linden ein Arbeiterlied“ von Wolfgang Jost und Winfried Wallat
  • Wir danken den BesucherInnen der Silvester-Feier im Nürnberger Stadtteilladen Schwarze Katze, die den BergarbeiterInnen aus Zola‘s "Germinal" ihre Stimme gaben.
  • Musik von: Art of Escapism, Borrtex, Davod Hillowitz, Musicks Recreation, Ryan Cullinane, David Szesztay, Dee Yan Key, Noel Griffin und Mid Air Machine

Script

Der letzte große und lang anhaltenden Streik, den wir hier in Nürnberg hautnah erlebten, war der der ArbeiterInnen bei AEG gegen die Werksschließung durch den Elektrolux-Konzern. Damals gab es internationale Solidarität. Unter anderem besuchten Bruno Vaso und Ambra Mettapesa von der italienischen CGIL die Streikenden und zeigten sich überrascht von einer ganz anderen Streikkultur in Deutschland:

Angesichts der Tatsache dass der Wind sehr stark gegen die Streikenden weht finde ich das Durchhaltevermögen erstaunlich. Wir freuen uns sehr darüber wie gut der Zusammenhalt ist und dass die Arbeiter während des Streiks bezahlt werden können. Bei uns ist das anders. Bei uns ist es so, dass die Arbeiter am Ende des Streiks draufzahlen, weil es diese Form der Streikkasse nicht gibt. Wir müssen noch eine Möglichkeit finden, wie wir eine solche Form des Streiks auch durchführen können. Wenn wir streiken, dann gibt es einzelne Streiktage, an denen wir versuchen die öffentliche Meinung zu beeindrucken. Ich bin beeindruckt über die Stärke der Arbeiterklasse in Deutschland.“

Andere Länder andere Streikkulturen. Aber den Respekt der italienischen Gewerkschafter für die Stärke ihrer deutschen KollegInnen in allen Ehren: Arbeitskämpfe sind bei uns Deutschen zwar institutionell eingebettet und gesetzlich abgesichert wie kaum anderswo. Die Streiklust packt uns heutzutage allerdings im internationalen Vergleich eher selten.

Das war einmal anders. Doch wie wurde früher gestreikt? Wer waren die AkteurInnen? Wir machen uns auf die Suche nach der Streikkultur in den Anfängen der Industrialisierung.

Eines der Hauptwerke des naturalistischen Romanciers Émile Zola‘s ist das Buch „Germinal“, das von frazösischen Bergarbeiterfamilien handelt, die sich gegen ihre Not und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zur Wehr setzen. Zola hatte monatelang mit Bergarbeiterfamilien zusammengearbeitet um ihre Lage und ihre Denkweise verstehen zu können:

Etienne wollte jetzt schließen.
»Kameraden, was ist euer Beschluß? ... Stimmt ihr für die Fortsetzung des Ausstandes?«
»Ja, ja!« schrien die Stimmen.
»Und welche Maßregeln beschließt ihr? ... Unsere Niederlage ist sicher, wenn sich morgen Feiglinge finden, die einfahren.«
»Tod den Feiglingen!« erbrauste es mit der Gewalt eines Sturmwindes.
»Ihr beschließt also, sie an die Pflicht, an den geschworenen Eid zu mahnen ... Wir könnten folgendes tun: bei den Gruben erscheinen, die Verräter durch unsere Anwesenheit zurückzujagen, der (Bergbau-)Gesellschaft zeigen, daß wir alle einig sind, und daß wir eher sterben als nachgeben.«
»Ja, ja, zu den Gruben! Zu den Gruben!«

Die Verräter, das sind belgische Bergarbeiter, die in Zolas Roman als Streikbrecher eingesetzt werden. Ähnlich wie von Zola beschrieben, dürften auch in Deutschland um 1880 Bergarbeiter empfunden und gehandelt haben. Gestreikt wurde allerdings schon lange bevor die Industrialisierung einsetzte. Bereits im 14. Jahrhundert wird über Streiks von Handwerkergesellen berichtet.

 

Im 18. Jahrhundert sind für Deutschland 500 Gesellenstreiks belegt. Ihre Zahl nimmt zu im Umfeld der französischen Revolution. Es handelte sich in der Regel nicht um spontane Ausbrüche von Rebellion - etwa unter Alkoholeinfluss, wie zeitgenössische Kommentare häufig unterstellen. Die Herbergen waren Orte kollektiver Bewusstseinsprozesse. Wenn der „Arbeitsmarkt“ gut war, oder wenn die Nachfrage stieg – z.B. vor Messen, versuchten die Gesellen ihr Einkommen zu steigern, trafen sich in der Herberge und beschlossen Forderungen. Kamen die Meister den Forderungen nicht nach, so wurden Umzüge organisiert. Dies verlief nicht immer friedlich, denn Streik- und Demonstrationsrecht gab es ja nicht. Wenn die Behörden eingriffen – u. Z.B. die Herberge umstellten, kam es zu Auseinandersetzungen. Die Organisierung war nicht nur lokal. Die Gesellenwanderung ermöglichte eine schnelle Ausweitung der „Streikbewegung“, Laufbriefe gelangten rasch auch in weit entfernte Städte.

 

Dass auch die Polizei den Vorgängen in der Herberge Aufmerksamkeit schenkte, davon zeugt die Dienst-Instruktion der Stadt München für Gendarmen von 1830:

 

Das Betragen der Handwerksgesellen und Lehrjungen, besonders uf ihren Herbergen und bei Handwerksversammlungen, verdient die besondere Aufmerksamkeit der Gendarmerie, damit alle Eccesse, so wie allenfallsige Klagen der Meister abgestellt werden können.

Die gleiche Dienstanweisung veranschaulicht, dass auch Arbeitszeit ein wichtiges Thema der Auseinandersetzungen zwischen Meistern und Gesellen war:

 

Es ist bei Strafe untersagt, dass Handwerks Gesellen an sogenannten blauen Montagen und abgewürdigten Feiertagen arbeitslos in Wirthshäusern sich aufhalten und zechen, oder dass dieselben an solchen Tagen den Meistern die Arbeit verweigern.

Auch Boykottmaßnahmen, die von den Gesellen als „Verruf“ bezeichnet wurden, waren ein probates Kampfmittel. Bei dem „verrufenen“ Meister durfte keiner mehr Arbeit annehmen, bis dieser den Forderungen nachgekommen war.

 

Um 1848 entstehen die ersten gewerkschaftsähnlichen Organisationen. Buchdrucker und Zigarrenarbeiter schließen sich zu nationalen Verbänden zusammen, dabei fordern die Buchdrucker bereits damals Tarifverträge. In Berlin kommt es für dieses Ziel auch zu Streiks, die allerdings scheitern. Streikführer werden verhaftet und verurteilt, darunter auch Stefan Born, in Mitglied des Bundes der Kommunisten, der zu zwei Wochen Gefängnis wegen Verstoßes gegen die Gewerbeordnung verurteilt wird.

Diese Urteile beruhen auf §182 der preußischen Gewerbeordnung:

 

Gehülfen, Gesellen oder Fabrikarbeiter, welche entweder die Gewerbetreibenden selbst, oder die Obrigkeit zu gewissen Handlungen oder Zugeständnissen dadurch zu bestimmen suchen, daß sie die Einstellung der Arbeit oder die Verhinderung derselben bei einzelnen oder mehreren Gewerbetreibenden verabreden, oder zu einer solchen Verabredung Andere auffordern, sollen mit Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft werden.

 

Eben jener Stefan Born gründet 1848 die Allgemeine Arbeiterverbrüderung. Ihr pragmatischer reformorientierter Forderungskatalog macht die Arbeiterverbrüderung populär. Die Arbeiterverbrüderung hat 15000 Mitglieder und gibt sich eine demokratisch Struktur. Die Organisationen der Zigarrenarbeiter und der Buchdrucker schließen sich an. 170 Arbeitervereine in ganz Deutschland treten bei.

Im Mai 49 findet in Nürnberg der Allgemeine Baierische Kongress der Arbeiterverbrüderung statt. Der Nürnberger Arbeiterverein veröffentlicht anschließend einen Aufruf

an alle Arbeiter Frankens
Brüder, Arbeiter! Der Nürnberger Arbeiterverein hat . . . die Aufgabe erhalten, überall in Mittelfranken Arbeiter- und Bauernvereine zu gründen. …
Das einzige Mittel dem wucherischen Kapital und dessen Besitzern gegenüber ist: Vereinigung und zwar aller Arbeiter Deutschlands. Ihr fränkischen Brüder, an Euch ist es, dem großen Bruderbund sich anzuschließen.“

Nach 1848 folgt eine Welle der Repression. Zwar garantiert das preußische Vereinsgesetz Vereins- und Versammlungsfreiheit. Arbeitervereine jedoch, die politische, sozialistische oder kommunistische Ziele vertreten, werden verboten. Politische Vereine, dürfen keine Frauen, Schüler und Lehrlinge aufnehmen. Die Arbeiterverbrüderung und andere Verbände, wie die der Buchdrucker und ZigarrenarbeiterInnen, werden zerschlagen.

Aber allenorts gründen sich auch in den 50er Jahren neue „Assoziationen“, so auch der Nürnberger Arbeiterverein, offiziell mit dem Focus auf Bildung. Unterstützungskassen bilden oft das Rückgrat. Auch verdeckte gewerkschaftliche Organisationen können wohl nicht vollständig unterdrückt werden. Das zeigen die sich zuspitzenden Konflikte, die sich 1855 und 1857 in regelrechten Streikwellen ausdrücken.

Die Repression ist nicht die einzige Reaktion des Staates. Erste sozialpolitische Reformen werden eingeleitet. Doch das wichtigste „sozialpolitische Instrument“ bleibt die Niederschlagung von Protest und Streik durch die zur damaligen Zeit militärisch organisierte und ausgerüstete Polizei.

So berichtet Polizeidirektor Hirsch 1855 über die gewaltsame Beendigung des Streiks der Färbergesellen in Elberfeld:

Unterdessen hatten sich schon von Mittag an Neugierige, Weiber und Kinder in Masse um das Rathhaus versammelt [...] . Die Massen verliefen sich nicht, sondern nahmen zu, so daß sich gegen 7 Uhr etwa 3 bis 4000 Menschen versammelt hatten, die bereits Gepfeife, Geschrei und Toben nur zu arg vernehmen ließen. Nachdem nun noch der Polizei Inspektor Döring mehrere Mals aber ebenfalls vergeblich zum Fortgehn aufgefordert hatte, blieb, wenn man nicht die gröbsten Excesse abwarten wollte, nunmehr nichts weiter übrig, als mit Gewalt einzuschreiten und die Haufen zwangsweise zu zerstreuen.“

Immerhin: trotz Verfolgung der Organisationsansätze und Strafandrohungen kommt es bereits zwischen 1850 und 1859 zu 107 Arbeitsniederlegungen. Die sozialen Konflikte sind durch staatliche Polizeigewalt und durch Verbote nicht mehr zu bändigen.

Auch Arbeiterinnen sind in diese Streikaktivitäten involviert. Sie stehen als Streikposten mit ihren Kollegen vor den Fabriken, versuchen Arbeitswillige von der Arbeitsniederlegung zu überzeugen – und das mal argumentativ, mal mit handgreiflicheren Maßnahmen –, sie besuchen die Streikversammlungen und einige halten währenddessen verbotenerweise auch öffentliche Reden.

Anfang der 1860er Jahre lässt die Repression nach. Die ersten Massenparteien der ArbeiterInnenbewegung formieren sich. Revolutionäre , die ins Exil gegangen waren, kehren zurück, unter ihnen z.B. Wilhelm Liebknecht. Liebknecht tritt dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein unter Führung von Ferdinand Lasalle bei, gründet später mit anderen aber die an Karl Marx orientierte Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP.

Sowohl Ferdinand Lasalle, der die Theorie eines „ehernen Lohngesetzes“ vertritt, als auch die Marx-nahe SDAP haben Vorbehalte dagegen, Organisationen zu schaffen, die sich in Streiks für ökonomische Verbesserungen erschöpfen.

So erklärte der sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig 1871 in einer Resolution:

Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für die Dauer nicht helfen; „

Dennoch initiieren beide Strömungen, die sich später wieder zur SPD vereinigen werden, gewerkschaftliche Organisationen, die die vorhandenen Arbeitervereine und gewerkschaftlichen Strukturen auf nationaler Ebene organisieren sollen. Im Gegensatz zu liberalen oder später entstehenden christlichen, nennen sich diese die „Freien Gewerkschaften“.

Zum ersten Massenstreik in Deutschland kommt es 1869 im schlesischen Waldenburg. Ausgerechnet die Gründung des liberal ausgerichteten „Gewerkvereins Deutscher Bergarbeiter“, dessen Satzung eigentlich eher zu einem humanitären Unterstützungsvereins als zu einer Gewerkschaft passt, ist der Auslöser. Die Grubenbesitzer lehnen den Gewerkverein als Vertreter der Bergleute ab, und veröffentlichen eine drohende „Bekanntmachung“ gegen die gewerkschaftliche Organisierung.

Der Gewerkverein seinerseits formuliert seine Forderungen nach Normallöhnen und Verkürzung der drückend langen Arbeitszeit in unterwürfigem Ton und bietet sich sogar als Disziplinierungsinstanz an:

Hiergegen versprechen wir, auch ferner als treue und rechtschaffene Arbeiter den Herren Arbeitgebern mit allen unseren Kräften zu dienen und uns dadurch als würdige Mitglieder des Gewerkvereins zu zeigen. Wir geben uns sogar unter eine strenge Kontrolle unseres Vorstandes, der gegen einen lässigen, faulen Arbeiter – nach gehaltener Besprechung mit dem Herrn Arbeitgeber – auch Maßregelungen eintreten lassen kann“

Die Reaktion der Zecheninhaber: Maßregelungen von Arbeitern, Kündigungen von Werkswohnungen. Am 1. Dezember 1869 treten 6400 von 7400 Kumpeln in den Streik, der fast 2 Monate dauern soll – ein bewundernswertes Durchhaltevermögen angesichts der knappen Ressourcen der Bergarbeiterfamilien und der Winterzeit. Auch verweigern die Arbeitgeber den Streikenden Zuwendungen aus der Knappschaftskasse.

Der Streik erregt Aufsehen weit über die Grenzen Schlesiens hinaus. Aber er endet mit der Niederlage. Viele Kumpel wurden danach nicht mehr angestellt, nicht wenige sind zur Auswanderung ins Ruhrgebiet gezwungen.

Doch die Streik-Bilanz jener Jahre fällt für die ArbeiterInnenbewegung keineswegs negativ aus. Zu ihrem Erfolg trägt auch der 1860 einsetzende Wirtschaftsboom bei. Über die Hälfte der Arbeitsniederlegungen enden mindestens mit einem Teilerfolg für die Streikenden. Dies kann auch erklären, warum die sozialistischen Gewerkschaften mehr Mitglieder anziehen, als die liberalen Hirsch-Dunckerschen, für die Streik ja nur das letzte Mittel ist.

Den Sozialistengesetzen, die 1878 „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ erlassen werden, und bis 1890 gelten, fallen erneut viele der noch jungen Organisationsansätze zum Opfer. Doch bereits in 1880er Jahren erlebt die ArbeiterInnenbewegung bereits wieder einen Aufschwung. Auch erste Schritte in Sachen Gleichberechtigung werden eingeschlagen. Schon Fourier hatte den Sozialisten ans Herz gelegt, und Friedrich Engels hatte seine Worte aufgegriffen:

Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation. „

In der Praxis jedoch tut sich bei der ArbeiterInnenbewegung in Sachen Frauenemanziption bis 1990 wenig. Priorität hat der Kampf gegen die Verfolgung, könnten wir entschuldigend anführen, alles andere steht oft dahinter zurück. 1890 fällt zwar das Parteiverbot. Doch die Frauen können sich immer noch nicht legal organisieren. Denn in den meisten Bundesstaaten ist die politische Vereinsbetätigung von Frauen und Minderjährigen verboten.

Immerhin: Als 1990 nach der Aufhebung der Sozialistengesetze die Freien Gewerkschaften als ihre oberste nationale und berufsübergreifende Instanz eine „Generalkommission der deutschen Gewerkschaften„ gründen, wird neben 6 Männern auch Emma Ihrer in die Kommission gewählt.

Auf dem ersten Kongress der Freien Gewerkschaften 1892 in Halberstadt senden die Delegierten ein klares Signal an ihre Mitgliedsverbände: Die Werbung von Frauen sei ein „Gebot der Selbsterhaltung”. Daher sollen, wo nötig, die Statuten geändert werden, um die Aufnahme von Frauen zu ermöglichen.

Die Wirkung dieses Beschlusses ist freilich begrenzt. Der Frauenanteil in den Freien Gewerkschaften steigt nur sehr langsam – von rund zwei Prozent im Jahre 1892 auf 3,3 Prozent im Jahre 1900 und schließlich auf 8,8 Prozent im Jahre 1913.

Nicht nur die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen und deren Formen des Widerstands verändern sich, auch das neue Industriekapital formiert sich zum Klassenkampf.

Die Industriekapitalisten wollen ihren rasanten Aufstieg, der sich innerhalb weniger Jahrzehnte vollzog, nicht durch Forderungen der Arbeiter oder Streik bremsen lassen. In einer eine Ansprache von 1877 an seine Angestellten sagt Alfred Krupp:

Genießet, was euch beschieden ist. Nach getaner Arbeit verbleibt im Kreise der eurigen, bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern und sinnt über Haushalt und Erziehung. Das sei eure Politik, dabei werdet Ihr frohe Stunden erleben. Aber für die große Landespolitik erspart euch die Aufregung.“

Damit nimmt er die patriarchische Haltung des typischen Unternehmers der Wilhelminischen Zeit ein, der Herr im Haus sein will und auf der Unmündigkeit seiner Untergebenen beharrt. Die gesetzliche Ordnung wissen die Unternehmer dabei hinter sich.

Doch damit nicht genug: sie legen auch schwarze Listen an mit den Namen von „Rädelsführern“ an und greifen vor allem ab den 1890er Jahren vermehrt zum Mittel der Aussperrung. Arbeitgeberverbände treten nun den Gewerkschaften organisiert gegenüber.

Deren Macht hatten die Hamburger ArbeiterInnen 1890 zu spüren bekommen, als sie am 1. Mai im Kampf für den 8-Stunden-Tag die Arbeit niederlegten. Die Antwort waren wochenlange Aussperrungen, von denen zeitweise 20 000 Menschen betroffen waren. Die Auseinandersetzung endete mit einer bitteren Niederlage.

Doch wenige Jahre später kam es erneut zum Kampf. Der Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896/97 gehört zu den am besten dokumentierten Arbeitskämpfen des ausgehenden 19.Jahrhunderts.

Der Kontext des Streiks wirkt überaus modern: Zorn über gestiegene Lebenshaltungskosten und Wohnraumvernichtung aber auch internationale Solidarität waren mit auslösend. Prekäre Arbeit und das Agieren der Frauen spielten ein wichtige Rolle in seinem Verlauf.

Die Schwankungen der Erwerbsgelegenheiten finden nicht nur in dem weiten Laufe veränderter Konjunkturen statt; von Woche zu Woche ja von Tag zu Tag ist im Hafenbetriebe die Nachfrage nach Arbeitskräften verschieden. Diese Unsicherheit muss naturgemäss auf den Charakter der Arbeiterschaft wirken, besonders auf die, welche nicht in festem Lohne stehen und den weitaus größten Teil ausmachen.

So beschreibt Johannes Martin Schupp in seiner Dissertation von 1908 die prekären Arbeitsverhältnisse vieler Hafenarbeiter. Obwohl Hamburg 1896 das Zentrum der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung ist, sind viele Hafenarbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert., da sie in den Sparten-Gewerkschaften keine dauerhafte Heimat haben.

Als der englische Hafenarbeiterführers Tom Mann, im September 1896 in Hamburg wegen seiner Agitationstätigkeit für eine internationale Organisierung verhaftet und ausgewiesen wird, kommt es zu Solidaritätsveranstaltungen unter dem Titel „Die Ausweisung des Genossen Tom Mann und die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation der Hafenarbeiter“. Bei den Veranstaltungen werden auch Arbeits- und Einkommensbedingungen diskutiert.

Die Hamburger Hafenarbeiterfamilien haben unter Preiserhöhungen, dem Abriss hafennaher Wohnungen und mit dem Umzug verbundenen höheren Mieten zu leiden. Die Wut über die Ausweisung Manns bring wohl das Fass zum Überlaufen. Zwar sind es zunächst nur die notorisch renitenten Schauerleute, die streiken wollen. Das Gewerkschaftskartell verweigert zunächst seine Zustimmung. Bei lokalistischen Gewerkschaft der Schauerleute, die sich vom Zentralverband der Hafenarbeiter abgespaltenen hatten, herrscht allerdings Ebbe in der Streikkasse. Niemand rechnet mit einem großen und langen Streik.

„Ein längerer Streik schien also völlig ausgeschlossen. Als daher am 20. November 1896 die Schauerleute wegen Lohndifferenzen die Arbeit niederlegten, standen sie im vollen Widerspruch zur Verbandsleitung. Nichtsdestoweniger war die Erregung unter den Hafenarbeitern so groß, dass bis zum 28. November die wichtigsten Kategorien sich alle im Ausstand befanden. In kurzer Zeit folgten die übrigen, und die Zahl der Streikenden belief sich auf ca. 17.000 Mann. „

berichtet Johannes Martin Schupp.

Der Verlauf des Streiks widerspricht allen Regeln. Nichts ist vorab klar, die Organisation entsteht spontan im Arbeitskampf: Gewählte Streikkommissionen einzelner Berufsgruppen bilden ein zentrales Streikkommitee. Streikposten werden organisiert, Barkassen fahren Streife, um die Durchführung zu überwachen. Streikkarten werden verteilt und müssen täglich abgestempelt werden. Es werden eigens Massenversammlungen für Frauen organisiert, Innerfamiliäre Konflikte und damit ein Abbröckeln der Streikfront sollten auf diese Weise verhindert werden.

Von welcher Wichtigkeit die Tätigkeit der Frauen ist. dafür hat der Hamburger Hafenarbeiterstreik ein Beispiel geliefert.Während desselben haben sich meines Wissens die Genossen zum erstenmal an die Frauen gewendet, und ich glaube, daß es nicht zum geringsten Teil gerade dem Einfluß der Frauen zu danken ist, daß die Hafenarbeiter, die bis dahin fast gar nicht organisiert waren, so treu zusammengehalten haben.“

wird sich die Gewerkschafterin und Sozialdemokratin Luise Zietz erinnern, die in diesem Zusammenhang erstmals öffentlich auftritt.

Was die Organisierung, die Öffentlichwirksamkeit und die Solidarität innerhalb Hamburgs und aus dem ganzen Land anbelangt, ist der Streik ein voller Erfolg. Doch der Gegner, der Arbeitgeberverband Hamburg-Altona, ist zu keinen Zugeständnissen bereit. Verhandlungen werden von ihm wider alle rationalen Einwände und trotz Vermittlungsversuchen des Senats abgelehnt. In einer großangelegten und kostspieligen Aktion werden Streikbrecher herangezogen. Die Arbeitgeber begreifen die Auseinandersetzung als Machtkampf mit der Sozialdemokratie. Es geht ums Prinzip.

Im Februar wird der Streik schließlich abgebrochen. 500 Menschen werden anschließend zu Gefängnis oder Geldstrafen verurteilt. Nur wenige der Beteiligten können anschließend an ihren Arbeitsplatz zurück. Doch wenn die Schiffseigner dachten, die Gewerkschaften lägen ab jetzt am Boden, hatten sie sich getäuscht. In Massen treten die Hamburger Hafenarbeiter nun in die gewerkschaftlichen Organisationen ein.

Erfahrungen, wie die in Hamburg, führen jedoch in den 1890er Jahren dazu, dass die Gewerkschaften sich zentralisieren, hierarchischere Strukturen herausbilden und der Wunsch nach dauerhaften Vereinbarungen und Tarifverträgen stärker wird. So ist 1897 im Correspondenzblatt, dem Zentralorgan der Freien Gewerkschaften zu lesen:

„Die Gewerkschaften, getragen von dem Geiste der modernen Arbeiterbewegung, streben dahin, eine Macht im wirthschaftlichen Kampfe zu werden und von Macht zu Macht mit dem organisirten Unternehmerthum zu unterhandeln und zu Vereinbarungen und Tarifgemeinschaften zu kommen. Das wird aber weitere Kämpfe nicht ausschließen...

Die institutionalisierte Stärke der Freien Gewerkschaften, deren Mitgliederzahl nach 1900 in die Millionen wächst, hat aber seinen Preis. 1914 sind ihre Führer bereit einen Burgfrieden mit den Mächtigen zu schließen, um deren Krieg zu ermöglichen. Die Januarstreiks 1918 hingegen, die maßgeblich zur Beendigung des Krieges und des Kaiserreichs beitragen, brechen gegen den Willen der Gewerkschaftsspitze los, die sich mit ihrer Verständigungspolitik von der Basis entfernt hat.

Und - sind 100 Jahre Sozialpartnerschaft wirklich ein „Erfolgsmodell“? Das mit diesem Begriff verbundene Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 hält in seiner Substanz nur wenige Jahre. Mit diesem Vertrag werden einige von einer Rätebewegung bereits erkämpfte Fortschritte von Arbeitgeberseite aus Furcht vor einem drohenden Sozialismus anerkannt – dies aber im Tausch gegen die die Hoffnungen von Millionen auf eine echte Sozialisierung und Demokratisierung.

Zurück ins Jahr 2006: Als Bruno Vaso und Ambra Mettapesa nach Nürnberg kommen, um ihre KollegInnen bei der AEG in ihrem Kampf zu unterstützen, tun sie das auch mit dem Willen, eine europäische Arbeiterbewegung neu zu formieren, die den Konzernen des 21. Jahrhunderts die Stirn bieten kann:

"Was wir hier tun, kann für eine langfristige Perspektive von Nutzen sein. Und diese Perspektive kann durchaus aus verschiedenen gewerkschaftlichen Kulturen heranwachsen. Der deutschen die eher auf einer Versöhnung von Unternehmen und Arbeitern beruht und unserer, die wir eher als kämpferische Opposition verstehen."